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Interna
43
Heftnummer
  TU Spektrum  
   
Aus Kohle wurde nicht nur Geld gemacht
Der Gründer einer sächsischen Unternehmerfamilie und Stifter: Gotthelf Anton Wiede (1836-1911)
Lange bevor es an der Technischen Universität Chemnitz eine Professur für Unternehmensgründung gab, hat im Jahre 1854 ein Absolvent die Königliche Gewerbschule Chemnitz verlassen, dessen nachhaltigen - zum Teil noch heute im Betrieb befindlichen - Gründungen Ansporn zur Nacheiferung sein sollten.
Der in Böhrigen bei Roßwein 1836 geborene Müllerssohn Gotthelf Anton Wiede belegte in der Gewerbschule von 1850 bis 1854 das Spinnereifach. Das Matrikelbuch weist viele Belobigungen des Absolventen aus.

Von Textil zur Bergbau-Fördertechnik

Nach dem Studium wurde Wiede Werkmeister in einer Kammgarnspinnerei in Schedewitz bei Zwickau. Hier war der aufmerksame Textilfachmann umgeben vom Aufbruch des Zwickauer Kohlereviers, in dem der mit der Wasserkraft vertraute Müllerssohn doch sehr viel primitive Fördertechnik beobachtete. Dies reizte ihn, zwei Semester, von 1858 bis 1859, zusätzlich an der Bergakademie Freiberg zu studieren. Er hörte unter anderem bei Bernhard Cotta Geognosie, bei August Junge Praktische Markscheidekunst und bei Julius Weisbach Allgemeine Markscheidekunst. Von Freiberg kehrte er nach einer Prüfungsarbeit über „das Unterirdische im Reinsdorfer Revier“ mit der Befähigung zum Markscheider zurück.
1867 gründete er das Steinkohlenwerk „Morgenstern“ in Zwickau. Eine Holzpappefabrik wurde dem Werk angegliedert. 1871 folgte die „Concordia“ im Ölsnitzer Revier. Noch heute steht das ehemalige Treibhaus vom Concordia-Schacht, mittlerweile zum Wohnhaus um-gebaut. Erleichtert wurde Anton Wiede der Einstieg in den Bergbau dadurch, dass er in zwei Kohleschächte seiner Schwiegermutter eingeheiratet hatte. Der Kohlebergbau erforderte viel Grubenholz, und dies beschafften befreundete Holzhändler auch in Thüringen und Bayern. Dabei fiel den Experten, welche die Wasserkunst des Erzgebirges gut kannten, auf, wie schlecht genutzt dort die Flüsse und Bäche zu Tale flossen.
Mit großem Gespür für wirtschaftliche Chancen und dem Mut zur Vielseitigkeit wandte sich Wiede nach Textil und Kohle nun kurzzeitig der Keramik und intensiv dem Papier sowie der Carbidherstellung zu.

In Vaters Fußstapfen – Wiedes Söhne

Seine Söhne Johannes, Alfred und Fritz, die ihn bei allen diesen Innovationen begleiteten und beerbten, fügten noch die Kohlensäureproduktion in Hölle/Bad Steben hinzu. Der Betrieb existiert heute noch in Familienbesitz. Insgesamt entstanden:

 

1883 Wiedes Papierfabrik Rosenthal/Blankenstein/Thüringen, 1884 Zellulosefabrik Wiede & Co/Hof, 1886 Holzstofffabrik Höllenthal/Bayern, 1893 Holzschleiferei und Papierfabrik Wiede & Söhne/Trebsen an der Mulde, 1894 Papierfabrik Blankenberg (Zukauf), 1903 Wiede`s Carbidwerk Freyung /Bayern, 1904 Kohlensäurewerk Hölle/Bayern.

Anerkannter Stifter und Förderer

Diese Gründungswelle begleiteten Anton und seine Söhne nach guter Unternehmerart mit

   
ehrenamtlicher und gemeinnütziger Tätigkeit: Sie förderten das Wandergebiet „Rennsteig“ und waren Stifter im sozialen Bereich. Auch seiner alten Bildungsstätte gedachte Wiede. 1889 begründete er an der Königlich Höheren Gewerbschule die Böhriger-Stiftung mit einem Kapitalstock von 12.000 Mark. Deren Kapital erhöhte er 1911 auf 25.000 Mark und ließ diese nunmehr unter dem Namen Anton-Wiede-Stiftung weiterführen. Mit den Zinserträgen der Stiftung sollten befähigten Studenten Bildungsreisen finanziert werden. Die ausführlichen Reiseberichte der Stipendiaten, die Gotthelf Anton Wiede wohlwollend zur Kenntnis nahm, finden sich auch heute noch in den Beständen des Chemnitzer Universitätsarchivs und geben beredtes Zeugnis von
der Technik- und Wissenschaftsentwicklung. NachhaltigeUnternehmerleistungen gehen mit der Zeit. Im Carbidwerk Freyung leiten heute noch Nachfahren von Gotthelf Anton Wiede die Produktion synthetischer Diamanten unter Verwendung der von Anton und Alfred Wiede erschlossenen Wasserenergien. Die in der Schmuckindustrie eingesetzten Kristalle wurden bei der Suche nach solchen für die Lasertechnik gefunden. Die Fabrikanlagen in Rosenthal wurden nach der Wende von ausländischen Investoren modernisiert und geben heute 500 Menschen Arbeit. Was aus dem mehr als 100 Jahre alten Werk geworden ist, kann man per Fotoreise unter www.zpr.de besichtigen.
Aus dieser Unternehmergeschichte kann man fast neu definieren, was nachhaltiges Unternehmertum ist. Dank an die Familie Schulz, Carbidwerk Freyung, für viele Informationen zum Werk und zur Familie Wiede.
Dr. Jochen Haeusler, Ex-Siemens--Chef in Chemnitz
Stephan Luther, Universitätsarchiv
  Anton Wiede,
der Gründer einer
sächsischen Unternehmerfamilie,
belegte von 1850 bis 1854
an der Königlichen Gewerbschule
Chemnitz das Spinnereifach.
Foto:
Universitätsarchiv 502/8269
   
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