WISSENSCHAFT
Interview
LEO Hess Gebrauchsanleitungen Interview

 

Mehr als nur Waschzettel und lästiges Anhängsel?

Warum wir Technische Redakteure brauchen, um Gebrauchsanleitungen zu verbessern

  Der Ärger über unverständliche Gebrauchsanleitungen ist an der Tagesordnung. Dies muss freilich kein unabänderlicher Zustand bleiben. Mario Hess sprach für LEO mit Wolf-Andreas Liebert, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Koblenz, über schlechte Gebrauchsanleitungen, das von ihm gegründete "Verbrauchertelefon" und das Berufsbild des "Technischen Redakteurs".


LEO: Herr Liebert, Sie haben sich wissenschaftlich mit Gebrauchsanweisungen beschäftigt. Wie wichtig ist eine gute Kenntnis von Sprach- und Kommunikationstheorie zur Erstellung guter Anleitungen? Ist fachliche Kompetenz über die Geräte nicht ausschlaggebender?
Liebert: Die meisten Personen, die Gebrauchsanweisungen schreiben, haben eine fachliche Kompetenz. Das Problem entsteht fast mehr durch die fachliche Kompetenz selber. Wenn man in einem Thema drin ist, das ist bekannt aus der Fachsprachenforschung, dann hat man ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllt, die ein Laie aber gar nicht mehr nachvollziehen kann. Wenn ich zum Beispiel ein bestimmtes Relais habe, dann ist mir das als Fachmann natürlich bekannt, als Laie nicht. Dieses Gefühl dafür, was ich erklären muss und was nicht, das verliere ich oft, je mehr ich zum Fachmann werde. Wenn ich aber sprachlich oder sprachwissenschaftlich rangehe, dann sehe ich dort ein Transferproblem, aus der Sicht des Laien. Da ist die Sprache etwas ganz Zentrales. Dort brauche ich sprachwissenschaftliches oder kommunikationswissenschaftliches Know-how. Textlinguistik, Fachsprachenforschung... Fachliche Kompetenz ist natürlich die Voraussetzung für fachliche Adäquatheit, aber für die Kundenorientierung ist es eher ein Hindernis.

LEO: Viele dieser Gebrauchsanweisungen werden immer noch von Konstrukteuren und Entwicklern geschrieben.
Liebert: Das ist meist eine Kostenfrage. Die Gebrauchsanweisung ist oft nur ein lästiges Anhängsel. Das kennt man auch von der Software-Entwicklung. Die Software-Dokumentation, die Gebrauchsanweisung für die Software, wird oft nebenher noch schnell gemacht. Und wenn das nur aus der rein fachlichen Perspektive erfolgt, dann kommen genau diese Probleme, die wir eben ständig mit den Gebrauchsanweisungen haben. Erst wenn wir eine andere Perspektive einbringen, nämlich sprachlichwissenschaftliche Kompetenz, werden sich Gebrauchsanweisungen auf Dauer auch verändern und verbessern.

LEO: Wo liegen die hauptsächlichen Fehler in Gebrauchsanweisungen?
Liebert: Es gibt verschiedene Faktoren. Dazu zählen schlechte Übersetzungen, hauptsächlich aus dem asiatischen Raum. Dort werden Lautstrukturen aufgebaut, die im Deutschen gar nicht existieren bzw. existieren können. Dann gibt es Anleitungen, die semantisch verwirrend sind, zum Beispiel aus dem osteuropäischen oder dem niederländischen Raum. Dort ist eine gewisse muttersprachliche Kompetenz zu finden, aber nicht zu 100 Prozent, so dass häufig geglaubt wird, man könnte auf eine nochmalige oder muttersprachliche Überprüfung verzichten. Das wird aus Kostengründen manchmal vermieden.

LEO: Diese Fehler erkennt man aber meist noch.
Liebert: Ja, das sind eher noch die harmlosen Fälle, da dem Verbraucher auffällt, dass hier ein Fehler in der Gebrauchsanweisung vorliegt. Es gibt aber auch solche, die wie Deutsch klingen und an sich gut geschrieben sind. Da fängt man an zu lesen und denkt, man müsste sie eigentlich verstehen – doch man versteht es einfach nicht. Dann zweifeln die meisten Verbraucher nach wie vor noch an sich selbst, dabei ist eigentlich die Gebrauchsanweisung schlecht geschrieben. Der Fehler liegt nicht beim Kunden.

LEO: Fehler liegen aber nicht immer im Text. Scheinbar gibt es auch immer wieder Probleme mit grafischen Elementen oder mit der Symbolik in Anleitungen.
Liebert: Das ist richtig. Das ist mir in der Transferbeziehung von ausländischen Produkten nach Deutschland noch nicht aufgefallen. Umgekehrt ist es häufiger der Fall. Wir hatten mal eine Gebrauchsanweisung, bei der auf einer Abbildung eine Blutabnahme immer an einem ausgestreckten Mittelfinger gezeigt wurde. Das muss natürlich geändert werden. Solche Fälle, dass unbewusst bestimmte Symbole enthalten sind, welche kulturelle Bedeutung haben und diese von Technikern nicht in ihrem Symbolwert erkannt werden, kommt ab und an vor. Wenn man über diese Symbolwerte Bescheid weiß, kann man so etwas schnell erkennen und verändern.

LEO: Gute Gebrauchsanweisungen haben aber auch einen Nutzen für die Firmen. Durch gute Anleitungen wird das Image gestärkt.
Liebert: Es ist natürlich so, dass eine schlechte Gebrauchsanweisung immer zu Ärger führt, und das verbindet man mit dem Hersteller des Geräts. In dem Moment, wo die Firmen härter miteinander konkurrieren, wird die Gebrauchsanleitung auch zu einem Marketing-Instrument. Ich kann eine Firma auch über die Qualität der Gebrauchsanleitung definieren. Wenn ich ein sehr hochwertiges Produkt habe, welches sich in einem Preisniveau von mehreren tausend Euro ansiedelt, und ich biete nur einen besseren "Waschzettel", dann ist das eine gewisse Fallhöhe, bei der auch die Glaubwürdigkeit der Firma auf dem Spiel steht.

LEO: Es gibt auch so etwas wie "zielgruppengerechtes Schreiben". Muss man für Senioren anders schreiben als für Jugendliche?
Liebert: Das kann man so nicht sagen. Es kommt auf das Produkt an. Wenn ich beispielsweise spezifische Seniorenprodukte habe, dann ist es sicherlich sinnvoll, mich auf diese Zielgruppe einzustellen. Es ist aber auch so, dass viele Produkte, welche im normalen technischen Konsumbereich liegen, z.B. Videorecorder, für eine große Anzahl von Zielgruppen gedacht sind. Häufig kann man aber feststellen, dass gerade bei solchen Geräten wie Videorecordern oder DVD-Playern Anleitungen beiliegen, welche für Zielgruppen geschrieben worden sind, die schon ein recht hohes Wissen über Technik haben. Dadurch fallen, unter anderem, Senioren aus der Zielgruppe heraus und können das nur schwer verstehen. Diese Texte sind nicht allgemeinverständlich, sondern sie haben einen versteckten Adressaten, nämlich Menschen, die sich sowieso schon mit Technik beschäftigen.

LEO: Sollte man also ohne direkte Zielgruppe schreiben?
Liebert: Kann man sagen. Anleitungen für Produkte wie z.B. Videorecorder oder DVD-Player müssten einfach allgemeinverständlich sein. Aber spezifisch für Senioren ausgelegte Produkte können natürlich in einer speziellen, adressatenorientierten Sprache verfasst werden.

LEO: Braucht man also das Berufsbild des "technischen Redakteurs"?
Liebert: Das ist absolut notwendig. Es ist auch in anderen Ländern wie den USA oder Frankreich ein sich entwickelndes Berufsbild. Wir haben das momentan sehr oft an Fachhochschulen, an denen technische Redakteure auch ausgebildet werden. Auch einige Universitäten sind jetzt eingestiegen. Dazu zählt z.B. neben Aachen auch Chemnitz mit dem eher allgemeineren Bereich "Technische Kommunikation". Das ist der richtige Weg, denke ich, um Know-how in der Gesellschaft auszubilden, das mit dem Problem umgehen kann.

LEO: Sind dazu multidisziplinäre Studiengänge geeignet?
Liebert: Ja. Da gibt es für die Universitätslandschaft eben Vorbilder wie Aachen und Chemnitz. Nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch auf europäischer Ebene. Die Universitäten sind noch recht zögerlich, aber ich denke, da werden einige jetzt nachfolgen. Und langfristig wird das auch zu einer Verbesserung, nicht nur bei Gebrauchsanleitungen, sondern ganz generell bei technischer Kommunikation führen. Wir werden dann ausgebildete Menschen haben, die diese speziellen Experten-Laien-Probleme besser angehen können und die Barrieren, die jetzt da sind, abbauen können.

LEO: Das Berufsbild des "Technischen Redakteurs" bietet auch Möglichkeiten für Quereinsteiger. Was benötigt man aus ihrer Sicht an Grundlagen?
Liebert: Ein Techniker macht sich bei seinen Fachkollegen lächerlich, wenn er anfängt, Begriffe zu klären, die in dem Kontext selbstverständlich sind. Es kommt ihm komisch vor, dass er diese Begriffe wieder erklären muss. Deshalb ist das ein Feld, dass man nur über eine Kommunikationstheorie erfassen und verstehen können, da so ein Problem in der technischen Theorie überhaupt nicht enthalten ist. Das ist eine ganz zentrale Kompetenz, die man besitzen muss. Davon lassen sich ganz viele andere Fertigkeiten ableiten: Die Frage nach dem Textaufbau: Wie Texte strukturiert sind. Was ich an Textveränderungen vornehmen muss, wenn ich eine Experten-Laien-Konstellation vor mir habe. Welche Verfahren es gibt, um sich als Experte wieder in den Laien hineinzuversetzen. Welche Formen des Benutzertests es gibt. Das ganze Feld der Usability wird damit angesprochen. Man kann von diesen Grundproblemen ausgehend natürlich viele Fertigkeiten definieren, die sinnvollerweise zu einer Ausbildung gehören sollten.

LEO: Sie haben damals das "Verbrauchertelefon" an der Universität Trier eingeführt, bei dem Studierende Gebrauchsanleitungen optimiert haben. Das gibt es jetzt nicht mehr. Woran liegt das?
Liebert: Das liegt daran, dass ich die Universität gewechselt habe. Es war ursprünglich geplant es mitzunehmen, aber dies ist ein relativ großer Aufwand, da sehr viele Leute anrufen und man sich um eine Finanzierung kümmern muss. Das ist an der Uni Trier leider nicht gelungen und hier in Koblenz ist auch noch nicht.

LEO: Aber die Resonanz damals war recht groß.
Liebert: Die Resonanz war sehr gut. Wir haben drei Jahre lang die eingehenden Sachen bearbeitet. Wir hatten teilweise Drittmittelprojekte mit betroffenen Firmen durchgeführt, um Gebrauchsanweisungen dort zu verbessern. Ich denke, das war ein gutes und erfolgreiches Projekt, durch organisatorische Gründe jetzt erst mal unterbrochen.

LEO: Haben sie die schlechten Gebrauchsanweisungen direkt überarbeitet? Und wie war das Feedback der Firmen so im Allgemeinen?
Liebert: Wir wollten auf keinen Fall einfach eine Dienstleistung für Firmen machen und deren Fehler geraderücken. Die Verbraucher haben uns angerufen und wir haben versucht, deren Anfragen an die betroffenen Unternehmen weiterzuleiten. Auf die Beschwerden haben die Firmen sehr unterschiedlich reagiert. Es gab einige, die recht eingeschnappt waren. Andere Firmen haben die Beschwerden aber aufgegriffen und einige hatten dann Praktikanten von uns gegen Bezahlung angefordert, die dort mitgearbeitet und auch Gebrauchsanweisungen verbessert haben. Wir haben aber auch Drittmittelprojekte durchgeführt, bei denen wir dann direkt ins Werk gefahren sind und dort Benutzertests und Vorschläge für Veränderungen gemacht haben. Es gab auch Firmen, die von sich aus gesagt haben "Das ist eine gute Idee und wir werden dort was ändern" und diese haben dann bestimmte Änderungen in ihren Gebrauchsanweisungen vorgenommen. Es gab eine ganze Bandbreite an Reaktionen.

LEO: Haben sie selbst in letzter Zeit etwas nach Gebrauchsanweisung zusammengesetzt oder bedient?
Liebert: Ja, einen Mini-Disc-Player. Das war interessant. Und das war auch ein großes Problem. Wenn man die Gebrauchsanweisung nicht gut liest und befolgt, nimmt das Gerät einfach nicht auf. Die Mitarbeiterin, die damit ein Interview durchgeführt hat, hat dann auch prompt keine Daten aufgenommen.

LEO: Herzlichen Dank für das Interview.

Information zum Autor: Mario Hess studiert Medienkommunikation an der TU Chemnitz.

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Veröffentlicht am 09.02.2004
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