Jenseits von Gut und Bö(r)seWie Gerüchte die Finanzmärkte beeinflussen
(HJG) Börsenspekulanten sind knallhart kalkulierende Leute, die sich bei ihren Entscheidungen nur von der Vernunft und sonst gar nichts leiten lassen? I wo. Börsenspekulanten sind Leute wie Du und ich. Nicht nüchterne Überlegungen bestimmen oft ihr Handeln, sondern Klatsch und Tratsch. Wie Börsengerüchte die Finanzmärkte beeinflussen, das hat jetzt der Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Friedrich Thießen untersucht. Das kommt selbst an der Börse nicht alle Tage vor: Innerhalb von Stunden machte die Aktie der Degussa einen Sprung um gleich 15 Prozent nach oben. Nur Stunden später war die Aktie wieder zum alten Kurs zu haben. Was war geschehen? Der aus Indien stammende Frankfurter Biochemiker Prakash Chandra hatte bei einem Treffen mit Frankfurter Bankenbossen darüber gesprochen, dass er an einem Mittel gegen AIDS arbeite und dieses Mittel bei der Degussa getestet werde. Die naturwissenschaftlich offensichtlich unbedarften Banker missdeuteten das nicht nur als einen Durchbruch im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit, sondern erzählten es auch weiter - ein Börsengerücht war geboren. Die Degussa war gezwungen, die überzogenen Hoffnungen zu dämpfen. Kein Einzelfall: Gerüchte bestimmen das Geschehen auf den Finanzmärkten in einem Maße, dass Laien und selbst die meisten Börsianer kaum für möglich halten. Immer noch hält sich in den Wirtschaftswissenschaften nämlich hartnäckig der Begriff vom "homo oeconomicus", dem "wirtschaftlich denkenden Menschen", der sich ausschließlich von kühl kalkulierender Vernunft leiten lässt und von sonst gar nichts. Dieser "homo oeconomicus" ähnelt eher einem Mathematiker: seine Welt sind die Kurs-Charts oder die fundamentalen Kennzahlen der börsennotierten Unternehmen. Chartisten versuchen, aus den Aktienkursen der Vergangenheit die künftigen Kurse zu berechnen und Kauf- oder Verkaufssignale abzuleiten. Auch Fundamentalisten möchten die künftigen Aktienkurse vorherberechnen, nur benutzen sie dazu "harte" Zahlen, wie etwa das Verhältnis zwischen dem Kurs einer Aktie und deren Gewinn, die Dividendenrendite oder den für die Zukunft erwarteten Umsatz. Doch zumindest kurzfristig hängen Kurse häufig nicht von Fakten ab, sondern von Gerüchten. Beispiele der letzten Zeit sind etwa, dass die Großaktionäre des Automobilbauers BMW, die Familie Quandt, ihre Anteile an Ford verkaufen oder dass die HypoVereinsBank die Dresdner Bank übernehmen wolle. Der Pharmakonzern Schering ist sogar schon traditionell immer mal wieder das Ziel von Übernahmegerüchten. Grund genug für den Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler Prof. Friedrich Thießen, die Rolle der Gerüchte in der Finanzwelt einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. An den Finanzmärkten, so Thießen, sind Gerüchte etwas alltägliches - alle paar Minuten kommt ein neues auf. Nur wenige Gerüchte sind allerdings so bedeutend, dass sie zu heftigen Preisausschlägen führen. Betroffen sind neben Aktien auch alle anderen Werte, die an den Finanzmärkten gehandelt werden, von Devisen über Schweinebäuche und Kaffee bis hin zu Gold. Der Markt reagiert auf ein Gerücht meist nach dem immer gleichen Muster: Zunächst bewegt sich der Preis nach oben oder unten, je nachdem, wie der Gerüchteurheber es beabsichtigt hat. Jeder will dabei sein, sei es, um von einem steigenden Kurs zu profitieren, sei es, um einen Verlust zu vermeiden. Darauf folgt ein Phase der Unsicherheit, der Preis verhält sich unentschlossen. Schließlich - oft schon nach Minuten - wird die wahre Natur des Gerüchts erkannt, der Kurs fällt auf sein ursprüngliches Niveau zurück. Thießen erläutert dies an zwei Beispielen: Im einen Fall sackte der Dollar innerhalb von Minuten um fast einen halben Pfennig ab und stieg nach einer kurzen Pause ebenso schnell wieder an, im anderen verleitete ein Gerücht einige große Investmentfonds dazu, ihre Positionen zu "hedgen", wie Börsianer Geschäfte nennen, mit denen sie sich gegen Kursschwankungen absichern. Doch bis der Kurs sich wieder normalisiert, hat sich der Urheber des Gerüchts oft schon mit Gewinn aus dem Markt zurückgezogen. Natürlich versucht der Urheber, unerkannt zu bleiben, und Börsianer, die ein Gerücht weitertragen, gibt es immer. Sehr viele dieser Gerüchte sind bewusste Falschinformationen. Wenn es dabei um Wechselkurse geht, werden häufig die Zentralbanken der großen Länder vorgeschoben, die angeblich gerade eine bestimmte Währung kaufen oder verkaufen, bei Wertpapieren werden dagegen oft finanzkräftige Araber oder Firmen aus dem ehemaligen Ostblock ins Spiel gebracht. Im Februar 1989 kursierte an den Devisenmärkten gar die Meldung, in der Sowjetunion habe es eine Atomexplosion gegeben - unmittelbar darauf zog der Kurs des Dollars kräftig an. Es kommt sogar vor, dass eine Falschmeldung irrtümlich von einer der großen Nachrichtenagenturen oder einem Fernsehsender verbreitet wird, und die sind natürlich besonders glaubwürdig. Das war etwa 1992 der Fall, als eine Meldung um die Welt ging, die Bundesbank trete für eine Abwertung des englischen Pfunds und der italienischen Lira ein - beide Währungen sackten unmittelbar darauf in den Keller. Nachdem die Zentralbanken Deutschlands, Großbritanniens und Italiens die Meldung dementiert hatten, erholten sie sich aber innerhalb einer Stunde wieder. Später stellte sich heraus, dass es sich dabei nur um die Analyse einer französischen Bank handelte, die mit den Absichten der Bundesbank nichts zu tun hatte. Thießen sieht in diesem Vorfall ein Paradebeispiel für ein erfolgreiches Gerücht: Es reiche nämlich nicht, dass eine Meldung interessant sei, sie müsse vielmehr auch durch die richtigen Kanäle verbreitet werden und auf die richtige Stimmung treffen. Und die war damals da: Die europäischen Währungen waren im Europäischen Währungssystem (EWS) zusammengeschlossen und durften nur geringfügig gegeneinander schwanken, andernfalls mussten die Notenbanken mit Stützungskäufen eingreifen. Die Wechselkurse entsprachen jedoch längst nicht mehr den wirtschaftlichen Gegebenheiten in den einzelnen Ländern. Aussichtsreiche Gerüchte, so hat Thießen erkannt, verbreiten sich besonders, wenn die Finanzmärkte sich nach einer turbulenten Phase wieder beruhigen. In solchen Zeiten mangelt es meist an wirklichen Informationen, Gerüchte werden dann um so eher beachtet. Und das auch zum Wohl der Banken und der Börsenmakler: Ruhige Zeiten bedeuten nämlich ruhige Umsätze, und von den Spesen auf diese Umsätze leben Banken und Kursmakler. Gerüchte dagegen beleben das Geschäft, die Kunden lassen sich leichter zum Wechsel in neue Papiere bewegen. Aber warum reagieren die Börsianer überhaupt auf Gerüchte, warum ignorieren sie sie nicht einfach, wo sich doch meist der Kurs schnell wieder normalisiert? Auch darauf hat Thießen eine Antwort: Die Informationen enthalten oft einen Kern von Wahrheit und sie können nur für eine kurze Zeit genutzt werden. Gerüchte setzen daher die Empfänger unter Entscheidungsdruck. Die haben nun zwei Möglichkeiten: Entweder reagieren sie sofort und springen wie ein Trittbrettfahrer auf - dann hat der Urheber sein Ziel schon erreicht, denn er hat sich ja zuvor mit entsprechenden Papieren eingedeckt, die er mit Gewinn wieder loswerden will. Oder sie reagieren misstrauisch, versuchen an weitere Informationen zu kommen. Dazu telefonieren sie mit anderen Börsianern, verbreiten dadurch ungewollt das Gerücht weiter und steigern so noch seine Wirkung - auch das hat der Urheber einkalkuliert. Dabei ließen sich manche Gerüchte ohne weiteres als falsch erkennen, wenn die Empfänger nur ein wenig nachdenken würden. So verbreitete 1994 ein Fernsehsender, in Zürich seien 1.240 Tonnen Gold aus dem Besitz des früheren philippinischen Diktators Fernando Marcos entdeckt worden. Klar, dass die philippinische Regierung das Gold zu Geld gemacht hätte, das plötzliche Überangebot hätte die Preise gedrückt. Genau das nahm der Markt vorweg - der Goldpreis brach ein. Kennern war dagegen sofort klar: 1.240 Tonnen Gold, eine derart gigantische Menge - die halbe Weltjahresförderung - hätte selbst Marcos nie und nimmer zusammenraffen können. Logisch, dass der Preisverfall nur kurze Zeit dauerte. Klar, dass mittlerweile Börsengerüchte auch im Internet verbreitet werden. Das eignet sich wegen seiner Schnelligkeit ganz besonders als Gerüchteküche, und zudem kann dort mittlerweile auch der ganz gewöhnliche Bankkunde im Sekundentakt die Kurse abrufen und sofort mit Kauf- oder Verkaufsaufträgen rea- gieren. Nicht immer geht es dabei lauter zu: Mitte Februar etwa knackten Hacker die Internetseite einer Biotech-Firma und kündigten dort die Fusion dieser Firma mit einer weiteren an. Nach dieser vermeint- lich offiziellen Meldung explodierten die Kurse beider beteiligten Firmen - bis das Dementi kam und die Seite von der Firma geschlossen wurde. Investoren und Händler verloren dabei eine Menge Geld. Ähnliches passierte im vorigen Jahr einer US-Elektronikfirma, wo ein Angestellter sogar die Internetseite einer Finanznachrichtenagentur fälschte und einen Link auf die gefälschte Seite legte, ein klarer Fall von Betrug. Sein Motiv: Er wollte von den steigenden Kursen profitieren.
Sogar eine eigene Seite für Börsengerüchte gibt es inzwischen, doch dort geht es seriös zu. Unter http://www.instock.de/geruechte/index.shtml kann man den letzten Klatsch vom Börsenparkett erfahren und per E-Mail an geruecht@instock.de sogar das neueste Gerücht selber melden. "Gerüchte sind doch das Salz in der Börsensuppe", so Instock-Mitarbeiter Frank Markowski. Allerdings stelle man die Gerüchte nicht einfach ungeprüft ins Netz, sondern versuche, sie zu verifizieren - etwa durch einen Anruf beim Vorstand der betreffenden Firma. Da höre man zwischen den Zeilen viel heraus, und wenn man den Eindruck gewinne, das etwas dran ist, bringe man es - "natürlich als Gerücht, nicht als Fakt." Ganz anders sah das Thema übrigens der im vergangenen Jahr verstorbene Börsenguru André Kostolany: "Ein Börsianer darf, wenn es sich um Börsengerüchte handelt, nicht einmal seinem eigenen Vater trauen." |
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