WIRTSCHAFT
REPORTAGE
LEO Krause Wolf Schneider Sprachseminar

 

„Plagen Sie sich!“

Wolf Schneider lehrt Verständlichkeit

Von Cornelia Krause

Die ersten Zeilen eines Textes müssen den Leser fesseln; das ist auch bei diesem Text so: „Strengen Sie sich an! Sie müssen den Text wie eine Rosine appetitlich servieren“– eines der vielen Rezepte von Wolf Schneider in seinem Sprachseminar.


Wolf Schneider — harter Sprachkritiker und Lehrer von zahlreichen Journalisten. Mit 82 Jahren schreibt er immer noch, vor allem eigene Bücher und er gibt Seminare für Berufsschreiber.

Es war schon ungewöhnlich, dass ein Seminar den Namen des Seminarleiters vor sich herträgt, wie das Wolf Schneider Sprachseminar. Doch mit der Vorstellung des Mannes war klar, warum: Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Verlagsleiter des Stern, Chefredakteur der Welt, Moderator im NDR, Gründer und Leiter der Hamburger Journalisten-Schule – kurz gesagt: Er könne was, fasst Schneider selbst zusammen. Er beherzige die Verständnisforschung – anders als Deutschlehrer und die meisten Berufsschreiber. Bei ihm geht es um das „Gehört-Werden-Können“ und „Gelesen-Werden-Wollen“.

Schneider gibt mehrere Seminare im Jahr. Bis zu fünf davon organisiert die Bringmann Managemententwicklung – zum Beispiel in Berlin, Hamburg oder München. Das Seminar findet an zwei Tagen in einem luxuriösen Hotel statt und spricht Kommunikationsfachleute verschiedener Branchen an — wie Energie, Finanzen oder Telekommunikation.


Broschüre zum Wolf Schneider Sprachseminar.

Leserverscheuchendes Deutsch

Der Levitenleser der Nation – titelte der stern zu Wolf Schneiders 80. Geburtstag. Wo würde solch ein Mann besser hinpassen als in ein Seminar mit Berufsschreibern, die noch viel zu lernen haben. Auch mit 82 Jahren macht ihm das Kritisieren sichtlich Freude. Die Seminarteilnehmer konnten im Vorfeld eigene Texte einsenden; mühevoll hat Schneider Silben und Wörter gezählt, Fehler gesucht, markiert, herausgeschnitten und ein Bündel mit Leserunfreundlichkeiten und Schreibmacken zusammengestellt. Die Themen sind Satzbau, Fachjargon und Adjektive; alle gehen gemeinsam die eingesandten Texte durch. Die 19 Teilnehmer blättern schon einmal durch den Stapel, ob auch ihr Beispiel dabei ist — und von jedem ist etwas zu finden. Schneider kennt beim Kritisieren kein Pardon, kuschelt nicht, sondern bringt launisch, fast unterhaltsam die Dinge auf den Punkt: „Das ist aufgeblähtes, aufgedunsenes, leserverscheuchendes Deutsch!“ oder „Das ist Leserverhonepiepelung“, „Sie haben Angst vor kraftvollem Deutsch! So können wir mit einem Leser nicht umgehen“ – hält er seinen Zuhörern vor. Ebenso bildhaft sind seine Ratschläge: „Springen Sie dem Leser mit dem Beispiel ins Gesicht!“, „Schmeißen Sie die Wörter weg! Wenn es sich nicht gut anhört, schmeißen Sie es weg“. Er lebt das Motto „Qualität kommt von Qual“ und „Einer muss sich plagen – der Schreiber oder der Leser“.

Bei solcher Kritik ist es schwer, seine Werke noch zu rechtfertigen. Zuerst erschrecken die Meisten vor dem harschen Ton. Dann stellt sich die Frage: Wenn nicht so, wie denn dann? Wenn „energetisch“ kein Adjektiv von Energie ist, wie soll man sonst eine energetische Haussanierung nennen? „Das ist erfundener Marketing-Jargon. Das Wort gab es vor einem Jahr noch gar nicht. Da ging es auch ohne. Das einzige Adjektiv zu Energie ist und bleibt energisch“, ist Schneiders Antwort. Der Gegenleser habe immer Recht, gibt er den Schreiberlingen als Grundregel mit. Wenn jemand den Text nicht versteht, sei nicht der Leser schuld, sondern der Schreiber.

Vorbilder wie Schiller, Goethe und Lichtenberg

Nach der herben Kritik hören die Seminarteilnehmer die Ratschläge dankbar an. Es tauchen bekannte Tipps auf wie kurze Sätze, viele Hauptsätze, aktiv schreiben, wenig Substantive mit –ung, –heit und –keit. Hinzu kommen neue Anhaltspunkte, wie maximal zwölf Silben zwischen einem zweiteiligen Verbum (wir sind ....einverstanden) oder sechs Wörter zwischen Subjekt und Prädikat. Ein einfacher Text ist oft besser als ein schwieriger – das zeigen auch die vielen literarischen Beispiele, die Schneider bereithält: Rousseau schob nicht die Hauptsache in den Nebensatz, wie es viele machen würden, sondern schrieb: „Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.“ Goethes Ballade „Die Fischer“ besitzt wenige Adjektive und ist doch ein Beispiel für bildhafte Sprache. Heine, Kafka, Lichtenberg – sie alle haben einfache Sprache verwendet, ohne dilettantisch zu wirken. Schneider plädiert nicht für kurze Sätze, sondern für schlanke, transparente Sätze - "vorwärtsstrebend wie ein Pfeil". Dabei zitiert und lobt er sogar 35-Wörter-Sätze von Lichtenberg und Schiller. Schneider ermutigt die Kommunikationsfachleute, auch einmal gegenüber dem Chef diese Regeln einzufordern. In Übungen wird das Gelernte ausprobiert und ebenfalls besprochen. „Es kann sicherlich nicht alles eins zu eins umgesetzt werden, wie ich es hier lehre. Dazu gibt es im Alltag zu viele Hürden und die eigene Trägheit. Aber ich ermutige die Teilnehmer, bewusst mit Sprache umzugehen und bisherige Arbeitsweisen zu überdenken“, erklärt Schneider sein Ziel.


Zum Nachlesen — Wolf Schneider veröffentlichte 2006 das Buch "Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte".

Schneider kommt mit seiner provokanten Art bei den Teilnehmern an. So erzählt zum Beispiel Susann Gaudig aus dem Marketing / Vertrieb der Stadtwerke Torgau: "Besonders gut fand ich, dass uns die Fehler anhand unserer eigenen Texte so deutlich vor Augen gehalten wurden! Der Mann versteht sein Handwerk. Seine Beispiele bleiben im Gedächtnis, da er so viele Zitate gebracht hat. Es war zwar manchmal hart, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen!" Die Hilfsmittel aus dem Seminar, wie eine Checkliste mit neun markanten Regeln, kommen nun auch im Berufsalltag zum Einsatz. Wer mit Wolf Schneider spricht, kann Fragen zur Stilistik stellen, aber auch zu Themen wie Tempolimit auf der Autobahn oder Rauchverbot in Gaststätten hat Schneider klare Antworten. Dabei stößt er auch gern Leute vor den Kopf, wenn er das Germanistikstudium als vergeudete Zeit ansieht oder Umweltaktivisten als naiv charakterisiert. Nur wenige Teilnehmer versuchen darauf Gegenargumente zu finden. Das, was er sagt, lebt er auch. Schneider nutzt selbst die persönlichen Gesprächen und gibt den Seminarteilnehmern Hinweise mit auf dem Weg — Wer erzählt, dass ihm bestimmte Textstellen schwer fallen, erhält die Antwort: „Plagen Sie sich! Das finde ich gut. Das ist das einzige, was dem Leser hilft. Plagen Sie sich!“ Seine Augen funkeln und ein verschmitztes Lächeln zeigt, dass er wohl Recht hat.

Mehr dazu im Internet:
Wolf Schneider Sprachseminare

Veröffentlicht am 18.12.2007
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