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Interna
14
Heftnummer
 
  TU Spektrum  
   
     
Bush braucht Erfolge an der „Heimatfront“

In den Vereinigten Staaten von Amerika ist die Parteienpolitik ins Capitol zurückgekehrt


Markus Lang ist Mitarbeiter der Professur Politikwissenschaft I der TU Chemnitz und beschäftigt sich mit dem politischen System in den USA.

Foto: Christine Kornack


 

Eine der einfachsten Möglichkeiten, sich über amerikanische Politik zu informieren, besteht in der Lektüre des Cartoons „Doonesbury“. Am 11. November ließ der Zeichner Gary Trudeau seine Charaktere sieben repräsentative Meinungen zur aktuellen Politik vorbringen. Das Spektrum reichte vom radikalen Pazifismus über die Forderung, endlich in Irak oder Syrien einzumarschieren, bis zur Behauptung, die Anschläge seien die Strafe Gottes für den moralischen Niedergang der Nation.
Wieder einmal hat Trudeau das Ohr am Puls der Zeit, besser an den vielen verschiedenen Pulsschlägen. Nach zwei Monaten fast vollkommener Einstimmigkeit sind Politik und Gesellschaft in den USA zum konfliktreichen „Normalzustand“ zurückgekehrt.

„Rally around the flag“

Die Terrorangriffe vom 11. September in New York und Washington haben Politiker wie Bevölkerung der USA zunächst einmal zu einer Einheit zusammengeschweißt. „Rally around the flag“ – in Zeiten der nationalen Bedrohung versammeln sich die Amerikaner gemeinsam um den Fahnenmast. Das ungewöhnliche Ausmaß dieser Einigkeit, das im Ausland oftmals voller Verwunderung beobacht wurde, wird verständlich, wenn man das ungewöhnliche Ausmaß der Zerstörung und die hohe Zahl der Opfer unter der Zivilbevölkerung bedenkt.
Die Einigkeit schlägt sich unmittelbar in den Meinungsumfragen nieder. Seit dem 11. September sind laut Gallup 90 Prozent der Amerikaner mit der Amtsführung von George W. Bush zufrieden. Der Congress erhält über 70 Prozent Zustimmung, was für dieses Gremium ebenfalls ein unerhört hoher Wert ist. Den Einsatz des Militärs in Afghanistan unterstützen 86 Prozent; 69 Prozent finden, die Reformen zur inneren Sicherheit seien genau richtig gewesen. Doch unter der Oberfläche dieser Zahlen zeigen sich Risse.

Symbolische und reale Einigkeit

In den ersten Tagen nach den Anschlägen standen symbolische Handlungen im Vordergrund. Am 12. September versammelten sich alle Abgeordneten und Senatoren auf den Stufen des Capitol und sangen gemeinsam und spontan „God Bless America“, eine Art inoffizieller Nationalhymne. Die Parteiführer in Senat und Abgeordnetenhaus – Trent Lott und Dennis Hastert für die Republikaner, Tom Daschle und Richard Gephardt für die Demokraten – verurteilten gemeinsam die brutalen Anschläge. In dieser Erklärung hatten Hastert und Gephardt wahrscheinlich mehr Worte miteinander gewechselt als im ganzen Jahr davor. Nach Bushs Rede zur Lage der Nation am 20. September gaben erneut Tom Daschle und Trent Lott eine gemeinsame Erklärung der Unterstützung für den Präsidenten ab. Normal wäre eine Replik und Kritik durch die

  demokratischen Oppositionsführer gewesen. Eine Opposition gab es allerdings zu diesem Zeitpunkt de facto nicht.
Dies schlug sich auch in konkreten Gesetzen nieder. Am 14. September verabschiedeten Senat und Abgeordnetenhaus einstimmig eine Resolution zur Ermächtigung des Präsidenten, militärische Mittel in Afghanistan einzusetzen. Nicht mehr ganz einstimmig aber immer noch mit 357 zu 66 Stimmen im Repräsentantenhaus bzw. mit 98 zu einer Stimme im Senat wurde am 25. Oktober ein Gesetz zur inneren Sicherheit verabschiedet. „Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism“, oder abgekürzt „USA PATRIOT Act“ – die breite Zustimmung zur Ausweitung der Kompetenzen der Sicherheitsorgane im Kampf gegen den Terrorismus wurde auch im Titel in ein patriotisches Gewand gehüllt.
Je weiter die Eindrücke der Katastrophe zurückliegen, umso mehr kehrt auch der alte Geist des Parteienzwists in die Hallen des Capitols zurück. Was vielleicht als erstes ins Auge stechen mag: Ziele und Mittel der Militärschläge in Afghanistan – Eskalation oder Deeskaltion, Wirksamkeit von Bombenangriffen und die Notwendigkeit humanitärer Hilfe, oder die Klugheit der engen Anbindung an die Nordallianz – werden immer mehr in Frage gestellt.

E pluribus unum

Diese Uneinigkeiten sind jedoch eher Zeichen der Stärke als der Schwäche, auf alle Fälle aber Zeichen einer „gesunden“ Politik. In einer pluralistischen Demokrtie sind Entscheidungen das Ergebnis von Konflikt und Kompromiss unterschiedlicher Interessen, Positionen und gesellschaftlicher Kräfte. Aus der Vielfalt muss bei jeder Entscheidung aufs Neue eine Einheit hergestellt werden. Dadurch erhält die Entscheidung ihre Legitimation, die Handlungsfähigkeit der Politik wird gestärkt.
Nicht gestärkt wurde die politische Handlungsfähigkeit dagegen bei den Verhandlungen zu einer Reform der Flughafensicherheit. Bereits am 11. Oktober verabschiedete der Senat einstimmig eine Gesetzesvorlage, mit der die Personen- und Gepäckkontrollen auf Flughäfen als nationale Aufgabe staatlichen Angestellten übertragen werden sollten – vergleichbar etwa der Feuerwehr oder der Polizei.
Die republikanische Mehrheit im Abgeordnetenhaus war jedoch anderer Meinung. Ganz in der Tradition ihrer Partei wollten sie mit allen Mitteln die Ausbreitung der Bundesbürokratie verhindern. Ihre Vorlage, in der die Überwachung der Flughäfen in der Verantwortung privater Unternehmen verbleiben soll, wurde am 1. November mit dem denkbar knappen Ergebnis von nur 227 gegen 201 Stimmen verabschiedet. Der republikanische Whip Tom Delay, eine Art Fraktionsvorsitzender, bezeichnete den Kampf um die Gesetzesvorlage als die zweitschwerste Aufgabe seiner Amtszeit -
   
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