WISSENSCHAFT/FORSCHUNG
Portrait

 

"Na, wie geht es uns denn heute?"

Eine Sprachwissenschaftlerin erforscht und verbessert die Kommunikation in der Altenpflege


Von Sebastian Jentsch

"Haben wir auch brav aufgegessen? Nun nehmen Sie doch noch ein Löffelchen!" – Klingt wie ein Gespräch einer Kindergarten-Erzieherin mit dem kleinen Benjamin, ist aber eine alltägliche Situation in deutschen Pflegeheimen. Auf den Punkt gebracht heißt das: Oma Frieda, 90 Jahre, Witwe, stark sehbehindert, wird von den Pflegekräften wie ein vierjähriges Kind behandelt.

Das ist kein Ausnahmefall, sondern Realität in vielen Pflegeheimen der gesamten westlichen Welt. Die Ursache liegt in einer mangelhaften Ausbildung der Pflegekräfte, welche in der Ausbildung nicht einmal solch essentielle Dinge lernen wie den Tatbestand, dass schwerhörige Personen nicht angeschrieen werden sollten. Die Lösung: den Betreffenden anschauen, um dann, wenn er realisiert hat, dass der Pfleger mit ihm sprechen will, deutlich, akzentuiert aber in normaler Lautstärke zu sprechen. Mit diesem Beispiel – nur eines unter vielen problematischen – ist schon genau das beschrieben, was sich Svenja Sachweh, Kommunikationstrainerin, zur Aufgabe gemacht hat. Aber bevor es darum geht, ihre gegenwärtige Arbeit zu beschreiben, blicken wir in ihre Vergangenheit.

Svenja Sachweh, die in den 80igern Germanistik und Anglistik an verschiedenen Universitäten Westdeutschlands und im Ausland studierte, hat eine typische Unikarriere hinter sich, studierte eher relaxt und lange Zeit ohne konkrete berufliche Pläne.    
Nach der Magisterarbeit arbeitete sie an einem sprachwissenschaftlichen Forschungsprojekt mit und hatte eigentlich die Intention, ihre Zukunft innerhalb von Forschung und Lehre an der Hochschule zu verbringen. Doch anders als erwartet, währte diese Stelle nur 3 Jahre, denn die Finanzierung wurde kurzfristig gestrichen. Damit war für Svenja Sachweh, die nun ohne Stelle und mit angefangener Doktorarbeit auf sich gestellt war, eine Welt zusammen gebrochen. Doch die Ratlosigkeit währte nicht lang, und sie begann zu jobben, um sich die Doktorarbeit zu finanzieren.

In dieser Arbeit mit dem treffenden Titel: "Schätzle, hinsitze!" geht es um die Kommunikation in der Altenpflege. Dies ist ein Thema, das sie schon in der Studienzeit interessiert hatte. Svenja Sachweh besuchte in der Folgezeit Pflegeeinrichtungen, um vor Ort die Kommunikation aufzuzeichnen und sie im Nachhinein zu transkribieren. Auf diese Art und Weise entstanden 40 Stunden aufgezeichnetes Material, welches von ihr allein innerhalb eines Jahres transkribiert wurde. Unter den genannten erschwerten Bedingungen währte es sechs Jahre bis zur Vollendung der Arbeit. Die Promotion war erreicht, aber nun stand sie ohne Arbeit und Aufgabe da. Vielleicht wäre sie wieder in den universitären Dienst eingetreten, wenn da nicht in diesen Tagen ein gewiefter Journalist ihre Arbeit entdeckt und in die breite Öffentlichkeit getragen hätte. Wir erinnern uns. 1999, das war das Jahr des Booms in der sogenannten New Economy. Svenja Sachweh stand blitzartig im Rampenlicht einer breiten Öffentlichkeit, denn es war genau das geschehen, mit dem sie nicht zu rechnen gewagt hätte: Alle Welt interessierte sich plötzlich für das Thema "Kommunikation mit alten Menschen".

Obgleich des finanziellen Erfolges, der sich alsbald einstellte, war diese Zeit eine sehr schwere aber auch lehrreiche. "Ich musste lernen mich und meine Arbeit zu verkaufen", sagt sie heute darüber. Sie gab Interviews, schrieb Artikel und hielt Vorträge an vielen sozialen Einrichtungen. In dieser erlebnisreichen Zeit hatte sie, wie schon bei Anfertigung der Doktorarbeit, zahlreiche Kontakte zu Praktikern des Pflegebereiches. Sie erkannte, dass ein echter Bedarf an praktischer Ausbildung hinsichtlich der Kommunikation mit alten Menschen bestand und entschloss sich, Kurse zu diesem Thema anzubieten. Zugleich machte Svenja Sachweh sich daran, ihre Doktorarbeit in ein allgemeinverständliches Lehrbuch umzuarbeiten.

Damit war auch die Idee der Selbständigkeit geboren, welche sie im Juni 2001 auch rechtlich in die Tat umsetzte. Seitdem ist sie als Kommunikationstrainerin von Pflegekräften unterwegs, doch trotz ihrer Bekanntheit ist der Weg der Selbständigkeit ein sehr steiniger. Svenja Sachweh benötigte zwar kein Startkapital, aber eine Durststrecke war dennoch unvermeidbar, denn, bevor ein Honorar fließt, muss erst einmal das eigene Produkt beworben und Leistung gebracht werden. Der Tatbestand der schlechten Zahlungsmoral tat dem ein übriges.

Neben den finanziellen Aspekten gibt es aber auch den des familiären. Ihr Partner, ein Naturwissenschaftler, muss mit einer Partnerin leben können, die ständig auf Achse ist und auch keine geregelten Arbeitszeiten kennt. "Man schläft jede Nacht in fremden Betten und muss für die Geschäftspartner mitdenken", sagt sie über diesen Zustand. Die Welt ist eben unzuverlässig. So ist es einmal vorgekommen, dass sie an einem Sonntag Abend an einem Trainingsort erschien, aber niemand in dieser Einrichtung hatte es für nötig gehalten ihr ein Zimmer zu beschaffen.
Aber der Schritt in die Selbständigkeit besitzt auch einige Vorteile. Zum einen schafft ein selbstdefinierter Arbeitsplatz ein ganz besonderes Verhältnis zur eigenen Arbeit. Es ist eine innige Identifikation, die sich positiv in der Leistung wiederspiegelt. Sie hat die Möglichkeit, den akademischen Elfenbeinturm zu verlassen, um Praktikern bei ihrer täglichen Arbeit zu helfen. Auch die akademische Sitte, den anderen Wissenschaftlern immer wieder aufs Neue das eigene Können beweisen zu müssen, hat hier keine Priorität mehr. Dennoch unterliegt auch Svenja Sachweh dem Zwang, nicht stehen bleiben zu dürfen. Der Markt fordert von ihr ein individuelles Schwerpunktprofil, das sie von anderen Kommunikationstrainern unterscheidet, das sie einzigartig macht. Deshalb muss das Profil von Zeit zu Zeit regeneriert oder ausgetauscht werden.

Im Rückblick sagt sie, dass ihr ein wenig mehr Orientierung in der Studienzeit sehr geholfen hätte. Deshalb gibt sie den heranwachsenden Sprachwissenschaftlern den Rat, sich über Praktika oder Jobs frühestmöglich zu orientieren. Das ist ein Rat, der gewiss nicht nur für Sprachwissenschaftler gilt. Schließlich will ja auch der kleine Benjamin nach seinem Studium unverzüglich in ein erfolgreiches und vor allem erfülltes Berufsleben starten.

Informationen zum Institut von Dr. Sachweh: http://www.talkcare.de/

Veröffentlicht am 18.12.2002
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Mehr dazu?     "Noch ein Löffelchen?" Die schwierige Kommunikation in der Altenpflege.


 

 

 

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