Wenn die Sorre
im Gilbhart durch die Zeugemutter fährt …
Kleine Geschichte
der sprachpflegerischen Eindeutschungen – von erfolgreich bis skurril (Teil
1)
Von Michael Klemm
Seit ihren Anfängen hatte
die deutsche Sprache einen schweren Stand. Das Erbe der Germanen war nie so
hoch angesehen wie die edle Zunge der Griechen und Lateiner. Jahrhundertelang
bevorzugten die Mächtigen als Ausdruck ihrer Bildung fremde Sprachen,
vom Lateinischen des Klerus bis zum Französischen am Hofe. Und auch heute
sehen manche den Bestand der Muttersprache durch das Englische bedroht.
Anlass genug für eifrige Sprachpfleger, immer wieder die Ersetzung fremder
Wörter durch deutsche Kreationen zu fordern.

Grafik: Angela Lehmann
Schon seit Luthers Bibelübersetzung
ins Obersächsische im frühen 16. Jahrhundert währt das Streben,
dem Deutschen zu mehr Geltung zu verhelfen. Den illustren Vereinen und Gesellschaften
war in ihrem Kampf gegen Latinismen, Gallizismen und Anglizismen seither aber
höchst unterschiedlicher Erfolg beschieden. Ein kleiner Abriss, ohne
Anspruch auf Vollständigkeit.
Den Anfang macht die kulturpatriotische
„Fruchtbringende Gesellschaft“, die am 24. August 1617 in Weimar gegründet
wird, unter dem Eindruck der Vielstaaterei und bald begleitet von den Wirren
des Dreißigjährigen Kriegs. Ihr Zweck ist „bei dem bluttriefenden
Kriegsjammer unsre edle Muttersprache, welche durch fremdes Wortgepränge
wässerig und versalzen worden, hinwieder in ihre uralte gewöhnliche
und angeborne deutsche Reinigkeit, Zierde und Aufnahme einzuführen, einträchtig
fortzusetzen und von dem fremd drückenden Sprachenjoch zu befreien“.
Beflügelt durch den erstarkenden Patriotismus geht es darum, das Deutsche
als Hochsprache zu etablieren und in Regelwerken und Wörterbüchern
zu kodifizieren. Unter den Mitgliedern sind bekannte Literaten und Wissenschaftler
der Zeit wie Andreas Gryphius, Martin Opitz, Justus Georg Schottelius, Kaspar
Stieler und Philipp von Zesen. Das Deutsche wird erstmals positiv gewendet
zum Mittel der sozialen Kennzeichnung und Ausgrenzung, da die „mannhafte teutsche
Heldensprache“ im Gegensatz zum Französischen „nichts Weibisches in ihrer
Lautung dulde“. Den barocken „Spracharbeitern“ geht es aber eher um die Aufwertung
des Deutschen als um die Diffamierung anderer Sprachen.

Die Kokospalme, Emblem der „Fruchtbringenden Gesellschaft“
Entgliederer und
Zeugemutter: Philipp von Zesens Vorschläge
Insbesondere Philipp von Zesen wirkt als „Eindeutscher“. Zu seinen Kreationen,
die noch heute zu unserem Wortschatz gehören, zählen z.B. Anschrift
(für Adresse), Bücherei (für Bibliothek),
Augenblick (für Moment), Briefwechsel (für
Korrespondenz), Leidenschaft (für Passion), Lustspiel
(für Komödie), Mundart (für Dialekt),
Rechtschreibung (für Orthographie), Tagebuch (für
Journal) oder Verfasser (für Autor). Manche Vorschläge
dienen aber schon den Zeitgenossen eher als Zielscheibe des Spotts: Zeugemutter
(für Natur), Entgliederer (für Anatom), Jungfernzwinger
(für Nonnenkloster), Meuchelpuffer (für Pistole).
Selbst Wörter wie Nase und Fenster werden mit Gesichtserker
und Tageleuchter zu verdeutschen versucht.
Erfolgreich und
verlacht: Joachim Heinrich Campe
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts unternimmt auch der Pädagoge Joachim
Heinrich von Campe den Versuch, die deutsche Sprache von fremdem Einfluss
zu befreien, um sie den einfachen Bürgern verständlicher zu machen.
1803 erscheint sein „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung
der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“, in der zweiten
Auflage 1813 mit insgesamt 11.000 Ersetzungsvorschlägen. Etwa 3.000 neu
geschaffene deutsche Wörter können sich durchsetzen oder zumindest
neben das etablierte Fremdwort gesellen, die Mehrzahl wird aber nicht angenommen.
Zu Campes erfolgreichen Verdeutschungen zählen z.B. Feingefühl
(für Delikatesse), Hochschule (für Universität),
Stelldichein (für Rendezvous), Schreckensherrschaft
(für Terrorismus) oder Zerrbild (für Karikatur).
Campe verdanken wir so unterschiedliche Wörter wie Erdgeschoss,
Mannweib (für Amazone) oder Randbemerkung, aber
auch grammatische Begriffe wie Einzahl, Mehrzahl, Nachsilbe,
Schaltsatz oder Verhältniswort. Schöpfungen wie Geistesanbau
(für Kultur), Zwischenstille (für Pause), Dörrleiche
(für Mumie), Haarkräusler (für Friseur),
Scheidekunst (für Chemie), Lotterbett (für
Sofa), Lusthöhle (für Grotte), Zitterweh
(für Fieber), Schalksernst (für Ironie) oder
Schweißlöcher (für Poren) ernten hingegen eher
Ablehnung und Hohn prominenter Zeitgenossen, bis hin zu Jacob Grimm, Goethe
und Schiller. Und ob seine Übersetzungen Menschenschlächter
für Soldat oder Zwangsgläubige für Katholiken
schon damals zu Gerichtsprozessen führen, ist nicht überliefert.

Joachim Heinrich Campe
Quelle: www.jungeforschung.de
Aufkommender Nationalismus:
Turnvater Jahn und Co.
In der Tradition Campes gibt es in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche sprachkritische
und sprachpflegerische Schriften, unter anderem von „Turnvater“ Jahn, die
zunehmend nationalistisch geprägt sind. Erst in der napoleonischen Zeit
entsteht der Begriff „Fremdwort“ (mit negativer Wertung) und löst Bezeichnungen
wie undeutsch oder Welschwort ab. Jahn prägt Bezeichnungen
wie Nenne (für Titel) und gausässig (für
regional), aber auch heute etablierte Begriffe der Sportsprache wie
Turnen, Barren, Dauerlauf oder Hantel.

Umstrittener Vorturner
der Nation:
Friedrich Ludwig Jahn (1778 - 1852)
Quelle: www.weltchronik.de
EinfallsReich:
Eindeutschungswelle nach 1871
Die deutschnationale Euphorie der Reichsgründung 1871 bietet die Gelegenheit,
staatliche Hoheitsgebiete auch sprachlich neu zu regeln. So feiert die Ersetzung
von Fremdwörtern im Post- und Eisenbahnwesen Erfolge auf breiter Front.
Aus Kuvert wird Briefumschlag, aus Telephon Fernsprecher,
aus Velo Fahrrad, aus Korridor Gang, aus Billet
Fahrkarte, aus Automobil Kraftfahrzeug, aus Coupé
Abteil oder aus Perron Bahnsteig. Die Kopie wird
zur Abschrift, die Pension zum Ruhegehalt. Insgesamt
1.300 Fachbegriffe werden allein im Bau- und Verkehrswesen eingedeutscht,
behördlich angeordnet.
Verdeutschung als
Volkssport: Der "Allgemeine deutsche Sprachverein"
1885 wird der „Allgemeine deutsche Sprachverein“ gegründet, in dem sich
unterschiedlichste Fremdwortgegner sammeln. Er gibt eine Zeitschrift heraus,
die noch heute unter dem Namen „Muttersprache“ erscheint, wenn auch mit anderer
Zielsetzung. 1918 zählt der Sprachverein immerhin 39.000 Mitglieder.
Der Sprachkampf wird zum Kulturkampf, insbesondere gegen das Französische.
Mehrere Verdeutschungswörterbücher werden herausgegeben, aus denen
unter anderem Wörter wie Erdkunde, Reifeprüfung oder
Versuch (Experiment) für das Schulwesen hervorgehen, auch
grammatische Termini wie Fürwort, Mitlaut oder Beugung.
Manche Germanisten der Zeit wie Friedrich Kluge, Otto Behaghel und Theodor
Siebs befürworten den Verein, Literaten wie Theodor Fontane und Gustav
Freytag bekämpfen ihn leidenschaftlich.

Wenn die Sorre im Gilbhart
durch die Zeugemutter fährt ...
Quelle: www.lokomotive.de
Im Ersten Weltkrieg betreffen die
Eindeutschungsversuche neben Orts-, Straßen- und Flurnamen auch die
Speisekarte, aus Restaurants werden Gaststätten. Manche
Versuche sind freilich bizarr. So sucht man einen Ersatz für Lokomotive.
Im Wasser entspreche ihr das Schiff, das wiederum vom Fisch abgeleitet sei,
nur umgekehrt gelesen. An Land sei die Lokomotive mit dem Ross vergleichbar,
umgekehrt gelesen Sor, und da feminimum wird daraus schließlich
die Sorre. Logisch, oder? Aber wohl doch zu kompliziert für Otto
Normalsprecher. Auch nach dem Krieg folgen immer wieder neue, meist folgenlose
Eindeutschungsversuche, z.B. bei den Monatsnamen: Jänner, Hornung,
Lenzmond, Ostermond, Wonnemond, Sonnewend, Heuerth, Aust, Scheidung, Gilbhart,
Nebelung, Christmond.
Teil
2 des Beitrags, von Weimar bis heute
Mehr dazu?
Peter von Polenz (1994/1999): Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter
bis zur Gegenwart. Bd. 2 und 3. Berlin, New York:de Gruyter.
Jürgen Schiewe (1998): Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik
von der Antike bis zur Gegenwart. München: Beck.
Veröffentlicht
am 18.01.2005
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