WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Kolumne
LEO Klemm Grammatik


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5 Minuten Sprachwissenschaft: LEO möchte in einer neuen Serie aktuelle sprachliche Phänomene aus dem Alltag unter linguistischer Lupe betrachten und in kurzen Texten spitzfindig aufs Korn nehmen. Was ist streng genommen so nicht richtig? Wo schlägt uns die Sprache ein Schnippchen? Was ist es wert, mal sprachwissenschaftlich hinterfragt zu werden?

Alle LEO-Leserinnen und Leser sind herzlich eingeladen, die Redaktion auf geeignete Themen hinzuweisen. Welche Frage brennt Ihnen unter den Nägeln? Mails an leo@tu-chemnitz.de

 

Teil 11: Hinzus mit zuen Türen

Die Kreativität der Grammatik des Alltags



Von Michael Klemm


„Man sollte heimlich mitstenographieren, was die Leute so reden [...] man sollte wortwörtlich mitstenographieren - einhunderachtzig Silben in der Minute - was die Leute so schwabbeln.“ So forderte es der Satiriker Kurt Tucholsky schon zu Zeiten der Weimarer Republik. Na gut, dann machen wir das mal und schauen den Leuten aufs Maul, „ohne Verkürzung, ohne Beschönigung, ohne Schminke und Puder, nicht zurecht gemacht”. Dann hört man zum Beispiel Folgendes: „Hinzus war der Zug ganz schön voll“.

Sicher, der Sprecher hätte es grammatisch korrekt formulieren können, etwa „Auf der Hinfahrt“. Er weiß das selbst, er kann es auch. Und doch sagte er „hinzus“. Lapsus? Gefährdung des Abendlands? Oder die kreative Freiheit der Grammatik des Alltags?

Was hat er gemacht? Nun, gleich mehrere grammatische Regeln auf einmal gebrochen – oder sagen wir diplomatischer: kreativ ausgelegt. Die Endung -s führt auf die Spur einer an sich korrekten Adverbbildung wie bei flugs, zusehends oder freitags (übrigens neuerdings auch schon in der Schreibung „Freitag’s“ gesichtet – die Apostrophitis schreitet fort). Nur ist „hinzu“ leider keine Adverbbasis. Stellt sich die Frage, was „hinzu“ überhaupt für eine Wortart ist. Vorsicht, Fangfrage. Um das wohl bekannte (wohlbekannte?) „hinzu“ in „Ich zog den Arzt hinzu“ handelt es sich jedenfalls nicht. Morphologisch betrachtet ist es eine Kombination des Adverbs „hin“ und der „Präposition „zu“, die wir bei so genannten Pronominaladverben finden (hierin, herauf) – aber hilft uns das hier weiter? Die Bedeutung scheint klar: ‚auf dem Hinweg’. Also ein Pronomen? Oder ist hinzus ein Gefährte von aufwärts. Also ein direktionales Adverb? Niemand soll behaupten, hier sei schnöder Sprachverfall am Werke, wenn schon eine harmlose Wortbildung die Grenzen der etablierten Wortarten-Einteilung sprengen kann.


Hinzus mit zuen Türen

„Hinzus“ hat eine reiche Geschwisterschar, Bastarde der kreativen Alltagsgrammatik gibt es allerorten und immer "öfters" (auch so ein Alltagsgrammatismus). Manche gehen angeblich "frühs" zur Arbeit. Man denke auch an die Pseudoadjektive, die zum Beispiel kühn das Gebot der Unflektierbarkeit von Adverben überlisten wollen. Wer kennt sie nicht, die zue Tür, den abben Knopf oder den ummen Baum, der Opfer eines Autofahrers wurde. Warum nicht die Verbpartikel um von umfahren zum Adjektiv umdeuten und damit das sperrige umgefahren vermeiden? Und warum soll es eine offene Tür geben, aber keine zue? Ist geschlossen denn so viel besser? Schließlich gibt es seit geraumer Zeit ja auch „Deutschlands meiste Kreditkarte“, allen Protesten von Sprachpflegern zum Trotz.

Doch die Grammatik des Alltags kennt nicht nur den Primat der Ökonomie. Manchmal erhöhen wir ganz ohne Not den sprachlichen Aufwand. Da haben wir zum Beispiel den Genitiv, ein bedauernswerter, vom Aussterben bedrohter Kasus. Eigentlich ein dufter Typ. Man könnte nämlich dank ihm kurz und gut sagen: Steffis Kind. Aber warum so einfach, wenn es auch komplizierter geht. Der Alltagsgrammatiker sagt lieber „der Steffi ihr Kind“. O tempora, o mores, der casus belli für den armen Genitiv?

Es gibt viele Bücher, sicher zu viele, aber die Grammatik des Alltags ist immer noch nicht geschrieben worden. Tucholskys Appell ist unerwidert verhallt. Und noch eine Frage bleibt leider unbeantwortet: Wie voll war der Zug eigentlich zurückzus? Oder heißt das rückzus? Oder wegzus? Allemal interessante Kombinationen.


Kennen auch Sie solche Sprösslinge der Grammatik des Alltags? Dann schreiben Sie bitte an leo@tu-chemnitz.de.

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Veröffentlicht am 13.12.2005
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