Was Goethe an Farben interessierte und warum Weiß die Unschuld symbolisiertGemeinsames Seminar überbrückt Kluft zwischen Sprache, Literatur und Physik
Wie kommen zwei Physiker, eine Literaturwissenschaftlerin und eine Sprachwissenschaftlerin dazu, ein gemeinsames Seminar zu Licht und Farben anzubieten? Die Idee kam uns Ende 1998. Wir waren der Meinung, dass es mehr fachübergreifende Veranstaltungen geben müsste. Weil wir alle an einer Technischen Universität unterrichten, die noch dazu das "Chemnitzer Modell" anbietet, erschien uns ein solches Vorhaben umso dringlicher. Wir wurden uns schnell einig, welches Thema sich hier besonders anbietet: Licht und Farben. Die Physik kann hierzu die naturwissenschaftlichen Grundlagen liefern, während die Literatur- und die Sprachwissenschaft erklären können, wie Wörter für Licht und Farben im Alltag und in der Literatur benutzt werden. Auch wegen des Goethejahrs 1999 war das Thema naheliegend, konnten wir uns doch so ebenfalls mit Goethes Farbenlehre und seiner Kritik an Newton auseinandersetzen. Unser Ziel war, den Studierenden fachübergreifendes Arbeiten nahe zu bringen. Dies bedeutet nicht nur, sich mit anderen Fächern auseinander zu setzen, sondern auch, sich bewusst zu machen, dass die Fachgrenzen in der Praxis ohnehin verschwimmen. Goethe war noch Universalwissenschaftler und auf nahezu allen Gebieten beschlagen, während heute die Wissenslandschaft in zahlreiche Unterdisziplinen zerfallen ist. Um den Wert der Zusammenarbeit verschiedener Fächer für die heutige Zeit heraus zu stellen, bot sich auch der englische Physiker Isaac Newton geradezu an. Newton war kein reiner Naturwissenschaftler, sein Buch "Opticks" verstand er zum Beispiel als Beitrag zur Experimentalphilosophie. Auch Goethe war nicht nur Dichter, sondern ebenso Jurist, Staatsminister, Generalintendant und Naturwissenschaftler. So entdeckte er unter anderem den menschlichen Zwischenkieferknochen und verfasste seine "Farbenlehre". Er schätzte sie höher ein als sein dichterisches Werk und glaubte, Newton einen Fehler nachweisen zu können. Auch dessen Lichtdefinition stellte er in Frage. Den Seminarteilnehmern wurde schon bald deutlich, worum es Goethe bei seiner Kritik an Newton eigentlich ging: Er trat für ein ganzheitliches Natur- und Wissenschaftsverständnis ein und wies die strikte Trennung zwischen Ich und Außenwelt vehement zurück. Diese Haltung nimmt heute wieder zu - auch in der modernen Naturwissenschaft, etwa der Quantenphysik, lassen sich Beobachter und System nicht mehr klar voneinander trennen. Schließlich sollten die Studierenden auch erfahren, dass in "anderen" Fächern nicht so "anders" gearbeitet wird als im eigenen Fach. Die Geschichte der Physik zeigt zum Beispiel, wie selbst dort für wahr gehaltene Lehrsätze und Erklärungen zugunsten neuer Ideen verworfen werden. Umgekehrt durften die Naturwissenschaftler erfahren, dass auch Geisteswissenschaftler exakt arbeiten und nicht nur "labern". Zu Beginn stellten wir uns folgende Fragen: Wie sehen die Literaturwissenschaft, die Sprachwissenschaft und die Naturwissenschaft das Thema Licht und Farben? Was ist eine Farbe im naturwissenschaftlichen Sinn? Warum hat sich Goethe mit Newton über Farben gestritten? Beeinflussen unsere Sprache und unser Denken, wie wir Farben wahrnehmen? Wie hat die Physik das Licht im Laufe der Jahrhunderte erklärt? Welche Rolle spielen Licht und Farben in Sprache und Literatur? Ganz bewusst konnten nicht nur alle Studierenden der Anglistik/Amerikanistik und der Physik ab dem 3. Semester an dem Seminar teilnehmen, sondern auch alle anderen Studenten, die über den Tellerrand des eigenen Faches hinausschauen wollten. Tatsächlich kamen die Teilnehmer aus nicht weniger als 16 verschiedenen Fächern, sogar zwei Uni-Angestellte machten mit. Die einzelnen Vorträge drehten sich um Goethes "Farbenlehre" und Newtons "Opticks", um unsere Worte für die einzelnen Farben und die Gefühle, die wir damit verbinden, um den Aufbau des Auges und die Physik des Sehens sowie darum, wie Farben und Licht-Verhältnisse in Romanen und Erzählungen einerseits und in der modernen Physik andererseits dargestellt werden und welche Rolle sie dabei spielen. Was erwarteten die Studenten von dem Seminar? Viele versprachen sich eine "Erweiterung ihres Horizonts", andere wollten "Parallelen zwischen den Fächern" suchen, wieder andere erhofften sich, dadurch werde vernetztes Denken gefördert. Manch einer interessierte sich auch einfach für das Thema selbst. Einige Anglistinnen bekannten, sie hätten Physik in der Schule immer gehasst und wollten das Fach endlich "von der angenehmen Seite" her kennen lernen.
Wir als Dozenten wiederum sahen eine Möglichkeit, Wissen über die Fächergrenzen hinaus zu vermitteln. Solches Wissen wird angesichts sich rasch wandelnder Berufsbilder und der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt immer wichtiger. Die Studierenden sollten Einblicke in das wissenschaftliche Arbeiten und Denken gewinnen. Sie sollten fähig werden, selbstständig Probleme zu lösen, ihre Zeit besser einzuteilen, mit anderen zusammen zu arbeiten und eigene Ideen zu entwickeln - Eigenschaften, die auch Personalchefs wichtig sind. Die physikalischen Themen folgten der geschichtlichen Entwicklung des Wissens über Licht und Farben. So hatte etwa Newton geglaubt, Licht bestehe aus Strahlen von verschiedenfarbigen Lichtteilchen. Auf diese Weise konnte er zum Beispiel erklären, wie ein Regenbogen entsteht (siehe Abbildung). Huygens, Faraday, Maxwell und Hertz stellten aber fest, das Licht alle Eigenschaften von Wellen besitzt. Wie im Seminar gezeigt wurde, ist Licht nur ein kleiner Teil des elektromagnetischen Spektrums, das von Radiowellen bis hin zu Gammastrahlen reicht. Planck, Einstein und andere zeigten schließlich, dass Licht sowohl Welle als auch Teilchen sein kann. Dieser Bohrsche "Welle-Teilchen-Dualismus" ist die Grundlage der Quantentheorie und gilt nicht nur für Licht, sondern ganz allgemein für jede Form von Materie und Energie. Dass man Farben und Licht aber auch ganz anders betrachten kann, nämlich aus der Sicht der Literaturwissenschaften, zeigt das Buch "Tess of the d'Urbervilles" von Thomas Hardy. Die im Roman dargestellten Farb- und Lichteindrücke dienen nicht nur der realistischen Zeichnung der Schauplätze, sie sind auch ein Spiegel der seelischen Verfassung der Romangestalten: Farbe und Licht sind nicht zufällig gewählt, sie erst halten den Text zusammen, geben ihm Form und Bedeutung. So ist etwa die Titelheldin, die scheinbar "unschuldig Schuld auf sich lädt", durch den gesamten Roman mit den Farben Rot und Weiß verknüpft. Diese Farben sind Sinnbild für die Unschuld von Tess, aber auch für jene Seiten an ihr, die Tod und Verderben bringen. Sie heben ihre innere Zerrissenheit, jedoch auch - moralisch gesehen - die Brisanz ihres Schicksals hervor. Die Teilnehmer erkannten denn auch schnell, dass sich der Autor etwas bei seiner Wortwahl "gedacht" hat, dass er den Roman bis ins kleinste Detail plante. Der Beitrag der Sprachwissenschaftler waren die Worte für Farben und ihre sinnhafte Bedeutung. Wird rot in der Alltagssprache häufiger verwendet als blau? Kennen Frauen mehr Farbbezeichnungen als Männer? Benutzen englischsprachige Ostafrikaner bestimmte Farbbegriffe häufiger als Briten? Solche Fragen untersuchen die Forscher heutzutage mit Hilfe von Computern an tatsächlich gesprochenen oder geschriebenen Texten. So entstehen riesige Datenbanken, die mit dem Fachwort "Korpus" (Mehrzahl: Korpora) bezeichnet werden. Man kann sich auf diese Weise Worthäufigkeiten und -zusammenhänge, aber auch etwa alle Sätze mit dem Wort "rot" anzeigen lassen - wer schon einmal eine Suchmaschine im Internet benutzt hat, weiß, wie das geht. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Französinnen zum Beispiel verwenden das Wort "mauve" (dt. 'malvenfarben') offenbar häufiger als ihre männlichen Landsleute, und englisch sprechende Ostafrikaner erwähnen häufiger die Farbe "green" als Briten. Die bevorzugen statt dessen - wen wundert's? - "brown". Licht und Farben spielen auch beim Theater eine große Rolle. Folglich stand auch ein Besuch beim Chemnitzer Theater auf dem Seminarprogramm. Ein weiterer Höhepunkt war ein Besuch bei dem Maler Karsten Mittag in Augustusburg, der uns zeigte, wie er an Licht und Farben herangeht. Interessant und spannend war auch der Experimentalvortrag beim dies academicus. Der Physiker Dr. Hans-Gottfried Hempel und die Chemiker Dr. Klaus Rabending und Ute Stöß führten uns vor, welch zauberhafte Dinge Könner mit Licht und Farben fertigbringen - etwa beim "Beweis", dass Schwarz und Weiß eigentlich dasselbe sind. Um einen "Schein" zu kriegen, mussten die Teilnehmer natürlich auch selbst aktiv werden. Einer "kochte" mit dem Computer Versuche aus Goethes "Farbenlehre" nach, andere zeigten, wie eine Camera obscura, also eine einfache Lochkamera, funktioniert oder wie man mit einem Prisma Farben zerlegt. Dass man aber auch mit traditionellen Hilfsmitteln wie einer Folie oder gar mit Kreide und Tafel auskommt und trotzdem einen packenden Vortrag hinkriegt, stellten wieder andere unter Beweis. Immer ergaben sich dabei interessante Diskussionen. Zum Schluss waren sich alle einig: Wissenschaft macht Spaß - und man lernt sogar noch was. Das ergab auch die Auswertung einer anonymen Befragung. "Endlich einmal ein fach-übergreifendes Seminar", hieß es häufig, und "Es wird hoffentlich nicht das einzige bleiben." Eine Anregung, die wir Dozenten gern an unsere Kollegen weiter geben. Zu der duchweg postiven Einschätzung trug sicher auch die lockere und offene Atmosphäre bei. Allerdings bedeutet ein fachübergreifendes Seminar auch mehr Arbeit, und zwar für die Dozenten ebenso wie für die Studenten. Es wäre deshalb zu wünschen, dass der zusätzliche Aufwand auf die Lehrverpflichtungen der Dozenten angerechnet wird. Für alle, die nicht dabei sein konnten, aber sich dennoch einen Überblick verschaffen möchten: Eine ausführliche Dokumentation findet sich unter http://www.tu-chemnitz.de/~arr/farben/index.html#TocInhalt Dr. Angelika Keil, Sabine Reich, Philosophische Fakultät; Dr. Rudolf A. Römer, Prof. Dr. Michael Schreiber, Fakultät für Naturwissenschaften |
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