Glücklich die Stadt, die schon einen Namen hat
Im Wettbewerb der Standorte bemühen sich Kommunen um Positionierung
Von Volker
Tzschucke
Wer wüsste nicht, dass „Elbflorenz“ die lyrische Bezeichnung für
die sächsische Landeshauptstadt Dresden ist. Auf wen diese Bezeichnung
zurückgeht, wissen dagegen die wenigsten: Johann Gottfried Herder sprach
schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts ob der dort beheimateten Kunstsammlungen,
herausragender Architektur und der malerischen Lage im Elbtal von Dresden
als dem „deutschen Florenz“. Ein Dichter also war es, der Dresden zu seinem
Beinamen verhalf – und zu dem, was im Marketing-Deutsch „Positionierung“ heißt.
Vergleichende Beinamen wie „Elbflorenz“
gibt es beinahe zahllos: St. Petersburg ist das „Venedig des Ostens“. Und
Leipzig das „Klein-Paris“. Nicht immer halten diese Vergleiche den Jahrhunderten
stand: Das „sächsische Manchester“, sprich: Chemnitz, verlor seinen Beinamen
mit dem Niedergang der Textilindustrie und nur gelegentlich wird der Beiname
aus den Archiven geholt und der Staub weggepustet.

"Mein Dresden lob ich mir, es ist ein Elb-Florenz"
(Quelle: www.flickr.com)
Zwei Seiten der
Medaille
Zur wirklichen Positionierung eignen sich Vergleiche ohnehin nicht wirklich.
Zwar lässt sich mit der Referenz auf etwas anerkannt Schönes ein
wenig vom Ruhm des Originals abknapsen. Das funktioniert sogar, wenn der Vergleich
– wie Goethes „Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein Klein-Paris“ – wohl gar
nicht positiv gemeint war. Aber: „Die Bezeichnung Elb-Florenz beunruhigte
mich, weil sie unterstellte, es gäbe da etwas noch schöneres als
Dresden, etwas, wovon die Dresdner Herrlichkeit nur abgeleitet wäre.“
Zu solchen „Nachtgedanken“ neigte ebenfalls ein Schriftsteller: Der gebürtige
Dresdner Ingo Schulze.
Und weil Vergleiche also immer
ein zweischneidiges Schwert sind, bemühen sich seit einigen Jahren kommunale
Wirtschafts- und Tourismusförderer, ihrer Stadt ein unverwechselbares
Gesicht im Auftreten nach Innen und Außen, eben eine wirkliche Positionierung
im Wettbewerb der Standorte – denn dafür ist so eine Positionierung ja
da.
Erfolge einer kommunalen Markenbildung
lassen sich an vielen Faktoren messen: „Anzahl der Zu- und Wegzüge, Ansiedlungen
von Unternehmen, Kaufkraftbindung, Kaufkraftzugewinn oder die bessere Auslastung
von Hotelkapazitäten sind einzelne Effekte, die sich zwar selten einer
bestimmten Aktivität zuschreiben lassen“, weiß Hans-Dieter Ruge,
Professor für Regionalmarketing an der Fachhochschule Westküste
in Heide / Holstein. Aber: „Der Erfolg einer guten Leitbild- und Positionierungskampagne
steht außer Zweifel!“
Licht, Sonne, Puppen
Und so wird Jena zur „Lichtstadt“, Fürth ganz ähnlich zur „Solarstadt“,
Donauwörth zur „Stadt der Käthe-Kruse-Puppen“, Aachen zur „Kaiserstadt“
deklariert. Hinzu kommen temporäre Titel wie „Bundeshauptstadt Naturschutz“
(2007 für Heidelberg) oder „Stadt der Wissenschaft“ (2007 für Braunschweig).
Schon mit dieser kurzen Aufzählung
wird freilich deutlich: Ansätze zur Positionierung einer Stadt finden
sich zahlreich. Touristische, historische, kulturelle, wissenschaftliche,
architektonische oder wirtschaftliche Faktoren eignen sich zum Labeln einer
Kommune. Für die Stadtväter und ihre Werbeverantwortlichen stellt
sich damit die nicht ganz einfache Aufgabe, genau das richtige Label zu finden.
Die Ursache dafür kennt Hans-Dieter
Ruge: „Das Bündel aus Dienstleistungen und Produkten, das eine Stadt
anbietet, ist wesentlich komplexer und wendet sich an wesentlich heterogenere
Zielgruppen als klassische Markenprodukte“. Gerade deshalb passiere es oft,
dass Positionierungen entweder sehr individuell oder erst nach langwieriger
interner Diskussion zustande kommen und dann auf einem Konglomerat aus vielen
eigenen Stärken beruhen, die man sich selbst zuschreiben möchte.
Stirnemann statt
Gutenberg
In einem solchen Selbstvergewisserungsprozess steckt gegenwärtig auch
die Landeshauptstadt Thüringens. Erfurt, da denkt der Ortsfremde an Gutenberg-Gymnasium
und Dom, an Krämer-Brücke und Gunda Niemann-Stirnemann. In Erfurt
selbst denkt man an Solarenergie, Wissenschaft und Sport. Wie sich daraus
eine kommunale Positionierung entwickeln lässt, darf abgewartet werden,
zumal einige Felder – siehe oben – schon von anderen Städten besetzt
sind.
Den Diskussionsprozess bereits
hinter sich gebracht hat die drittgrößte sächsische Stadt
Chemnitz. Hier setzt man seit dem Sommer 2007 dem barocken Dresden und dem
hippen Leipzig ein „Stadt der Moderne“ entgegen, Autobahnschilder und eine
entsprechende Internetseite zeugen davon.
Zwei Gesprächspartner, ähnliche Meinungen:
Michael Quast und Hans-Dieter Ruge
(Quellen: CMT GmbH,
FH Westküste)
Unterlegt wird der Anspruch durch
Verweise auf Gründerzeitviertel und Industriebauten, das Wirken moderner
Architekten Anfang des 20. Jahrhunderts und noch modernerer Architekten vor
der Jahrtausendwende, auf die städtischen Kunstsammlungen mit einem beachtlichen
– und jüngst stark angewachsenen – Bestand an moderner Malerei und Grafik,
aber auch mit dem stetigen Ruf Chemnitz’ als industrielles Herz Sachsens,
als Zentrum des Maschinenbaus, als Wiege der Autofirma Audi oder Heimat des
Unterwäscheproduzenten Bruno Banani.
Statt der Moderne?
Michael Quast, Geschäftsführer der Chemnitzer Marketing- und Tourismus
GmbH ist sich jedenfalls sicher, dass er mit „Stadt der Moderne“ einen Treffer
gelandet hat: Für architektonischen und künstlerischen Anspruch,
für wirtschaftliche und wissenschaftliche Innovation stehe der Zweitname
genauso wie für Lebensqualität: „Ich verstehe das als eine Dachmarke,
unter der sich die Chemnitzer Institutionen, Wirtschaftsunternehmen und auch
die Bürger versammeln können.“ Bisher seien die Rückmeldungen
aus der Stadt weitestgehend positiv – „Stadt der Moderne“ könnte zum
Leitbild werden.
Und so gibt es eine Chance, dass
sich tatsächlich ein klangvoller Zweitname, eine dauerhafte Marke entwickelt.
Dass dies nicht von allein passiert, weiß man in der neu ernannten „Stadt
der Moderne", ironischerweise von der Bevölkerungsstruktur her eine
der ältesten Städte Deutschlands, freilich auch. Bereits mehrere
Positionierungsversuche – „Stadt mit Köpfchen“, „Innovationswerkstadt“,
„Das neue Chemnitz“ – sind eher kläglich gescheitert. „Es gab keine großen
Bemühungen, diese Positionierungen in die Stadt zu tragen“, so Quast.

Echt modern: Weihnachten
in Chemnitz – am Strand
(Quelle: www.stadt-der-moderne.de)
Genau das braucht es aber, hat
der Marketingforscher Ruge herausgefunden. Denn ohne interne Unterstützung
auch keine externe Markenbildung. Man muss eine Position mit Kampagnen und
Events untersetzen, die die Stärken gezielt kommunizieren. Der Erfolg
hänge „vom Zusammenspiel aller Kräfte, aller Player einer Stadt“
ab. Wenn das funktioniere, dann werde „die Positionierung auch von neutralen
Instanzen, zum Beispiel Medien, aufgenommen und neutral zurückgespielt
und bestätigt“. Dann beginnt die Positionierung zu wirken.
Eine traditionelle Attribuierung
wie Hamburgs „Tor zur Welt“ freilich könne auch die von den besten Marketing-Experten
ausgedachte Positionierung nicht ersetzen. „Das ist ein Glücksfall, den
man aufgreifen und kultivieren sollte“, sagt Ruge. Glücklich die Stadt,
die sich schon einen Namen gemacht hat...
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Poliert, nicht geschliffen: Die
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Mehr dazu im
Internet:
Internetseite
der Chemnitzer Marketing- und Tourismusgesellschaft
Internetseite
von Prof. Dr. Hans-Dieter Ruge, FH Westküste
Veröffentlicht
am 18.12.2007
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