Seniorenkolleg an der TU Chemnitz






Arbeitsgruppe PC  & Internet, AG 5

Teilnehmer  berichten über den Vortrag vom 05.07.2011

Demenz und ihre frühzeitige Erkennung -
Kommunikation mit Menschen mit demenziellen Veränderungen

Vortrag von Herr Dr. Eberhard Jüttner am 05.07.2011


Dr. Jüttner ist seit Dezember 2009 Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes. Er arbeitet in dieser Position ehrenamtlich. Schon über 50 Jahre befasste er sich mit der Altersmedizin während seiner Tätigkeit als Arzt, Kreisarzt Artern, Ärztlicher Direktor der dortigen Poliklinik, Kreishygienearzt sowie beratender Arzt für Geriatrie des Bezirkes Halle.

Der Paritätische Gesamtverband vereint mehr als 10 000 Mitgliedsorganisationen, die ein vielfältiges Spektrum sozialer Arbeit repräsentieren.

Die Entwicklung der Anzahl von Menschen in Deutschland, die von Demenz betroffen sein könnten, zeigt sich wie folgt:

            2010:    ca. 1 Million Menschen sind an Demenz erkrankt

            2050:    ca. 2,5 Millionen Menschen könnten an Demenz erkrankt sein

Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt steigt laut einer Studie die Anzahl der Menschen mit Demenz folgendermaßen an:

            Altersgruppe             Anteil Demenz

            65- bis 69-Jährige                   1,2 %

            70- bis 74-Jährige                   2,8 %

            75- bis 79-Jährige                   6,0 %

            80- bis 84-Jährige                  13,3 %

            85- bis 89-Jährige                  23,9 %

            über 90-Jährige                     34,6 %

Der Anteil der Frauen mit demenziellen Erkrankungen ist höher als bei Männern. Dies ist auf die höhere Lebenserwartung der Frauen zurückzuführen.

Folgerungen

  • Jeder älter werdende Mensch kann in die Situation einer demenziellen Veränderung kommen.
  • Bereits jetzt hat ca. jeder dritte Mensch über 90 Jahre eine demenzielle Veränderung.
  • Es wird bei steigendem Anteil der Menschen über 90 Jahre in fast jeder Familie ein Angehöriger mit Demenz leben.
  • Demenz ist ein gesellschaftliches Problem und als Bestandteil des Lebens zu betrachten.

Symptome der Demenz

  • Gedächtnisstörungen (vor allem Kurzzeit- u. später auch Langzeitgedächtnis)
  • Orientierungsstörungen (z. B. Zeit, Störungen räumlicher Gegebenheiten)
  • Störungen des abstrakten Denkens und des Urteilsvermögens
  • Störungen des Erkennens - keine Selbsterkennung
  • Störungen von gezielten Bewegungen und Handlungen
  • Antriebs- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Sprach-, Lese-, Schreib-, Rechen- und  Malstörungen
  • Veränderungen der Persönlichkeit

Aus diesen Symptomen sind nachstehende Beeinträchtigungen ableitbar:

  • Eingeschränkte Gedächtnis-, Merk- und Orientierungsfähigkeit
  • sinkendes Konzentrationsvermögen
  • erschwertes abstraktes Denken
  • mangelhafte Realitätsbeurteilung
  • Antriebsstörungen
  • Affektlabilität
  • Psychomotorische Funktionseinbußen

Demenzformen

Primäre Demenzen

Zentrales Nervensystem – Durchblutungsstörungen des Gehirns bzw. andere Krankheiten

Alzheimer Demenz                  55 %

Vaskuläre Demenzen              15 %    Durchblutungsstörungen

gemischte Demenz                 10 %

Frontotemporale Demenz,       15 %
Parkinson u.a.

Sekundäre Demenzen

  • Stoffwechselstörungen, z. B. Zucker-, Salz- und Kaliumhaushalt
  • Störungen des Elektrolythaushaltes (Wasserhaushalt)
  • Dehydrierung
  • Toxische Ursachen (Alkohol, Drogen)
  • Hormonstörungen
  • Vitaminstörungen
  • Kardiopulmonale Erkrankungen (Herz- und Kreislauferkrankungen)

Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen

  • Depression
  • Psychische Erkrankungen, z.B. Schizophrenie

Einteilung nach Schweregraden

Es gibt zahlreiche Einteilungen bzw. Skalierungen der Demenz:

  • Validationsmodell nach Naomi Feil
  • Interaktions- oder Erreichbarkeitsstufen nach Böhm
  • Reisberg-Skalierung
  • Einteilung nach der ICD u.a.

Von 'Leichten Beeinträchtigungen' ist man betroffen, wenn

  • ... man in den täglichen Aktivitäten zwar beeinträchtigt, aber ein unabhängiges Leben noch möglich ist; man ist noch nicht von anderen abhängig.
  • ... mitgeteilte neue Informationen nicht mehr ausreichend gespeichert werden können.
  • ... man komplizierte Aufgaben nicht mehr fehlerfrei ausführen kann.

Von 'Mittelgradigen Beeinträchtigungen' ist man betroffen, wenn

  • ... eine Gedächtnisstörung als ernsthafte Behinderung für ein unabhängiges Leben vorliegt.
  • ... man eine zunehmende Einschränkung bei der Ausführung von häuslichen Tätigkeiten erfährt.

Von 'Schweren Beeinträchtigungen' ist man betroffen, wenn

  • ... man unter schwerem Gedächtnisverlust mit einer Unfähigkeit, neue Informationen zu behalten, leidet.
  • ... nur noch Fragmente von früher Gelerntem vom Betroffenen aufgerufen werden können.
  • ... ganz oder teilweise die nahen Verwandten nicht mehr erkannt werden.
  • ... Gedanken(vor)gänge eines Betroffenen für andere Menschen absolut nicht nachvollziehbar sind.

Früherkennung von Veränderungen durch verschiedene Untersuchungen möglich, z.B. per

  • Minimentalstatus
  • Zahlenverbindungstest (ZVT), Durchführungsdauer: 15 Minuten
    Diagnosekriterium: Der ZVT ist ein Instrument zur Verlaufsmessung.
  • Fragen nach Jahr, Monat, Uhrzeit
  • Zahlenfolge von 20 rückwärts
  • Uhrentest

Grundsätze in der Betreuung

  • Wissen über die Krankheit und ihre Differentialdiagnostik
  • Krankheit als Tatsache annehmen
  • Den Kranken verstehen
  • Das eigene Verhalten dem Kranken anpassen
  • Die äußeren Bedingungen der Krankheit anpassen
  • Für sich selber sorgen aus der Sicht des Betreuers
  • Wertschätzung statt widersprechen  -  Akzeptanz
  • Begleitend mit einfühlendem Verständnis zur Seite stehen  - Empathie

Zu beachtende Grundsätze in der Kommunikation

  • Jeder Mensch ist wertvoll, wie desorientiert er auch sein mag.
  • Der Mensch mit demenziellen Veränderungen hat wie wir Gefühle und Lebensbedürfnisse, hat eine Lebensqualität, er  kann in seinen Möglichkeiten kreativ sein, wir müssen sein Wollen verstehen.
  • Der Betroffene ist zu akzeptieren, ohne ihn zu beurteilen.
  • Der Betroffene muss als einzigartiges Individium verstanden werden.
  • Gefühle muss man bestätigen.
  • Es gibt immer einen Grund für das Verhalten von desorientierten alten Menschen.

Sind wir auf die Situation vorbereitet? Welche Probleme ergeben sich?

  • Wer beherrscht die Kommunikationsstruktur? Der Beamte in den Ratsstuben, Polizei, Verkäufer in den Märkten, Mitarbeiter im öffentlichen Bereich: z.B. Nahverkehr
  • Hat er Zugang zu Geschäften, Gaststätten usw.? Nicht „lieber gehenderweise“ betrachten
  • Aufklärung über das Krankheitsbild und den Umgang

Problemsituationen

  • Wie integriert ist der Mensch mit einer Demenz?
    Eine Demenz entwickelt sich um so schneller, je stärker die Isolierung des Betroffenen gegeben ist.
  • Welche wohnliche Integration erfährt er, welches Wohnumfeld besitzt er, welche Betätigungsmöglichkeiten ergeben sich für ihn?
  • Wie sensibel ist die Gesellschaft auf die Menschen mit Demenz eingestellt – Medien
  • Enttabuisierung von Demenz in der Bevölkerung


Seinen Vortrag begann Herr Dr. Jüttner mit den Worten:

"Um einer Demenz vorzubeugen oder sie hinauszuzögern, werden folgende geistige und sportliche Tätigkeiten besonders geschätzt:

  * Schach spielen  und
  * Tanzen"


Der ausführliche und anschauliche Vortrag von Herrn Dr. Jüttner wurde von den Hörern des Seniorenkollegs sowie zahlreichen Gasthörern mit großer Aufmerksamkeit verfolgt.


Isolde und Jürgen Richter