Ein Kompass durch Skandale und Affären

Barschel, Clinton, Kohl, Schäuble, Koch, Glogowski, Rau - was haben sie gemeinsam?

BILDDie Psychologie-Professorin Astrid Schütz erklärt das von ihr entworfene Sieben-Stufen-Modell defensiver Selbstdarstellung, nach dem sich politische Skandale analysieren lassen. Bereits seit mehreren Jahren beobachtet die Wissenschaftlerin, wie Politiker scheibchenweise zur Sache kommen, unter anderem im Fall Barschel und der Lewinsky-Affäre von USA-Präsident Bill Clinton. Foto: Wolfgang Thieme

(MSt) "Politische Skandale verlaufen oft nach dem gleichen Muster", erklärt Astrid Schütz, Psychologieprofessorin an der TU Chemnitz. Auch die aktuellen Affären bilden da keine Ausnahme. Der frühere Bundeskanzler und Ex-CDU-Vorsitzende Helmut Kohl vermittelt noch Anfang November 1999 den Eindruck, nicht mit dem damals aufkeimenden Spendenskandal in Verbindung zu stehen. Und bereits einen Monat später erklärte er in einem ZDF-Interview "Ich habe Spenden entgegengenommen... ."

Derartige scheibchenweise Eingeständnisse beobachtet die 39-jährige Psychologin bereits seit mehreren Jahren, etwa im Fall "Barschel" oder beim US-Präsidenten Bill Clinton im Fall "Monicagate". Was ist den meisten Affären gemein? "Die Betroffenen versichern, dass sie von nichts wissen, benennen Sündenböcke oder rechtfertigen ihr Tun. Unterschiedlich ist, wie viel zu-gegeben wird und ob sich die defensive Reaktion unter dem Druck der Ereignisse ändert. Schrittweise wird in vielen Fällen - entsprechend dem Stand journalistischer Enthüllungen - meist genau das zugegeben, was ohnehin nicht mehr zu verheimlichen ist", meint Schütz.

Das "Skandalbewältigungsprogramm" das von Beschuldigten in unterschiedlichen Variationen eingesetzt wird, beschreibt Prof. Schütz mit einem "Sieben-Stufen-Modell defensiver Selbstdarstellung". Dieses Modell ist sozusagen eine Navigationshilfe im Dschungel der Skandale und Affären. In Abhängigkeit vom Ausmaß der Eingeständnisse der Beschuldigten unterscheidet die Psychologin folgende Reaktionen: Leugnen (Es hat nicht stattgefunden!), Umdeuten (Es war anders!), Beteiligung bestreiten (Ich habe damit nichts zu tun!), Rechtfertigen (Es war unter den gegebenen Umständen richtig!), negative Absicht bestreiten (Das habe ich nicht gewollt!), Bedeutung relativieren (Es war eine Ausnahme!) und Eingestehen, das oft mit Entschuldigungen und politischen Konsequenzen verknüpft ist.

Die Psychologin betont, dass die Stufen nicht notwendigerweise aufeinander folgen müssen: "Es hängt von der jeweiligen Situation und den Zielen des Akteurs ab, welche Stufe gewählt wird. Manchmal sind auch Kombi-nationen verschiedener Stufen zu einem Zeitpunkt zu beobachten." Ergänzt werden die defensiven Reaktionen oft durch Kritik an anderen oder Angriffe gegen die Quelle der Kritik - Schütz nennt dies offensive Selbstdarstellung - oder durch die Darstellung positiver Aspekte der eigenen Person - assertive Selbstdarstellung.

"Wer die derzeitige CDU-Finanzaffäre aufmerksam beleuchtet, wird unschwer erkennen, dass auch hier unterschiedliche defensive Techniken zu beobachten sind," meint die Chemnitzer Professorin und tritt sofort den Beweis an: Anfang November versichert der ehemalige CDU-Vorsitzende keine Kenntnis von einer Parteispende von einer Million Mark zu haben (Beteiligung bestreiten). Wenige Wochen später ist nach eindeutigen Beweisen eine Verbindung zu geheimen Spenden nicht mehr zurückzuweisen und Helmut Kohl erklärt am 16. Dezember 1999 in einem ZDF-Interview: "Ich habe Spenden entgegengenommen in einem Umfang, zwischen '93 und '98, der zwischen anderthalb bis zwei Millionen Mark liegt ... das sind im Jahr ungefähr 300.000 Mark gewesen, die nicht angegeben wurden." Kohl bekennt sich hier in begrenztem Umfang zu einem Fehler, stellt die Vorfälle aber als relativ geringfügig dar (Umdeuten). Zusätzlich begründet er sein Verhalten vor dem Hintergrund der damaligen politischen Situation: "In den neuen Ländern war die PDS so stark wie vorher nie zuvor, auch finanziell. Wir standen mit dem Rücken an der Wand und mir ging es darum, unseren Leuten vor Ort zu helfen." (Rechtfertigen).

Später wird Helmut Kohl durch die Aussagen von Vertrauten schwer belastet. Kohl bleibt in einem ARD-Interview am 4. Februar 2000 allerdings bei seinen ursprünglichen Aussagen: "muss kein einziges Wort ... zurücknehmen". Probleme im Finanzgebaren stellt er weiterhin als geringfügig dar, indem er formuliert, dass er Gelder "nicht über die Spendenveröffentlichung geführt" habe (Umdeuten).

Bei der Verteidigung geht er darüber hinaus in die Offensive ("Sie werfen ja alles durcheinander"), erklärt Vorwürfe als "abwegig" und argumentiert, dass ihm eine genaue Kenntnis der Finanzgeschäfte kaum möglich gewesen wäre "Glauben Sie denn wirklich, bei meiner Arbeitsbelastung"..."zwischen 15 und 16, 17, 18 Stunden am Tag..." . Damit bestreitet er Kontrollfähigkeit und negative Absicht.

An dieser Stelle endet vorerst die Beweisführung von Prof. Astrid Schütz. Für sie bleibt der weitere Verlauf der Ereignisse ungeheuer spannend. Techniken defensiver Selbstdarstellung beobachtete sie auch bei Schäuble, Koch, Glogowski und Rau. Aufmerksam wird sie in den kommenden Wochen das Verhalten der Betroffenen in den Medien analysieren und navigiert ihre Studenten in der Psychologie-Vorlesung weiterhin durch die Spendenskandale und Affären dieser Welt.


| Inhalt |

Impressum


HTML-Version von Ralph Meyer, 01. Mai 2000