WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
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Ab durch die Hecke

Wie eigentlich, irgendwie oder typisch unsere alltägliche Kommunikation beeinflussen


Von Anette Steffen

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Peter und Susanne unterhalten sich bei einem Spaziergang über ihre Beziehung. Peter ist total verliebt und fragt ungeduldig: "Ach Schatz, wie wär's, wenn wir endlich zusammenziehen würden?" Susanne antwortet zögerlich: "Hm, eigentlich würde ich ja gerne mit dir zusammenziehen. Aber vielleicht können wir das irgendwie noch auf nächstes Jahr verschieben."

Tja Peter, das war wohl erst einmal nichts mit der gemeinsamen Wohnung! Allerdings kann Peter seiner Freundin auch nicht furchtbar böse sein. Susannes Äußerungen entbehren zwar jeglicher Bestimmtheit und Festlegung, gleichzeitig aber sind sie so formuliert, dass Peter das Nein als erträglich empfinden kann. Dafür sind vor allem die Wörtchen eigentlich, vielleicht und irgendwie verantwortlich, eine Gruppe von kleinen, aber feinen Wörtern, ohne die unsere Sprache überaus leblos erscheinen würde und die uns so manche Dienste leisten.

Eigentlich, irgendwie und vielleicht
Es stimmt: Wörtchen wie eigentlich oder irgendwie nehmen einer Aussage ihre Präzision; sie verändern eine Äußerung nach Grad oder Hinsicht ihres Zutreffens. In der Sprachwissenschaft werden solche Ausdrücke Heckenausdrücke oder kurz Hecken genannt. Der Begriff der sprachlichen Hecke geht auf den amerikanischen Sprachwissenschaftsguru George Lakoff zurück, der Ausdrücke wie in a way, kind of, perhaps oder sometimes zu den "hedges", den Hecken, zählt.

Es wird vermutet, dass Lakoffs Benennung wiederum auf einer englischen Redewendung beruht: (to) hedge one's bets – sich beim Glücksspiel also nach allen Seiten absichern und damit Wetten so abschließen, dass man sie nicht verlieren kann. Lakoffs oft zitiertes Beispiel lautet:
"A penguin is a sort of bird". Jedem ist klar, dass Pinguine keine typischen Vögel sind; durch die Formulierung sort of gelingt es aber ,die Aussage abzuschwächen und damit trotzdem als richtig erscheinen zu lassen. Wette gewonnen!



Das klassische Beispiel der Kategorie "Vogel"
(www.ph-heidelberg.de)

Von Pinguinen und Spatzen
Das Pinguin-Beispiel zeigt, dass wir sprachliche Hecken unter anderem verwenden, wenn das aktuell Gemeinte dem Ideal in unserem Kopf nicht voll entspricht. Schließlich ist es wahrscheinlicher, dass wir bei der Gruppe der Vögel eher an einen Spatz als einen Pinguin denken. Die Vorbehalte, die wir im Bezug auf die Pinguine haben, werden dann in Form einer sprachlichen Hecke wie eine Art von … sichtbar.

Lakoff zählt zu den Hecken aber nicht nur solche Ausdrücke, die einschränken, sondern auch diejenigen, die die gewählte Bezeichnung bekräftigen und unterstützen, die also anzeigen, dass wir von einem prototypischen Exemplar einer Klasse sprechen. Wendungen wie typisch oder par excellence wären dann mögliche Heckenausdrücke. Ziehen wir also wieder unseren Spatz zu Rate und formulieren: "Der Spatz ist ein typischer Vogel" – ein Satz, der (zumindest im deutschen Kulturkreis) sicherlich keine Einwände hervorruft; anders hingegen, ersetzten wir Spatz durch Pinguin.

Wozu Hecken?
Übersetzt meint das englische hedge die deutsche Hecke – die grüne, in unserem Garten. Was die sprachlichen Hecken jedoch mit den Hecken hinterm Haus zu tun haben, scheint erst einmal unklar. Die Sprachwissenschaftlerin Gudrun Clemen aber findet, dass "bestimmte Funktionen, die man der grünen Hecke zuspricht – Schutz, Umhegen, Einhegen, Abgrenzung, Distanz – in der sprachlichen Hecke wiederzufinden" sind. Sprachliche Hecken haben also nicht nur etwas mit Klassenzugehörigkeiten zu tun.



Ab durch die Hecke -
Sprache hat auch etwas mit Biologie zu tun
(www.wdr.de)

Auch in dem Gespräch zwischen Peter und Susanne geht es um Schutz und Umhegen. Susanne will Peter nicht verletzen und wählt eine vage Formulierung, um ihrem Gegenüber auf diplomatische Art und Weise klar zu machen, dass sie nicht mit ihm zusammenziehen möchte. Die Vagheit hat also kommunikative Ursachen; Vagheit kann aber auch sachlich begründet sein. Äußert jemand den Satz "Hecken sind Ausdrücke, die eine Aussage irgendwie verändern", ist klar, dass er oder sie nicht genau weiß, was Heckenausdrücke tatsächlich sind und tun.

Genauso gibt es aber auch Heckenausdrücke, die ganz und gar nicht vage sind. Ganz im Gegenteil: Es handelt sich dann um Hecken, die präzisieren und Genauigkeit andeuten, wie etwa in den Sätzen "Er ist ein richtiges Schwein" oder "Ich habe – offen gesagt – keine Lust auf Böller und Sekt." Die Wendungen richtiges und offen gesagt veranschaulichen, dass die Sprecher hier genau das meinen, was sie sagen – ohne Vagheitsformulierungen oder Diplomatie.

Was Männer und Frauen mit den Hecken treiben
Wurden Heckenausdrücke in den siebziger Jahren überwiegend im Zusammenhang mit Prototypen und Klassenzugehörigkeiten untersucht, so ist die Forschungsperspektive heute eine andere. Hecken werden heute vielmehr auf ihre Funktion im Diskurs durchleuchtet. Dabei bedienen sich diverse Forschungsrichtungen der bisherigen Erkenntnisse über Hecken, so zum Beispiel Untersuchungen zur geschlechtsspezifischen Kommunikation.



Wenn Männer und Frauen miteinander sprechen,
sind auch immer Hecken im Spiel

Die Erforschung der Heckenausdrücke in Bezug auf die beiden Geschlechter ist seit jeher umstritten. 1975 behauptete etwa Robin Lakoff, übrigens Ex-Frau von oben erwähntem George Lakoff, in ihrer viel gepriesenen und kritisierten Arbeit Language and Woman's Place, dass Frauen mehr Heckenausdrücke verwenden als Männer. Diese Haltung wird auch heutzutage bestätigt, nicht aber die Funktion, die Robin Lakoff den Hecken zu schrieb.

So sagte sie über Heckenausdrücke, dass sie als Vagheitsformulierungen ein Zeichen weiblicher Schwäche und Unsicherheit seien und dass Frauen, wollten sie ernst genommen werden, dieses sprachliche Verhalten ablegen müssten. Heute sieht man die Verwendung von sprachlichen Hecken sowohl von Frauen als auch von Männern sehr viel differenzierter.

Hecken – ein Alltagsphänomen
Wie gesehen verwenden wir Hecken nicht nur, weil wir etwas nicht wissen, sondern auch weil wir etwas besonders genau wissen oder weil wir die soziale Beziehung zum Gegenüber nicht gefährden wollen. Sowohl unter den Frauen als auch unter den Männern gibt es regelrechte "Hecken-Experten", die zum Beispiel das kleine, unschuldige Wörtchen eigentlich in jeden unschuldigen Satz einpflanzen. Dies zeigt letztlich nur eins: sprachliche Hecken sind wesentliche Bestandteilel mündlicher Kommunikation, die uns helfen, zahlreiche kommunikative Nuancen auszudrücken; ob Männlein, ob Weiblein, scheint daher eher nebensächlich zu sein.

 

Quellen und Lektüre-Tipps:
George Lakoff (1972): Hedges: A Study in Meaning Criteria and the Logic of Fuzzy Concepts
Robin Lakoff (1975): Language and Woman's Place
Gudrun Clemen (1996): Hecken in Wirtschaftstexten
Johannes Schwitalla (2003):
Gesprochenes Deutsch: Eine Einführung

 

Veröffentlicht am 19.12.2006
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