WIRTSCHAFT
Feature
LEO Schuld Krisenkommunikation


Krisenprofis gefragt

Wie sich Unternehmen aus der Krise kommunizieren (wollen)

Von Katja Schuld


Nehmen wir den Physiker und Philosoph Carl Friedrich Weizsäcker beim Wort, so sollten wir "von den Chinesen lernen – die haben das gleiche Schriftzeichen für Krise und Chance." Liegt in jeder Krise eine Chance?

Der Begriff Krise leitet sich aus dem griechischen Wort "krisis" ab. Ursprünglich ist die Krise ein Bruch in einer bis dahin kontinuierlichen Entwicklung. Im deutschen Sprachraum gibt es den Begriff schon seit dem 16. Jahrhundert. Heute bezeichnet er eine gefährliche, die Existenz oder zumindest den Ruf einer Organisation bedrohende Situation.

Nicht erst seit dem vergangenen Jahr rücken Unternehmen bei Krisen in das Licht der Öffentlichkeit. Mit Karstadt-Quelle und Opel erwischte es aber gleich zwei Traditionsunternehmen. Heute sind es meist wirtschaftliche Krisen oder Produktkrisen. In den 70er- und 80er-Jahren standen eher Umweltkatastrophen im Mittelpunkt. Manche Probleme wie Absatzeinbrüche sind hausgemacht und damit absehbar, andere wie etwa die Folgen von BSE oder Skandale brechen plötzlich über die Unternehmen herein.

Die Forderung nach einem professionellen Umgang mit Krisen muss für viele Unternehmen ganz vorne stehen. Es gilt, hart umkämpfte Marktstellungen zu halten, Imageschäden abzuwenden und schnell das Vertrauen des Kunden und der Öffentlichkeit wiederzugewinnen. Bei Karstadt-Quelle ist das Konzept nicht gleich aufgegangen. Ein gutes Dezembergeschäft macht den verlorenen Umsatz erst einmal nicht wett. Denn das während der Krise verlorene Vertrauen in den Konzern verdeutlichten die Kunden in den Vormonaten durch stetiges Fernbleiben.


Gefahr + Chance = Krise?
Grafik: Angela Lehmann

Fünf Phasen des Krisenverlaufs
Der Krisenexperte Klaas Apitz von der Apitz Image+Strategie GmbH teilt den Krisenverlauf in fünf Phasen ein: Zuerst ist die Öffentlichkeit sensibilisiert. In der zweiten Phase bricht die Krise aus und eine Reaktion bei den Betroffenen folgt. Greifen die Medien den Konflikt auf, so ordnen sie die Beteiligten in "Schuldige" und "Betroffene".
Der Verursacher selbst kann erst in der vierten Phase reagieren und über sein weiteres Vorgehen entscheiden. In der letzten Phase erfolgt die Reaktion, die aktiv oder passiv ausfallen kann.

Muster der Krisen
"Der Verlauf einer akuten Krise ist unvorhersehbar und dynamisch. Man kann sich hier an typischen Mustern der Krise orientieren", sagt der PR-Experte Prof. Dr. Dieter Herbst. Die Reaktion des Managements fällt unterschiedlich aus. Beim "Schock" sind die Entscheidungsträger unvorbereitet - ein mangelndes Urteilsvermögen ist die Folge. Beim "Rückzug" hingegen will das Management die erste Gelegenheit ergreifen, die eine sofortige Erleichterung verspricht: Langfristige Lösungen sind dabei Mangelware.

Des Weiteren kann das Unternehmen versuchen, den Vorfall zu leugnen oder Handlungen abzustreiten. Eine Möglichkeit ist außerdem das "Eingeständnis": Das Unternehmen gibt Fehler zu. Das hilft, die oftmals verwirrenden Diskussionen auf eine sachliche Ebene herunter zu brechen. "Anpassung" und "Veränderung" sind Wege, um den Forderungen der Öffentlichkeit nachzukommen oder um Konsequenzen aus der Krise zu ziehen und somit Informationslücken abzubauen.

Krisenkommunikation als Diskurs
Entscheidungsdruck, Zeitknappheit und Unsicherheit sind nur einzelne Faktoren, die Managementfehler auslösen und eine Krise heraufbeschwören können. Krisen sind soziale Ereignisse, die durch fehlende oder misslingende Kommunikation konstituiert werden. Dr. Wolf R. Dombrowsky, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Universität Kiel, spricht bei der Krisenkommunikation von "Diskursverfahren […], die sich nicht auf zukünftige, sondern auf gegenwärtige, akut ausgelöste oder chronisch schwelende krisenhafte Ereignisse beziehen." Er unterscheidet zwei Krisentypen, die zu unterschiedlicher Kommunikation führen: "Bewältigungskrisen" und "Akzeptanzkrisen". Die Kommunikation im ersten Fall hat zum Inhalt, dass durch eine umfassende Informationspolitik Folgeschäden verhindert und Schadensbewältigung vorgenommen werden sollen. Bei den "Akzeptanzkrisen" soll die nicht bestehende oder in Frage stehende Loyalität der Beteiligten wieder hergestellt werden. Das heißt, die Krise wird als eine Akzeptanz- und Legitimationsaufgabe verstanden.

Funktionierende Kommunikation unerlässlich
Doch was macht eine Krise so gefährlich? Die Existenz des Unternehmens oder eines ganzen Konzerns kann bedroht sein. Die Mitarbeiter wissen nicht, was mit ihren Arbeitsplätzen passiert. Zum Beispiel bei Chemieunfällen werden sie vielleicht auch gesundheitlich gefährdet. Die Kunden verlieren das Vertrauen in das Produkt. Geschäftspartner lassen laufende Vertragsverhandlungen platzen und die Öffentlichkeit beäugt die Krise kritisch. Aus diesen Gründen ist eine funktionierende Krisenkommunikation ein wichtiger Faktor in einem Unternehmen. Unerlässlich ist in einem solchen Fall, dass die Informationen fließen und die Betroffenen jederzeit auf den neuesten Stand gebracht werden können.

Oft bricht bei Unternehmenskrisen gerade im Mitarbeiterstab Panik aus. Die Ängste, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, sind verständlicherweise groß. Die Mitarbeiter müssen in einer solchen Situation das Gefühl vermittelt bekommen, mehr zu wissen als die Medien. Peter Kruse, Professor für Organisationspsychologie an der Universität Bremen, bringt es auf den Punkt: "Mitarbeiter, die sich mit den Zielen und mit dem Anspruch ihres Arbeitgebers identifizieren, stehen auch in Krisenzeiten zum Konzern."

Der Krise Herr werden
Dies kann gelingen, wenn eine interne Kommunikation und ein gutes Krisenmanagement Hand in Hand arbeiten. Dafür muss die Chemie stimmen. Die Zusammenarbeit darf nicht erst aufgenommen werden, wenn es schon zu spät ist. "Ziel ist, eine Krise zu verhindern und zumindest so gut wie möglich vorbereitet zu sein, um die Krise zu steuern. Krisenmanagement ist somit ein fortdauernder Prozess", fordert Herbst. Und weiter: "Die Organisation soll zu jedem Zeitpunkt vermitteln, was sie weiß, aber auch, was sie nicht weiß und wann sie dies wissen wird. Nur so kann sie die Glaubwürdigkeit bewahren, die daher kommt, dass man glaubt, dass das Unternehmen sagt, was es weiß."

So kann man schon im Vorfeld der Krisen Herr werden, bevor sie überhaupt ausbrechen. Mit vorausschauend eingerichteten und trainierten Krisenstäben oder Medientrainings kann man der Krise im Ernstfall beruhigter gegenüberstehen, die Erstellung und Bewältigung möglicher Krisenszenarien bereitet die Mitarbeiter gezielter auf Stresssituationen vor oder trägt im Idealfall sogar zur Vermeidung der Krise bei. Im internen Bereich des Unternehmens können Instrumente wie die Mitarbeiterzeitung als regelmäßig erscheinende Informationsquelle genutzt werden. Zudem bietet das Intranet hervorragende Möglichkeiten der schnellen und aktuellen Informationsvermittlung.

Daneben ist die externe Kommunikation wichtig. Die Arbeit mit den Medien ist ein unverzichtbarer Faktor, wenn auch in Krisenzeiten nichts anbrennen soll. Dabei können Pressemitteilungen und -konferenzen und Beantwortung von telefonischen Fragen oftmals eine brodelnde Gerüchteküche vermeiden.


Nach der Krise ist vor der Krise
Grafik: Manuela Herber

Management auf Bestellung
Die neue Zauberformel im Bereich der Public Relations (PR) heißt Interims-Management. In Deutschland wächst der Markt dafür nur langsam. In anderen Ländern ist diese Form des Managements schon seit geraumer Zeit etabliert. Die Nachfrage nach dem Management auf Zeit hat sich in den niederländischen, englischen und skandinavischen Märkten bereits durchgesetzt.

Die Manager können für alle möglichen PR-Aufgaben bestellt werden. Die Profis übernehmen beispielsweise Überbrückungsaufgaben bei Personalknappheit in der PR-Abteilung, gestalten die PR bei der Implementierung von Produktinnovationen oder helfen bei der Informationsvermittlung bei innerbetrieblichen Umstrukturierungen.
Auch in Krisenzeiten stehen die Interims-Manager for Public Relations den Unternehmen als zusätzliche PR-Kräfte zur Seite. Sie heißen Red Adairs (nach dem berühmten amerikanischen Feuerwehrmann) und decken den erhöhten Kommunikationsbedarf in Krisenzeiten ab. Auch bei Insolvenzverfahren werden oft Interims-Pressesprecher eingestellt, da diese unbelastet sind. Sie begleiten dann Phasen der Abwicklung oder des Neustarts.

Medienschelte vermeiden
Die Medien sind das Sprachrohr und auch bei Krisen sehr schnell - hin und wieder auch zu voreilig - zur Stelle. Sie informieren die Öffentlichkeit, wissen manchmal auch mehr als die Betroffenen selbst, sofern der Informationsfluss im Unternehmen selbst nicht funktioniert. Dr. Volker Klenk, Publizist, hat die Berichterstattung in drei Phasen eingeteilt: Zu Beginn steigt in der ersten Phase die Beobachtung der Medien plötzlich und steil bis zum Höhepunkt an. Nachrichten und Kommentare, Vermutungen und reißerische Aufmacher gehören dabei zur vordergründigen Berichterstattung. Drei bis sieben Tage kann ein solcher Zeitabschnitt andauern. Weitaus länger, nämlich cirka zwei Wochen, dauert die zweite Phase. Die Aufmerksamkeit bleibt auf einem hohen Niveau. Neue Enthüllungen, Folgekommentare und Hintergrundberichte halten die Öffentlichkeit auf dem neuesten Stand. Danach ebbt die Aufmerksamkeit nur langsam ab. Weitere Hintergrundberichte und Informationen zu den Folgen der Krise bestimmen das Bild, bevor die Berichterstattung ganz verschwindet.

Die Bedeutung der Krisen-PR wird angesichts der Komplexität moderner Märkte zunehmen, jedes Unternehmen ist latent von Krisen bedroht. Die Entwicklung der Unternehmen, der internationalen Märkte, der Gesellschaft allgemein und nicht zuletzt der Massenmedien erhöhen den Druck. Grund genug, frühzeitig eine funktionierende Kommunikation zu etablieren. Es muss sich in den Köpfen der Unternehmensführungen aber oft erst festsetzen, dass auch Kommunikation ein strategischer Faktor ist. Wohl dem, der im Ernstfall ausgebildete Sprach- und Kommunikationsprofis schon im eigenen Hause hat. Dann kann eine Krise auch zur Chance werden.

Mehr Informationen?
http://www.ddim.de
http://www.dieter-herbst.de
http://www.klenkhoursch.de
http://www.krisennavigator.de

Löffelholz, Martin (1993): Krisenkommunikation. Probleme, Konzepte, Perspektiven. In: Martin Löffelholz (Hrsg.). Krieg als Medienereignis. Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Opladen: Westdeutscher. S. 11 – 32.

Veröffentlicht am 18.01.2005
© Copyright by LEO. Alle Rechte vorbehalten.