„toki pona li
pona tawa mi.“
Wie eine Minimalsprache
mit nur 120 Wörtern auskommt
Von Michael
Münch
Die Minimalistin
Um 80 Prozent aller geschriebenen Texte zu verstehen, genügen
dem Durchschnittsleser rund 1000 Wörter der jeweiligen Sprache. Doch
Sonja Elen Kisa (geboren 1978) wären diese 1000 Wörter vermutlich
schon viel zu komplex. In ihrer Arbeit als Übersetzerin (Englisch, Französisch,
Esperanto) hat die Kanadierin sich mehr als einmal über die Kompliziertheit
der Sprachen geärgert und versuchte seitdem, ihren inneren Sprachfrieden
zu finden. 2001 veröffentlichte sie das Ergebnis: Die minimalistische
Plansprache „toki pona“ (zu deutsch: „Die gute Sprache“).
toki pona
zur Einführung
Der Minimalismus beginnt schon beim Alphabet. Während sich mit
a, e, i, o und u noch alle Vokale wiederfinden, hat sich die Zahl der Konsonanten
auf neun verringert. J, k, l, m, n, p, s, t und w reichen vollkommen aus.
Viele Schüler würden sich vermutlich über diese Vereinfachung
freuen. Nur noch das halbe Alphabet lernen!

Die Erfinderin: Sonja Ele Kisa
Weiter geht der Minimalismus auch in Sachen Phonologie. Die Vokale werden
nur lang ausgesprochen (wie in „Vater“ oder „Hof“) und die Konsonanten bleiben
im Vergleich zum Englischen oder Deutschen lautlich unverändert.
Auch die erste toki pona-Regel zur Rechtschreibung ist wenig kompliziert:
Wörter werden stets klein geschrieben, auch am Satzanfang. Einzige Ausnahmen
bilden so genannte unoffizielle Wörter, also Eigennamen von Personen,
geografische oder auch fremdsprachliche Bezeichnungen. Weiter geht es mit
den Wortarten. Hier gibt es ebenfalls keine großen Überraschungen:
Substantive, Verben, Adjektive, Adverbien, Konjunktionen und Präpositionen.
Alles wie gewohnt. Doch wie kommt nun der geringe Wortschatz zustande? Das
Rezept scheint simpel:
Zutat 1: Man verpasst jedem Wort in toki pona zahlreiche Denotationen.
So heißt in etwa „suli“ nicht nur „lang“ oder „groß“, sondern
auch „wichtig“. Oftmals ist die Wort- oder Satzgliedstellung eines Wortes
für dessen tatsächliche Bedeutung entscheidend.
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Zutat 2: Die geschickte Kombination von Wörtern erspart extra
Bezeichnungen. Zum Beispiel wird aus „jan“( „Mensch“) und „pakala“ („verletzt“)
„jan pakala“, also ein „Opfer“. Dabei ist der Anzahl der kombinierbaren
Wörter nach oben keine Grenze gesetzt.
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Die Ambiguität
von toki pona
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Zutat 3: Numerus, Genus und Kasus werden kurzerhand abgeschafft (übrigens
wie im Japanischen).
Zutat 4: Weiterhin entfallen Konjugation und Deklination komplett.
Zutat 5: Das ach so wichtige Wörtchen „sein“ fehlt und damit auch sämtliche
Zeitformen. Ein Satz kann gleichzeitig die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft
beschreiben (siehe Grafik).
Die Auswirkungen dieses Rezeptes sind klar: Der Sprecher muss sich genau auf
seine Aussage konzentrieren und seinen Fokus stets auf das Wesentliche richten.
Für den Hörer soll so automatisch deutlich werden, welche Bedeutung
tatsächlich gemeint ist.
Kann man in toki pona nun wirklich verständliche Sätze bilden?
Ja, man kann. Ein typischer toki pona-Satz besteht aus einem Subjekt
und einem Verb oder Adjektiv (Beispiel: „mi awen.“ - „Ich warte./Wir warten.“).
Komplizierter wird es bei komplexen Sätzen. Hierzu musste die Sprachentwicklerin
Sonja Elen Kisa in die Trickkiste greifen. Damit man Subjekt, Objekte, verschiedene
Verben oder auch Adverben und Adjektive voneinander unterscheiden kann, gibt
es drei hilfreiche Wörtchen:
1. Mehrere direkte Objekte: „mi moku e kili e telo.“ - „Ich nehme Wasser
und Früchte zu mir.“ Das „e“ zeigt an, dass „kili“ und „telo“ beides
direkte Objekte sind und zu dem Verb „moku“ gehören.
2. Mehrere Verben: „waso li lukin li moku.“ - „Der Vogel schaut und isst.“
Das „li“ macht also deutlich, dass die beiden Verben „lukin“ und „moku“ sich
auf das gleiche Subjekt „waso“ beziehen.
3. Kombination von Substantiven und Adjektiven: „jan pi pona lukin.“ - „Ein
gut aussehender Mensch.“ Ohne das „pi“, hieße der Satz: „Der Mensch
sieht gut.“
Diese drei Wörtchen haben also keine eigene Bedeutung, verhindern aber
innerhalb komplexer Sätze ein Verständnischaos. Dennoch ist ihr
Gebrauch sehr gewöhnungsbedürftig.
Doch das waren noch lange nicht alle Besonderheiten von toki pona.
Wer mehr erfahren möchte, dem seien die Homepages www.tokipona.org
und http://rowa.giso.de
empfohlen.
Die Lehren von
toki pona
Was sind nun die Vor- und Nachteile von toki pona? Der größte
Vorteil ist sicherlich die sehr kurze Lernzeit. Bereits nach einem Monat regelmäßigen
Übens ist es möglich, toki pona mitsamt seinen 120 Vokabeln
und seinen grammatischen Regeln zu beherrschen. Und für den alltäglichen
Kaffeeklatsch reicht der Wortschatz allemal, doch für mehr auch nicht.
An komplexen Begriffen scheitert die Sprache. Denn die 120 Basiswörter
türmen sich sehr schnell auf zu tausenden (teilweise willkürlichen)
Wortkombinationen, die wegen ihrer Mehrdeutigkeit nur schwer zu fassen sind.
Aber toki pona hat auch
nicht den Anspruch, eine neue Weltsprache zu werden. Niemand hat vor, Goethes
„Faust“ in eine Minimalismusversion zu übersetzen. Vielmehr basiert toki
pona auf den Lehren des chinesischen Taoismus. Die Beschränkung auf
das Wesentliche bringen mehr Glück, als der Versuch der Komplexität
und Hektik dieser Welt nachzurennen. Die Sprache soll in ihrem Ursprung und
damit in ihrer Einfachheit verstanden werden. toki pona steht für
sprachliche Bescheidenheit. So wird wohl niemand seine Doktorarbeit in toki
pona verfassen. Aber jeder, der nicht nur die Regeln, sondern auch den
Geist dieser Sprache begriffen hat, wird von sich sagen können: „toki
pona li pona tawa mi.“ - „Ich mag toki pona!“
Informationen zum Autor: Michael
Münch studiert Germanistik und Politik an der TU Chemnitz.
Veröffentlicht
am 09.11.2004
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