Europa wächst immer weiter zusammen. Dies erfordert auf vielen Ebenen einen zunehmenden Austausch zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten, vor allem auch in Wissenschaft, Forschung und Lehre. Deutschland und Frankreich als enge Partner haben sich mit den anderen Mitgliedern der Europäischen Union auf Maßnahmen der gegenseitigen Anerkennung geeinigt: zum Beispiel der Anerkennung von Leistungen, Studienabschlüssen, Arbeitszeiten. Millionen haben bereits die Möglichkeit des Erasmus-Programms genutzt, um nützliche Erfahrungen durch einen Studienaufenthalt im Ausland zu machen. Zunehmend werden nun die Studienabschlüsse in den einzelnen Fächern auf das Bachelor-Master-System umgestellt – auch in Deutschland und Frankreich.
Gerade unter dieser Perspektive stellt sich die Frage, ob diese Abschlüsse in Politikwissenschaft in Deutschland inhaltlich dasselbe bedeuten wie diejenigen in Frankreich. Es ist daher nicht nur von historischem Interesse, zu untersuchen, welche Entwicklungen die Disziplin in den beiden Ländern seit ihrer beginnenden Ausdifferenzierung am Ende des 19. Jahrhunderts bis zur ihrer Selbständigkeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts durchlaufen hat. Inwieweit bestehen Ähnlichkeiten aufgrund der geographischen Nähe, der gemeinsamen, teilweise auch konfliktreichen Geschichte, Tradition und Kultur?
Das Dissertationsprojekt stellt sich also in den Rahmen des interkulturellen wissenschaftlichen Vergleichs. Untersucht werden soll die Entwicklung und Autonomisierung der Politikwissenschaft in Deutschland und Frankreich von den institutionellen Anfängen der modernen Disziplin bis 1960. Für diese Arbeit wurden bewusst Deutschland und Frankreich ausgewählt. Das Vergleichspaar bietet interessante Ansätze, die in den anderen Staaten Westeuropas nicht in gleicher Weise anzutreffen sind. Frankreich stellt die exception française dar: das Monopol zur Vermittlung politikwissenschaftlicher Inhalte liegt an einer außeruniversitären Einrichtung: 1871 bis 1945 an der Ecole libre des sciences politiques, ab 1945 am Institut d’Etudes Politiques (Sciences Po). Somit blickt das Land auf eine lange Tradition der politikwissenschaftlichen Lehre zurück.
Für Deutschland wird dagegen gemeinhin angenommen, dass das Jahr 1945 die Geburtsstunde der deutschen Politikwissenschaft darstellt. Die reeducation-Maßnahmen der amerikanischen Besatzungsmächte fordern die Etablierung einer Politikwissenschaft als Demokratiewissenschaft, die Erziehung des gesamten deutschen Volkes zu demokratischen Grundwerten. Jedoch existiert mit der Deutschen Hochschule für Politik, die 1919/20 in Berlin gegründet wurde, bereits vor dem II. Weltkrieg eine Einrichtung zur Vermittlung der Politikwissenschaft.
Die Jahre 1920 und 1960 können als annähernde Eckdaten angesehen werden, da zum einen ein exaktes Jahr Null der Geburt der Politikwissenschaft als Universitätsdisziplin nicht auszumachen ist. Zum anderen betrachtet die Forschung mit dem Jahr 1960 die erste Konstituierungsphase der Disziplin an den Universitäten als abgeschlossen. Durch die Ereignisse von 1968 wird die Politikwissenschaft in der Folge Neuorientierungen und Veränderungen unterworfen.
Die Leitfrage für das Dissertationsprojekt lautet daher: Wie und inwieweit entwickelt sich die Politikwissenschaft in Frankreich und Deutschland im Zeitraum von 1920 bis 1960 zu einer wissenschaftstheoretisch und institutionell autonomen Disziplin? Ziel der Arbeit soll sein, herauszustellen, inwieweit eine eigene und einheitliche Definition von Gegenstand und Methode der Disziplin gebildet wird; wie sich die Politikwissenschaft gegenüber ihren Nachbardisziplinen behauptet. Zudem stellt sich die Frage, in welchem Maß die Disziplin in verschiedene universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen integriert wird, auf dem Niveau der Lehre wie auf dem Niveau der Forschung. Schließt die erste Konstituierungsphase der Politikwissenschaft 1960 mit einem staatlich anerkannten Studiengang mit Hauptfachcharakter in beiden Ländern? Welche Berufschancen und -möglichkeiten bieten sich den Absolventen? Was ist das funktionale Ziel der einen oder anderen Institution? Inwieweit existieren Organe, welche die erzielten Forschungsergebnisse veröffentlichen und neue Thematiken vorantreiben? Inwieweit ähneln sich die Lehrinhalte? Worin unterscheiden sie sich? Welche gesellschaftlichen Einflüsse sind dafür bestimmend?

Betreuer der Dissertation: Prof. Dr. Alfons Söllner (TU Chemnitz)
Hochschulort: Chemnitz
Kontakt:
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