Klatsch im
Betrieb
Segen oder Fluch?
Von Claudia
Feger
Wir begegnen ihm täglich,
ob in Pausenräumen, auf Bürofluren oder im Gespräch mit Freunden
und Bekannten: dem Klatschgespräch. Jeder von uns hat sich schon daran
beteiligt und war bewusst oder unbewusst einmal Opfer, denn das Erzählen
von eigenen erlebten Geschichten, Begebenheiten oder besonderen Situationen
ist ein menschliches Grundbedürfnis.
Klatsch: Diskrete Indiskretion
Klatsch entsteht, wenn Ereignisse und Verhaltensweisen als auffällig,
erstaunlich, beunruhigend oder falsch angesehen werden, man sie aber nicht
offen den Beteiligten gegenüber ansprechen will. Viel lieber beschreibt
und kommentiert man die Themen gegenüber Dritten. Wie schon damals, als
die Bediensteten am Hofe beim Waschen und "Ausklatschen" der Wäsche
über die Affären und Fehltritte ihrer Herrschaften tuschelten. Eine
"Sozialform der diskreten Indiskretion", wie es der Bielefelder
Soziologe Jörg Bergmann genannt hat. Die subjektive Interpretation von
Ereignissen oder Personen ist einerseits eine gewohnheitsbedingte und auch
lustvolle kommunikative Praxis, andererseits kann Klatsch unbewusst
oder strategisch bedacht beim Empfänger Einstellungs- oder Verhaltensmodifikationen
bewirken; unauffällig und harmlos verpackt in Small talk.
Völlig alltäglich sind
Einleitungssätze, wie: "Hast Du schon gehört...." oder
"Ich musst Dir mal was erzählen....". Belanglos? Keineswegs!
Bei genauerem Hinhören beginnt man zu realisieren, dass die scheinbar
zwecklosen, inhaltsarmen Alltagsgespräche, die vor allem der Kontaktpflege
dienen, den Kern der menschlichen Kommunikation ausmachen. Die Züricher
Linguistin Katrin Züger schreibt in Ihrer Dissertation "Säg
öppis Phatische Sprachverwendung" (Verlag Peter Lang, 1998),
es sei "gar nicht so wichtig, worüber gesprochen wird." Denn
das banale Geplauder fördere die Gruppenzugehörigkeit, steigere
das Selbstwertgefühl der Beteiligten und erlaube es, sich selbst darzustellen.
Und zu guter Letzt sei es unterhaltend.
Klatsch als Beitrag
zur Organisationskultur?
Im privaten Alltag blüht Klatsch allerorten. Aber kann dieses Grundbedürfnis
der Kommunikation, das hauptsächlich auf die Beziehungsebene zielt, die
Organisationsstruktur eines Betriebes beeinflussen oder gar befördern?

Kommunikation im Büro:
Klatsch gehört dazu
Kommunikation spielt in der Wirtschaft
eine zentrale Rolle, auch unter den Mitarbeitern. Dabei werden immer häufiger
elektronische Medien wie E-Mail oder Intranet eingesetzt. Doch der Erfolg
hält sich bisher in Grenzen. Eine Umfrage in einem Chemnitzer Betrieb
ergab, dass die Mitarbeiter in erster Linie den direkten persönlichen
Kontakt suchen. Die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht wird als einfacher,
spontan und angenehmer angesehen. Nur wenn dies nicht möglich ist, werde
auf Kommunikationsmittel wie E-Mails zurückgegriffen. Gute Chancen also
auch für betrieblichen Klatsch.
Vom Mobbing ...
Klatschgeschichten, auch als "stories" bezeichnet, können sogar
politische Prozesse einleiten und spielen im Organisationswandel eine wichtige
Rolle, denn Klatsch gilt als Machtmittel in Unternehmen. Er kann alle Mitarbeiter
des Betriebes betreffen. Die Bandbreite des negativen Einflusses auf den Prozess
des organisationalen Wandels reicht vom "Anschwärzen" von Vorgesetzten,
Kollegen und Untergebenen, um sich damit einen Vorteil zu verschaffen, über
Intrigen Spinnen bis zur gezielten Mobbingstrategie. Mobbing kommt vom englischen
"mob" für Meute, randalierender Haufen; "to mob"
heisst pöbeln. Aber auch im Deutschen wird der Begriff verwendet: ein
Mob ist eine Horde von Menschen mit schlechtem Benehmen und kriminellem Verhalten.
Seit einigen Jahren wird das Wort "Mobbing" im Zusammenhang mit
systematischem und gezieltem unkollegialem Verhalten, Intrigen und Schikanen
unter Kollegen benutzt, welches bei Betroffenen zu schweren körperlichen
und seelischen Störungen führen kann. Es bezeichnet einen Prozess
der systematischen Ausgrenzung und Erniedrigung eines anderen Menschen, die
von einer oder mehreren Personen betrieben wird.
... bis zum moralischen
Blitzableiter
Klatsch in Organisationen kann also ein Teil von Mobbing sein. Doch nicht
jede Streiterei, Schikane oder Ungerechtigkeit ist Mobbing. Vor allem: Das
Über-andere-Herziehen im Klatsch hat auch eine Ventilfunktion. Eine solche
Form wird als "Schimpfklatsch" bezeichnet, welche in zwei Richtungen
verlaufen kann: "Womit habe ich solche Mitarbeiter verdient?", stöhnt
so mancher gestresster Chefs, und nutzt diesen Auftakt eines Klatschgespräches
als Mittel der Machtlegitimation. Die Mitarbeiter dieses Chefs könnten
im Gegenzug die Funktion umkehren. Das kleine Pausengespräch wird als
Ventilfunktion genutzt und die Frage: "Womit haben wir so einen Vorgesetzten
verdient?" lässt den Arbeitsstress erträglicher werden. Klatsch
in Organisationen hat also nicht nur negative Konsequenzen, er dient auch
neben der Unterhaltung dem manchmal notwendigen Moralisieren und nicht zuletzt
der eigenen Beschwichtigung: der ganz alltägliche Widerstand der "kleinen
Leute", die die großen Dinge nicht wirklich ändern können,
aber sich zumindest im täglichen Klatschgespräch über die Oberen
erhaben zeigen können. Klatsch als moralischer Blitzableiter.
Fazit: Wenn der Vorgesetzte sich
wieder einmal beschwert, dass weniger "geklatscht" und mehr gearbeitet
werden soll, kann getrost geantwortet werden, das auf diese Weise Spannungen
abgebaut werden, ein Gemeinschaftsbewusstsein in dem Unternehmen geschaffen
und das Betriebsklima verbessert wird. Auch Klatsch ist eben das, was man
produktiv daraus macht.
Informationen
zur Autorin:
Claudia Feger, M.A., studierte Germanistik, Psychologie und Allgemeine und
Vergleichende Literaturwissenschaft an der TU Chemnitz.
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Buchtipp:
Bergmann, Jörg R. (1987): Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion.
Berlin, New York: de Gruyter. |
Veröffentlicht
am 16.07.2003
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