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lange bevor Siemens 1889 in Chemnitz ein Technisches Büro
eröffnete und Geschäfte begann, war es zu interessanten
Beziehungen zwischen der Stadt und dem Unternehmen gekommen.
Werner von Siemens und der Chemnitzer Oberbürgermeister
Wilhelm Andre erwähnen einander in ihren Memoiren in anerkennender
Erinnerung an das gemeinsame erfolg- reiche Ringen um
die deutsche Patentgesetzgebung, welcher der Erfinder
und Unternehmer sowie der Jurist und Verwaltungsfachmann
1876 zum Durchbruch verhalfen. Im gleichzeitig einberufenen
erlesenen Sachverständigengremium, das das Wirken des
neuen Gesetzes in der Praxis beobachten sollte, war Chemnitz
durch den Direktor der Höheren Gewerbschule, Regierungsrat
Böttcher, und durch Kommerzienrat Zimmermann, den Gründer
der ersten deutschen Werkzeugmaschinenfabrik, vertreten.
Noch einige Jahre früher entstand eine bisher wenig beachtete
Verbindung zwischen Siemens und Chemnitz, die hier näher
geschildert werden soll. In ihrem Mittelpunkt steht Paul
Bernhard Zeitschel. Er wurde am 2. Februar 1852 in Schweikershain
- zwischen Mittweida und Waldheim - als Sohn eines evangelischen
Pastors geboren und entstammte einer alten sächsischen
Familie, die viele Gutsverwalter und Domänenpächter hervorgebracht
hatte. Nach dem Besuch der Realschule in Dresden-Neustadt
studierte er vom 7. April 1869 bis Ostern 1872 an der
Königlichen Höheren Gewerbschule, wie die Matrikelbücher
des TU- Archivs in Chemnitz ausweisen. Nach einem Ergänzungsstudium
an der TH Karlsruhe war er als Praktikant und Mitarbeiter
bei Richard Hartmann tätig. Im Stadtarchiv fand man seine
Spuren im Chemnitzer Adressbuch von 1876. Um diese Zeit
reiste er auf Veranlassung seines Freundes und Firmenbesitzers
Kurt Siegel nach St. Petersburg. Nachdem er dort eine
Tätigkeit aufgenommen hatte, heiratete er im August 1877
in Nortana bei Wiborg/Finnland Leopoldine von Hueck, die
Tochter eines St. Petersburger Fabrikanten. In der Hueck
AG hat er auch gearbeitet. 1884 gründete er daneben ein
Unternehmen, das die Generalvertretung der Firma Schuckert
& Co, Nürnberg für Rußland übernahm. Er muss für Schuckert
sehr er-folgreich gewesen sein, denn schon 1885 fragte
Werner von Siemens seinen Bruder Carl, der in St. Petersburg
die Geschäfte führte: "Wie kommt es denn, dass die Maschinenkonkurrenten
(Schuckert u.s.w.) trotz der Zölle konkurrieren können?"
Als Zeitschel die Firma des Schwiegervaters erbte, legte
er diese mit der Filiale der Firma Schuckert & Co in St.
Petersburg zusammen und wurde deren Direktor. In der schrittweisen
Annäherung der Firmen Siemens und Schuckert war er Verhandlungsführer
bei den Gesprächen über die russischen Geschäfte. |
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Seit 1904 gehörte er auch dem Verwaltungsrat der Russischen
Elektrotechnischen Werke Siemens & Halske AG an. Um
diese Zeit weisen ihn auch Protokolle des St. Petersburger
Polytechnischen Vereins als Vortragenden aus. Als 1913
- wie in Deutschland - die Starkstromabteilungen der
oben genannten AG mit der Russischen Gesellschaft Schuckert
& Co zur Russischen Aktiengesellschaft Siemens-Schuckert
verschmolzen, wurde Bernhard Zeitschel deren Generaldirektor.
Er gehörte damit zu den führenden Industriellen Rußlands
vor dem Ersten Weltkrieg. Dies veranschaulicht auch
eine Aktie dieser Gesellschaft von 1914. Neben Zeitschel
unterschrieb als weiteres Mitglied der Verwaltung Hermann
Görz, der nach Carl von Siemens die Russischen Elektrotechnischen
Werke Siemens & Halske geleitet hatte. Als Präsident
der Verwaltung aber zeichnete kein Geringerer als A.
I. Putilov, ein russischer Großindustrieller, den man
gern mit Friedrich Krupp vergleicht, der aber ein ungleich
vielfältigeres Wirtschaftsimperium aufgebaut hatte.
Er saß in den Aufsichtsräten sehr vieler Banken und
Unternehmen. Ein weltpolitisches Detail eröffnet der
Blick auf den Plan der Geschäftseinteilung der 1913
neu gegründeten Gesellschaft. Stellvertretender Direktor
und damit unmittelbarer Mitarbeiter von Görz und Zeitschel
ist Leonid B. Krassin, der nach der Oktoberrevolution
als Ingenieur und Wirtschaftsexperte entscheidende Initiativen
in die Elektrifizierung der Sowjetunion, die Durchsetzung
des Außenhandelsmonopols und die Anerkennung der Sowjetunion
im Westen einbrachte. Noch wenige Wochen bevor er im
Frühjahr 1921 als Volkskommissar für Außenhandel durch
den Abschluss des Handelsvertrages mit England seine
diplomatische Laufbahn krönte, schrieb Krassin an einen
ehemaligen Siemens-Kollegen fast wehmütig über "die
ruhigen Zeiten vor 1914" und erwähnte gelegentliche
"Nachrichten von dem oder anderen Kollegen von der Siemens`schen
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Bernhard Zeitschel studierte von
1869 bis 1872 an der Königlichen Höheren Gewerbschule
in Chemnitz.
Foto: Siemens-Archiv
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Familie". Wohl wenige Chemnitzer Absolventen hatten
persönliche Kontakte in solchen Ebenen und mit so breitem
Spektrum. Zeitschel musste 1914 unter Zurücklassen seines
in Rußland aufgebauten Vermögens fliehen. Er zog sich
auf Schloss Haardt bei Neustadt a.d. Weinstraße zurück
und verstarb 1918 in Heidelberg.
Dr. Jochen Haeusler, Ex-Siemens-Chef
in Chemnitz Stephan Luther, Universitätsarchiv
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