Stephan Luther
Leiter des Universitätsarchivs in Chemnitz
Die TU Chemnitz feiert in diesem Jahr Universitätsjubiläum: 175 Jahre höhere technische Bildung in Chemnitz. Herr Luther gestaltete dieses Thema im gefüllten großen Hörsaal der Uni auf der Grundlage der im Archiv vorhandenen Quellen aus Verwaltung, Wissenschaftsbereichen, Studentenakten, Matrikelbüchern, Studienplänen und nach privaten Überlieferungen, z. B. Zeugnisse, Mitschriften, Zeichnungen, Fotoalben usw., dargestellt aus der Sicht der Studierenden.
Eingebettet in die historische Entwicklung – Napoleonische Kriege und Folgen, Industrielle Revolution in England, Niedergang des Manufakturbetriebes – entstanden in Europa Gewerbeschulen / technische Bildungsanstalten.
Im Jahre 1836 wurde die Königliche Gewerbschule Chemnitz gegründet. Die Stadt stellte die ersten Räumlichkeiten: 2 Etagen des ehemaligen Lyzeums am Jacobikirchhof - das Portal des Lyzeums ist bis jetzt erhalten geblieben.
Der damaligen Chemnitzer Königlichen Gewerbschule, später Technische Staatslehranstalten, wird im Verbund mit Baugewerkenschule, Werkmeisterschule, Gewerbezeichenschule von Anfang an ein hohes Ausbildungsniveau bescheinigt. Durch die Geschichte zieht sich aber auch von Anfang an im technischen Schulwesen ein Konkurrenzkampf zwischen Dresden und Chemnitz.
Die Entwicklung der Technischen Staatslehranstalten erforderte mehrere Umzüge und Anbauten. So betrug die Schülerzahl 1877 bereits das Vierfache der Zahl von 1848. Im Universitätsarchiv wird anhand von Matrikelbüchern und Studentenkartei u. a. die Herkunft der Schüler (Zöglinge) dokumentiert.
Es entstanden erste studentische Verbindungen, z.B. in Chemnitz 1865 der Gewerbschülergesangsverein (später Konkordia). Weitere folgten bald, in denen ca. 50 % der Studenten organisiert waren. Seit 1916 gab es in Chemnitz auch Frauenstudium.
Im Zusammenhang mit Veränderungen in Folge des 1. Weltkrieges erfolgte 1922 die Umbenennung in "Staatliche Gewerbeakademie"; 1929 in "Staatliche Akademie für Technik". Den Status einer technischen Hochschule erreichte die Gewerbschule formal nie.
Während der Zeit des Nationalsozialismus lösten sich u. a. alle studentischen Verbindungen auf. Bereits im November 1930 hatten die Studierenden eine Fachgruppe des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes gegründet. Am Ende des Wintersemesters 1939/40 ist rund ein Viertel der Beschäftigten sowie der Studierenden zur Wehrmacht eingezogen. Der 2. Weltkrieg hatte eine Reduzierung des Unterrichtsbetriebes zur Folge, es gab "Notabschlüsse", Studierende kamen zunehmend an die Front.
Bei der Zerstörung des Chemnitzer Stadtzentrums während des Krieges entstanden Verluste von Archivgut.
Mit dem Beschluss zur Gründung von technischen Hochschulen in der DDR im Jahr 1953 (dem Jahr der Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt) erfolgte die Gründung der Hochschule für Maschinenbau, aus der 1963 die Technische Hochschule wurde. Auf dem Gelände der Reichenhainer Straße wurde ein Standort für Hochschulcampus und studentische Wohnheime gefunden.
In der Folgezeit ist eine zunehmende Ideologisierung und Verschulung des Studiums zu beobachten, z. B. wurde das gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium eingeführt. Aber die Hochschule hatte auch den Ruf eines hohen theoretischen und praktischen Niveaus der Fachausbildung. Neben Wehrlager, Ernteeinsatz u. ä. gab es ein "richtiges Studentenleben", zum Beispiel in den Klubs, legendär ist der jährliche Hochschulfasching mit seinen Büttenreden.
1986 wurde die Hochschule zur Technischen Universität ernannt, ab 1. 9. 1990 trägt die Einrichtung den Titel Technische Universität Chemnitz.
Mit der Wende gab es zahlreiche strukturelle Veränderungen. 1992 kam die damalige PH Zwickau hinzu. Sie wurde 1997 in den Chemnitzer Standort integriert. Später wurde die Lehrerausbildung Sachsens in Dresden und Leipzig konzentriert aber gegenwärtig gibt es wieder Forderungen nach einer Lehrerausbildung am Standort Chemnitz.
Im Zuge des Bolognaprozesses wurden Bachelor- und Masterstudium eingeführt.
Die Wohnbedingungen der Studierenden haben sich wesentlich verbessert. An der TU waren im Mai 2011 10 382 Studenten eingeschrieben (bei einer Einwohnerzahl von 241 000).
Zurzeit gibt es Visionen zum Entstehen eines Innenstadtcampus für die geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen mit einer neuen zentralen Universitätsbibliothek und dem Universitätsarchiv in der alten Aktienspinnerei am Schillerplatz. Auf der Reichenhainer Straße wird es den Campus mit den vorwiegend technischen Fachrichtungen geben.
In der Diskussion wurden u. a. Fragen zu den Arten von Universitätsabschlüssen sowie zur Abgabe und Aufbewahrungspflicht von Diplomarbeiten /Dissertationen gestellt.
Empfehlung: Festschrift zum Jubiläum der Universität: "175. Das etwas andere Jubiläumsbuch". Hrsg. Von der Gesellschaft der Freunde der TU Chemnitz.
Chemnitz: Universitätsverlag 2011 (ausleihbar in der Universitätsbibliothek)
Ursula Allenberg