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Zahllose Vorgänge finden sowohl in
der Natur als auch in der Technik an Grenzflächen zwischen
zwei Phasen statt. Hierzu gehört der Übergang von Sauerstoff
aus der Atemluft in den Blutkreislauf ebenso wie das
Rosten eines Kotflügels. Dabei ist der Stoffübergang
zumeist verbunden mit einem Ladungsübergang, der durch
elektrisch geladene Teilchen - durch Ionen - ebenso
erfolgen kann wie durch chemische Reaktionen. Beim Rosten
beispielsweise durch die Oxidation des Eisens und die
Reduktion des Luftsauerstoffs.
Ein atomarer Hauch aus Silber
Damit sind die zentralen Aufgaben
der Elektrochemie bereits genannt. Für elektrochemische
Prozesse, die sich vor allem an Grenzflächen zwischen
elektronenleitenden Metallen und ionenleitenden Flüssigkeiten
abspielen, ist die Oberfläche der Elektronenleiter besonders
bedeutsam. Schon wenige Metallatome auf einer anderen
Metall- oder Kohlenstoffoberfläche führen dabei zu völlig
neuen Eigenschaften. Weil Kohlenstoff oder graphitische
Werkstoffe zugleich billig, elektrisch leitfähig und
chemisch überaus beständig sind, werden sie häufig als
Elektroden zur elektrochemischen Energieumwandlung oder
-speicherung verwendet. Allerdings sind sie schlechte
Elektrokatalysatoren und fördern so kaum die gewünschten
Elektrodenreaktionen. Eine aus nur einer Atomlage bestehende
Silberschicht verbessert die Situation dramatisch: Allerdings
zeigt das Rasterelektronenmikroskop, dass die vermeintlich
gleichmäßige Silberschicht in Wirklichkeit aus uneinheitlich
verteilten, nanoskopisch kleinen Partikeln besteht,
in deren nächster Nähe die Elektrodenreaktionen besonders
rasch stattfinden.
Nobelpreiswürdige Polymerfilme
Auf der Seite der Ionenleiter zeigen
nur wenige Nanometer dünne Filme aus elektrisch leitfähigen
Polymeren - das sind makromolekulare organische Verbindungen
aus miteinander verknüpften Einzelmolekülen - ebenfalls
überzeugende katalytische Eigenschaften in elektrochemischen
Prozessen. Polyanilin - ein typischer Polymerfilm aus
dieser Stoffklasse - beschleunigt zahlreiche chemische
Reaktionen um ein Vielfaches. Diese noch recht junge
Werkstoffklasse - ihre "Entdecker" wurden dafür im Jahr
2000 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet - zeigt
darüber hinaus weitere ungewöhnliche Eigenschaften.
Ihre für das Auge sichtbare Farbe lässt sich elektrochemisch
steuern. Dieses besondere Merkmal könnte für farbige
Displays aller Art oder auch für "intelligente" Fenster
und Spiegel mit steuerbaren optischen Eigenschaften
genutzt werden. Zudem ist schon länger bekannt, dass
dünne Polymerfilme in geeigneter Anordnung den Bau einer
ionen- selektiven Elektrode ermöglichen.
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Mit derartigen Elektroden ist beispielsweise
die Bestimmung der Konzentration einer Ionensorte oder
der Summe der Konzentrationen sehr ähnlicher Ionen möglich.
Dazu muss der Polymerfilm ein maßgeschneidertes Ionophor
enthalten, dass nur eine bestimmte Ionensorte auswählt
und selektiv bindet. Diese Elektroden sind in der Prozess-
und Umweltanalytik ebenso unentbehrlich wie in der Medizintechnik.
Für anspruchsvollere Messungen reicht diese Elektrode
allerdings nicht aus. Um die Wasserhärte, getrennt in
Kalzium- und Magnesiumgehalt, zu bestimmen, entwickelt
die Chemnitzer Professur für Physikalische Chemie und
Elektrochemie derzeit mit der Firma Polysens (jetzt
Forschungszentrum Mittweida) einen Sensor, der die simultane
Bestimmung beider Ionen unter Angabe der separaten Konzentrationen
gestattet. Mit seiner Hilfe könnte so bald die genaue
Waschmittel- Dosierung in Spül- oder Waschmaschinen
möglich werden.
Sonde mit wählerischen Ionophoren
Und so funktioniert das simultane
Messprinzip: In einem wenige Mikrometer dünnen Polymerfilm
sind zwei Ionophore untergebracht. Eines dieser Ionophore
spricht auf Kalziumionen an, das andere auf Magnesiumionen.
Ein Teil des Polymerfilms ist zu dem Zweck auf einen
dünnen Metallfilm aufgebracht, die Gesamtkonzentration
der Ionen zu bestimmen. Der andere Teil des Polymerfilms
bedeckt eine kammartige Elektrodenstruktur, die den
elektrischen Widerstand des Films misst. Verändert sich
die Konzentration nur eines der in der Lösung befindlichen
Ionen, ändert sich auch der elektrische Widerstand.
Aus der so ermittelten Konzentration eines Ions und
der Gesamtkonzentration beider Ionen kann auf die noch
fehlende Konzentration des anderen Ions geschlossen
werden. Bezogen auf die Waschmaschine heißt das: Sowohl
das Waschmittel als auch der Wasserenthärter können
je nach Bedarf grammgenau zugeführt werden.
Prof. Dr. Rudolf Holze Professur
Physikalische Chemie und Elektrochemie
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So
sieht die neue Sonde aus, die bald eine genaue Dosierung
übernehmen könnte: Mit Hilfe der Kammstruktur (oben) und
zweier Elektroden im unteren Teil der Sonde lassen sich
Ionenkonzentrationen in einem Polymerfilm molekülgenau
bestimmen.
Foto: Institut für Chemie
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