Das Ringen um die Wahrheit
„Wozu Wahrheit?“ lädt zur Wiederentdeckung einer philosophischen Wahrheitssuche ein.
Von Christian Pentzold
Kann man sinnvoll über Wahrheit reden? Zumindest in den Diskursen der Geistes- und Sozialwissenschaften scheint man sich von ihr verabschiedet zu haben. Ersetzt wurde sie durch Falsifizierung, Überprüfung, Belege und Interpretationen.
Die Diskussion über die Wahrheit ist mindestens so alt wie die Philosophie selbst. Ja, die Wahrheitsfrage steht wohl am Anfang philosophischen Denkens überhaupt. Da ist die Frage berechtigt, ob die nun erschienene Debatte Donald Davidsons und Richard Rortys über Wahrheit noch etwas Interessantes hinzufügen kann. Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, sie kann.

Davidson wie Rorty entstammen der analytischen Tradition, welche seit ihrer Begründung vor mehr als hundert Jahren mit einer Auflösung des Wahrheitsproblems beschäftigt ist. Gottlob Frage, der Großvater dieser philosophischen Schule, versuchte mit Hilfe einer Prädikantenlogik Wahrheitswerte für Sätze zu ermitteln. Und auch Rudolf Carnap, einer der Lehrer Rortys, hängt noch der Idee einer formalen Kalkülsprache an. Vor diesem Hintergrund wird die Radikalität des Ansatzes von Davidson und dessen Weiterentwicklung durch Rorty erst erfassbar. Im vorliegenden Band erhält der Leser nun Einblick in die analytische Philosophie und ihre Argumentationsweise, welche bislang besonders auf dem europäischen Festland nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit bekommen hat.
Insgesamt zwölf verstreut in einem Zeitraum von knapp 25 Jahren erschienene Aufsätze sind in dem Band versammelt. Der ältere Teil lag bereits in deutscher Übersetzung vor, während insbesondere die jüngeren Beiträge gewohnt souverän von Joachim Schulte übertragen wurden. Ausgangspunkt ist die von beiden Autoren vollzogene Verabschiedung eines trivialen Wahrheitsbegriffes, der diese als nichtkausale, zeitlose Beziehung zwischen Sprache und Welt verstanden hatte. In seinem 1983 erschienen Aufsatz „Eine Kohärenztheorie der Wahrheit“ verneint Davidson die Idee einer Korrespondenztheorie der Wahrheit, da keine Möglichkeit einer Überprüfung bestehe. Absurd wäre der Gedanke eines neutralen Standpunktes außerhalb der Sprache-Welt-Relation, um diese eingehend zu überprüfen. Und auch der zweiten wesentlichen Theorie, der Kohärenztheorie der Wahrheit, entzieht er die Begründung. Die Idee eines in sich kohärenten und damit wahren Systems von Sätzen hat keinen Sinn, da wiederum der neutrale Standpunkt einer Überprüfung nicht gegeben scheint.
Rorty folgt der Argumentation Davidsons und bestreitet wie dieser die Möglichkeit eine korrespondenz- oder kohärenztheoretischen Wahrheitsbegriffs. Anders als sein Wahlverwandter jedoch geht er einen Schritt weiter und meint, dass das ganze philosophische Projekt „Wahrheit“ gescheitert sei. Der Wahrheitsbegriff kann nicht als erklärender Begriff verwendet werden. Damit spitzt er Davidsons Argumentation zu und bringt diesen in Bedrängnis. Denn im Gegensatz zu Rorty, welcher den Begriff ‚wahr' nur noch in der pragmatischen Tradition von William James als Rechtfertigung oder Warnung verstehen will, hält Davidson ihn durchaus noch für philosophisch brauchbar.

Donald
Herbert Davidson
In den folgenden Aufsätzen,
darunter solch radikale Beiträge wie Davidsons „Eine hübsche Unordnung
von Epitaphen“, entwickelt sich ein Ringen um den Gebrauch des Wortes ‚wahr'
und dessen Geltungsbereich, ja, um die Grenzen und Zuständigkeiten von
Philosophie als wissenschaftliche Disziplin überhaupt. Und das auf höchstem
Niveau. Aus diesem Grund ist es zu begrüßen, dass Mike Sandbothe
mit Herausgabe des Bandes diese Debatte in einer neuen Fassung leicht zugänglich
gemacht hat. Sein Nachwort hilft überdies, die stellenweise nicht gerade
leicht nachzuvollziehende Argumentation zu strukturieren.
Da Fallen auch die Unachtsamkeiten
– der Band „Truth, Meaning, and Knowledge“ von Urszula Zeglén wurde
1999 und nicht 1995 veröffentlicht, das Buch „Wahrheitsdefinitionen und
radikale Interpretation“ stammt von Andreas Edmüller, nicht Erdmüller
- nicht ins Gewicht. Einzig bei der Auswahlbibliografie hätten trotz
aller Ausschnitthaftigkeit zumindest die wichtigsten Sammelbände zu Richard
Rorty wie etwa Alan Malachowskys „Reading Rorty“ von 1991, Herman J. Saatkamps
„Rorty and Pragmatism“ (1995) oder das 2001 von Thomas Schäfer, Udo Tietz
und Rüdiger Zill herausgegebene Buch „Hinter den Spiegeln.“ berücksichtigt
werden können.
Donald Davidson /
Richard Rorty (2005): Wozu Wahrheit? Eine Debatte. Hgg. und mit einem Nachwort
versehen von Mike Sandbothe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp (= stw 1691).
Mehr dazu?
Keine
Sprache mehr. Wie Donald Davidson die Sprache abschaffte.