Wie die so genannte "Rückwärtssprache" als Entscheidungshilfe eingesetzt wird
"Lügen haben kurze Beine", so
lautet ein bekanntes Sprichwort. Aber werden in den kommenden Jahren die Beine
noch kürzer? Vor etwa 20 Jahren entdeckte der Australier David Oates die so
genannte Rückwärtssprache. Er fand heraus, dass Sprachaufnahmen, die man rückwärts
laufen lässt, oftmals einen anderen Sinn ergeben als das vorwärts Gesagte.
Angst, dass der Nachbar demnächst aus allen Sätzen, die man sagt, Vorteile
für sich zieht und man ausgehorcht wird, muss man allerdings nicht haben.
LEO-Redakteurin
Katja Schuld ging diesem geheimnisvollen Phänomen nach und befragte
die Psychologin Katrin Meißner, Ph.D, die bereits acht Jahre Erfahrungen auf
diesem Gebiet hat und aktiv an der Forschung beteiligt ist, zur Rückwärtssprache,
zu ihren Einsatzgebieten und Potentialen.
Die Psychologin Katrin Meißner,
Expertin für Rückwärtssprache
LEO: Frau Meißner, wie sind Sie zur Rückwärtssprache gekommen? Meißner:Ich besuchte einen Vortag zum Thema, als ich in San
Diego lebte. Ich war fasziniert und wollte mehr wissen. Also habe ich die
2-jährige Ausbildung gemacht
LEO: Können Sie das Phänomen mit wenigen Sätzen beschreiben? Meißner:Spielt man eine auf Tonband aufgenommene Konversation
rückwärts ab, hört man im Kauderwelsch klare, eindeutige, wenn auch etwas
ungewöhnlich klingende Wörter und Sätze. Unsere Erfahrungen haben gezeigt,
dass diese nicht abhängig sind von den vorwärts gesprochenen Wörtern, sondern
von dem emotionalen Zustand des Sprechers. So kann die Aussage "was für ein
schöner Tag heute" rückwärts z. B. einmal "ich gehe in Freude" ergeben, ein
anderes Mal aber "ich fühle mich dreckig." Die Rückwärtsbotschaften treten
in unterschiedlichen Abständen auf. In einem sehr emotionalen Gespräch hören
wir etwa alle 3 Sekunden klare Sätze im Kauderwelsch. Bei einer emotionslos
vorgetragenen, auswendig gelernten Rede hingegen nur alle 2-3 Minuten. Wir
geben also rückwärts unsere Gefühle zum vorwärts besprochenem Thema kund,
bestätigen, widerlegen, erweitern oder kommentieren, was wir vorwärts gesagt
haben. Und das völlig unzensiert. Wir führen rückwärts sogar ganze Dialoge
mit unseren Gesprächspartnern! Es ist uns nicht möglich, unsere Reversale
bewusst zu beeinflussen oder zu kontrollieren. Ob wir (bewusst) wollen oder
nicht, sagen wir rückwärts unverblümt, was wir wirklich denken und fühlen.
Hier geben wir unsere Wahrheit preis. Und zwar unsere tiefe, ureigene Wahrheit,
der wir uns oft gar nicht bewusst sind. Deshalb ist die Rückwärtssprache ein
sehr präzises und effektives Werkzeug auf dem Weg zur Selbsterkennung und
Selbsterfahrung.
Einige Beispiele zur
Rückwärtssprache.
Der Vorwärtstext in normaler Schrift, darunter das exakt an dieser
Stelle erschienene Reversal, fett gedruckt.
...dass meine Freundin
und ich vielleicht doch getrennte Wege gehen... Ehe wird hier nicht grad helfen
...als Heilpraktikerin
könnte ich auch mal ein Medikament verschreiben.. liegt am Weg
...ich habe da an
einen Lottogewinn gedacht... gar nichts los
LEO: Mit
neuen Erkenntnissen stößt man meistens auf Kritik. Wie wehren Sie sich? Meißner: Gar nicht. Es gibt zwei Arten von Kritik. Die eine kommt
von Leuten, die sich überhaupt nicht oder nur sehr oberflächlich mit der Rückwärtssprache
auseinandergesetzt haben. Diese Leute beschließen, dass es die Rückwärtssprache
nicht geben kann aus welchen Gründen auch immer (weil sie nicht
in ihr Weltbild passt). So was ist eher Ignoranz als Kritik und damit verschwende
ich keine Zeit. Die zweite Art von Kritik kommt von Leuten, die der Rückwärtssprache
offen gegenüber treten, sich ordentlich informieren und dann kritische Fragen
stellen bzw. auf Schwachstellen hinweisen. Ich bin immer froh, solchen Menschen
zu begegnen und mich mit ihnen auszutauschen. Denn ich stelle ja selber laufend
kritische Fragen an die Rückwärtssprache.
LEO: Birgt
diese Disziplin Risiken? Meißner: Natürlich. Die unprofessionelle Anwendung der Rückwärtssprache
birgt vor allem die Gefahr der Projektion (es werden keine Rückwärtsbotschaften
gehört, sondern das, was man gerade hören will), Manipulation ("ich habe rückwärts
genau gehört, dass du mir 100€ geben sollst") und des Machtmissbrauchs ("ich
habe dich heimlich aufgenommen und rückwärts gehört, dass du fremdgegangen
bist"). Wenn man andererseits ausgebildet ist und verantwortungsvoll mit der
Rückwärtssprache umgeht, dann minimieren sich die Risiken wiewohl
sie wie bei den meisten Disziplinen nie ganz ausgeschlossen
werden können.
LEO: Wo kann die Rückwärtssprache bereits eingesetzt werden? Meißner:Sie wird vor allem eingesetzt im Bereich der Selbsterfahrung,
Entscheidungshilfe, Intuitionsschulung. Auch der eine oder andere Anwalt setzt
sie ein (oft geben die Klienten rückwärts hilfreiche Zusatzsatzinformationen).
Es gibt unendlich viele Bereiche, wobei es immer eine ethische Frage ist,
ob die Rückwärtssprache eingesetzt werden sollte oder nicht. Man stelle sich
vor dass Bewerber im Einstellungsgespräch ohne Wissen aufgenommen und analysiert
würden.
LEO: Sie sind Psychologin. Therapieren Sie Patienten mithilfe der Rückwärtssprache? Meißner: Nein. Die Rückwärtssprache ist keine Therapieform, sondern eine Analysemethode. Sie wird unter anderem im Bereich des Persönlichkeits-Coachings eingesetzt. Die Analyse hilft u.a. dabei, Entscheidungen zu treffen und Ziele zu erreichen indem (oft unbewusste) Denk- und Fühlmuster geklärt werden.
LEO: Können Sie ein Beispiel nennen? Meißner: Eine Kollegin von mir, eine Kinderpsychologin, arbeitet in einem Heim. Ein Kind hatte plötzlich extreme Konzentrationsstörungen, die sich niemand so recht erklären konnte. Die Psychologin hoffte, mit Hilfe der Rückwärtssprache den Ursachen auf die Spur zu kommen. Sie nahm ein paar Minuten der Therapiestunde auf Tonband auf. Rückwärts hörte sie dann: Mehr in der Nacht. Hilfe! Dieses Reversal machte sie hellhörig. Sie fragte die Heimleiterin, ob irgendwelche nächtlichen Auffälligkeiten bekannt wären. Die Heimleiterin verneinte, gab jedoch Anweisung, besonders darauf zu achten. Es stellte sich heraus, dass in dem Schlafsaal des Kindes ein etwas älterer Junge sein tyrannisches Unwesen trieb. Er zwang andere Kinder z. B. sich vor ihm auf den Boden zu werfen, ihm ihre Süßigkeiten zu geben, etc. Bei Verweigerung wurden sie von ihm geschlagen. Der kleine Patient litt sehr unter der Tyrannei seines Kameraden. Kein Wunder, dass sich das als Konzentrationsstörung äußerte.
LEO: In welchen Sprachen kann die Rückwärtssprache bereits entschlüsselt werden? Meißner: Ich denke mal, in allen. Vorausgesetzt, es findet sich jemand, der a) in der Rückwärtssprache trainiert ist und b) die jeweilige Sprache fließend spricht. Belegt sind: Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Japanisch, Hebräisch und die Sprache der Aborigines.
LEO: Man spricht von Reversalen. Können Sie das für unsere Leser erklären? Meißner: Reversal ist der Fachausdruck für die Wörter und Sätze, die man im Kauderwelsch hört. Diese stehen im direkten Bezug zum Vorwärts gesagten und belegen, erklären, widerlegen das, was vorwärts gesagt wird.
LEO: Sie vermitteln Ihr Wissen in Kursen weiter. Inwieweit findet so etwas Zuspruch? Meißner: Es findet zum einen Zuspruch bei Leuten, die die Rückwärtssprache zu Selbsterfahrungszwecken erlernen wollen. Und bei Therapeuten, die die Rückwärtssprache in ihrer Praxis selbst anwenden wollen. Zum anderen kommen jede Menge Leute, die Geheimverschwörungen aufdecken wollen (indem sie Politiker rückwärts anhören) oder endlich herausfinden wollen, was ihr Nachbar wirklich von ihnen denkt. Da ich keinen Wert auf diese Anwendung der Rückwärtssprache lege, habe ich öffentliche Kurse eingestellt und konzentriere mich auf den Austausch mit Fachleuten (v.a. auch andere Disziplinen wie Neurologie, Linguistik, Philosophie). Bei Interesse biete ich innerhalb dieses Austausches natürlich nach wie vor Kurse an.
LEO: Ist
es für Laien schwierig, Reversale zu erkennen? Meißner: Ja und Nein. Wenn man "ungeschulten Ohren" ein Band rückwärts
vorspielt, hören sie erst mal wenig. Wenn man ihnen aber ein Reversal vorspielt,
das aus dem Kauderwelsch herausgeschnitten wurde, verstehen es die meisten.
Dazu führten wir eine Studie mit 143 Testpersonen durch. Diese ergab, dass
ein Reversal weitestgehend auch als solches erkannt wird (95%). Ungefähr die
Hälfte hörte den erwarteten Satz oder einen ähnlichen, etwa "nur heut nicht"
statt des erwarteten: "wer hält mich". Da, wo als Antwort "das ist nur Kauderwelsch"
erwartet wurde, gab die Hälfte der Testpersonen an, nur Kauderwelsch zu verstehen.
Die anderen 50% aber "hörten" die unterschiedlichsten Dinge. Von "erinnere
dich, konsolidierter Sittenstrolch" über "heute gibt's Suppenhuhn" zu "von
innen her kommt so wild etwas empor". Das zeigt, wie verlockend es für Laien
ist, das Kauderwelsch als Projektionsfläche zu missbrauchen.
LEO: Kann die Rückwärtssprache bei Entscheidungsfindungen behilflich sein? Meißner: Ja. Vor allem da. Weil sie die unbewusste Motivation aufdeckt. Ein Kunde wusste zum Beispiel nicht, ob er umziehen sollte oder nicht. Er hatte einen sehr lukrativen Job in Aussicht und eigentlich sprach alles für einen Umzug. Aber er war sich dennoch unsicher und wollte deshalb wissen, was sein Unbewusstes zu sagen hat. Bei der Rückwärtssprachen-Analyse kam dann raus, dass das Unbewusste nicht im geringsten an mehr Geld interessiert war, sondern daran, die familiären Probleme zu lösen. Das ging aber nur, wenn er nicht umzog. Die Reversale deuteten darauf hin, dass das Unbewusste des Kunden dorthin gehend manipulieren würde, dass der Umzug ein Flop wird und der Kunde möglichst bald zurück zur Familie kommt.
Der Kunde fand, dass das sein ungutes Gefühl erklärte und beschloss darauf hin, erst seine familiären Angelegenheiten zu regeln, bevor er sich nach einem besseren Job und einem neuen Zuhause umsieht.
LEO: Wie viel Potential steckt in der Rückwärtssprache? Meißner: Das hängt davon ab, ob es uns gelingt, die Rückwärtssprache soweit zu erforschen, dass sie breitere Anerkennung findet. Wenn sie dabei hält, was sie verspricht, dann steckt sehr viel Potential in der Rückwärtssprache. Stellen Sie sich vor, sie würde allgemein anerkannt werden. Das würde bedeuten, dass im selben Atemzug allgemein anerkannt werden müsste, dass das Lügen keinen Sinn mehr hat, denn man wüsste ja nie, wer wo aufnimmt, um dann rückwärts zu hören. Im Privaten, Geschäftlichen, in der Politik und im Gerichtssaal... Die Implikationen im Positiven wie im Negativen wären ungeheuer.
LEO: Trifft man sich unter den Experten zum Austausch von Forschungsstand und Erfahrungen? Meißner: In Europa ist vor allem meine Kollegin Dr. Ira Mollay in Wien, die sich mit der Rückwärtssprache beschäftigt. Mit ihr tausche ich mich regelmäßig aus. Auch mit meinen Kollegen in Kalifornien, wenn ich gerade dort bin.