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Die Jargonismen
der New Economy erhalten die Weihen des Duden
Von Thomas Edeling
Wenn wir uns im wirklichen Leben
auf Schatzsuche begeben, welchen Schatz suchen wir zuerst? Unseren Lebenspartner?
Weit früher stoßen wir auf einen anderen, den wir seit dem 18. Jahrhundert
so nennen: den Wortschatz. Fundort sind unsere Gehirnzellen. Die Ausgrabungen
manifestieren sich in Gesprächen und Schriftstücken, die Wertschätzung wird
durch Erfolg oder Misserfolg der Botschaften bestimmt. Auf jeden Fall ist
uns die Existenz des Schatzes sicher. Die einen holen bei Bedarf mehrere hundert
Worte aus ihrer Truhe, andere mehrere tausend. Im Alltag verständigen wir
uns mit dem Allgemeinwortschatz, darüber hinaus bedienen wir uns zahlreicher
Fachsprachen, die sich für einzelne Berufe und Hobbies entwickelt haben.
Doch hier tritt
ein Problem auf: Was passiert, wenn Laien mit Fachwörtern konfrontiert
werden und deren Wortschatz nur Fehlanzeige melden kann? Oder schlimmer
noch, wenn gezielt mit undurchschaubaren Wörtern Missverständnisse hervorgerufen
werden? Der Linguist arbeitet in diesem Fall mit dem Ausdruck "Jargon".
Die getreue Übersetzung ins Deutsche: "unverständliches Gemurmel". Genauer
definiert: Jargon dient nicht nur dazu, die besondere Eigenschaft von
Dingen zum Ausdruck zu bringen, sondern bedeutet auch die Neigung, unverstanden
bleiben zu wollen bzw. seine Herkunft zu markieren.
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Der Dudenverlag hat im Jahre 2001 in Zusammenarbeit mit der Beratungsagentur
"Trendbüro" das "Wörterbuch der New Economy" herausgegeben. Es präsentiert
eine Sammlung von etwa 1000 Wörtern, lexikalische Neuschöpfungen aus
den letzten fünf bis acht Jahren, als der Boom in der Wirtschaft keine
Grenzen kannte.
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New Economy
bereits Phänomen der Vergangenheit?
Der Begriff "New Economy"
steht zunächst für den US-amerikanischen Wirtschaftsaufschwung Mitte der Neunziger
Jahre. In der Geschichte der Wirtschaft sicher bisher einmalig: der unvorstellbare
Höhenflug der drei Haupttechnologiebranchen Software, Telekommunikation und
Biotechnologie und ihr bis heute andauerndes kometenhaftes Verglühen, dem
sich nur wenige Unternehmen entziehen konnten. Die Folgen: Rekord-Pleitewellen,
hohe Arbeitslosigkeit, keine Tendenzwende in Sicht.
Angelika Boehm, verantwortlich für
die Öffentlichkeitsarbeit des Dudenverlags, stellt klar, dass mit jenem Wörterbuch
eine "Beschreibung des Ist-Zustands einer Sprache" vorgenommen wurde. So auch
zur New-Economy-Sprache um die Jahreswende 2000/2001. Es sollte keine Wertung
erfolgen, trotzdem aber die gewisse Unterhaltsamkeit der Begriffswelt bewahrt
werden. Wie wurde dies erreicht?
Wörterbücher fallen normalerweise durch ihre Schlichtheit auf. Man will es so schnell wie möglich in den Bücherschrank zurückstellen, nachdem man den gesuchten Eintrag gefunden und gelesen hat. Anders der New-Economy-Duden: peppige Aufmachung, statt fachlich komplizierter Erklärungen Beispiele zum Gebrauch, glossenhafte Anmerkungen und Kommentare zu meist kurz gefassten Definitionen, Schriftgröße 10 aufwärts. Sechs farbig gekennzeichnete Themengebiete und Fotos von "Vertretern" der New Economy sind weitere ungewöhnliche Elemente.
"Ich-AG"
und Co.: Unwörter des Jahres?
Doch die äußere Erscheinung täuscht nicht darüber hinweg, dass der Leser sich
in sprachlichem diffusem Gebiet befindet. Ein Beispiel: Das Unwort des Jahres
2002, die "Ich-AG", steckt mittendrin. Die einen mögen solche Kreationen unterhaltsam
nennen, die anderen sich kopfschüttelnd abwenden. Jedenfalls zeigt sich hier
eine Charaktereigenschaft des Jargons: Aus zwei bekannten Worten entsteht
ein unbekanntes Kompositum, das sich erst nach wiederholtem Gebrauch durch
die Massenmedien in unsere Wortschätze einnistet.
Cappuccino-Working
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Spektakulärer und trotzdem
kaum in der Öffentlichkeit gebräuchlich ist das Beispiel "Cappuccino-Working
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Der Laie mag bei diesem Ausdruck
an italienische Leichtigkeit, Erholung und Sonne denken. Doch verkörpert die
Tatsache, auf mehrere Teilzeitjobs angewiesen zu sein, nicht eher den bitteren
Kaffee als die solide Haupttätigkeit? Zweifelsohne ist die Nähe zum Rausschmiss
und nachfolgende Arbeitslosigkeit immer präsent, seien die Nebentätigkeiten
noch so interessant, lukrativ sind sie höchstens für den Arbeitgeber. Ist
jene "Arbeitskultur" nicht damit schon zur Farce mutiert, indem Wörter nur
noch zweifelhafte und vor allem zynische Denkmuster besetzen? Jargon, kann
man sagen, bedeutet nicht nur eine Provokation des Missverstehens, sondern
verkommt zur Wortattrappe: äußerlich schön aufbereitet, aber inhaltsleer.
Beispiel geben etwa die hier verlinkten Begriffe.
Emotionale
Intelligenz
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Uwe Pörksen hat im Jahre 1988 den Begriff "Plastikwörter" geprägt.
Etwa ein halbes Jahrzehnt vor der Einführung des Internets erklärt
er näher, wie solche Worthülsen funktionieren:
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Die Denotation, also die Kernbedeutung
eines Wortes, verschwindet schnell hinter der Konnotation, welche alle Wertungen,
Gefühle und Assoziationen um die Sache beschreibt. Typische Eigenschaften
eines solchen Wortes sind die Inhaltsarmut, der Beiklang, die Prestigeträchtigkeit
sowie die Zugehörigkeit zu einem internationalen Code. Pörksen nennt in seinem
Aufsatz 40 "Plastikwörter", die sich in der New-Economy wiederfinden, und
zwar in Zusammensetzungen: "Information" beispielsweise steht nun nicht mehr
allein, sondern bildet Ausdrücke wie "Informations-Design", "Information Overload"
oder "Informations-Superhighway".
Socializing
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Warum erfinden Experten nun solche fremdartigen, unhandlichen Begriffe?
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Um "in" zu sein, kreativ
und weltläufig zu wirken. Um ihre Autorität gegenüber Laien zu stärken:
Jargon schafft Ansehen, indem er die Unverständlichkeit einer Fachsprache
überträgt, jedoch ohne die Kluft zu den Laien zu betonen. Pörksen
stuft die Plastikwörter als Sprachbrücke ein. Das scheint verständlich;
die Komposita scheinen jedoch dies ins Gegenteil umzudrehen. Hier
findet ein Prozess zur Unverständlichkeit statt. Manche Begriffe sind
ebenso wenig wert, in unseren teuren Wortschatz aufgenommen zu werden,
wie momentan eine Aktie mancher New-Economy-Unternehmen kaufenswert
erscheint.
Business Angel
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Sicher, die neue, kurze Ära hat nicht nur in der Wirtschaft für tief greifenden Wandel gesorgt, sondern auch in der Sprache.
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Neue Arbeitsmodelle, aber auch
besonders revolutionäre Technologieentwicklungen benötigen Neuschöpfungen.
Da wirtschaftliche Entwicklungen auch die Gesellschaft in hohem Maß betreffen,
soll diese "einen Einblick" in die neue Begriffswelt erhalten. So sehen es
zumindest Andreas Steinle, Redaktionsleiter des Trendbüros, und Prof. Peter
Wippermann, Herausgeber des "New-Economy-Duden". Prof. Norbert Bolz geht in
seinem Vorwort als einer der Autoren einen Schritt weiter: Er nennt als entscheidenden
Antriebsmotor einer Wissensgesellschaft die "Produktivkraft Kommunikation".
Was früher stationär in Hierarchiegeflechten abgewickelt und produziert wurde,
wird heute im Team an virtuellen Marktplätzen und im Netzwerk entschieden.
Laut Bolz wird Kommunikation zum Zweitjob, ohne den keine Organisation funktioniert.
Aber muss es gleich Jargon sein?
Silvermarket
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Dennoch Grund genug, die neugeborene
Fachsprache zu präsentieren, wie dubios sie am Ende auch sein mag. Und wie
kurzlebig auch immer: Begriffe gehen unter, neue kommen auf.
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So können auf der Homepage des
New-Economy Dudens (www.neweconomy-duden.de)
konsequenterweise neue Wörter von Lesern hinzugefügt werden. Immerhin: Auch
deutsche Wortschöpfungen sind erwünscht. Steinle
beziffert die Anzahl der Leser, die pro Monat online neue Ware auftischen,
auf zehn bis zwanzig. Sicherlich kein Indiz für ein Massenmedium, was die
Zahl der bisher verkauften Exemplare bekräftigt: ungefähr 20000 wurden bislang
abgesetzt, gerechnet wurde mit 15000. Eine Zielgruppe sind neben Studierenden
und Lehrenden vor allem Marketingverantwortliche und jene, die sich für Wirtschaft
interessieren. Also auch ein Nachschlagewerk für die Öffentlichkeit.
Einige Köpfe der hundert Unternehmer, die in dem Duden abgebildet werden und laut Chefredakteuren der Wirtschaftspresse vor Januar 2001 die New-Economy prägten, haben sich überlebt, im schlimmsten Fall sind sie heute mit einem Bein im Gefängnis. Übrigens sind gerade einmal sechs Prozent Frauen, was für eine männerdominierte Welt auch im Bereich New Economy spricht - wo Bolz doch meint, die New Economy sei "in ihren neuen Kommunikationsstrukturen vom Prinzip her weiblich."
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Nichts als peppiger
Jargon?
Reicht peppiger, meist fremdsprachiger Jargon für eine gelungene Kommunikation?
Ein Blick zurück in die Vergangenheit: So wie in der Musik und in der Küche
viele Ausdrücke aus dem Italienischen oder Französischen kommen, so ist die
Wirtschaft von der englischen Sprache dominiert. Die Erklärung ist simpel:
Die Musik hat ihren Impetus aus Italien bekommen, Redensarten wie "Essen wie
Gott in Frankreich" haben ihre Berechtigung und die USA ist zweifelsohne die
Wirtschaftsmacht weltweit. Damals hat sich keiner daran gestört, dass auf
Partituren von "allegro" und "cantabile" die Rede war. "Blanchieren" und "tranchieren"
ist im Wortschatz jedes Koches fest verankert. Warum dann nicht auch "Teamwork"
oder "Roadshow", um nicht allzu unbekannte Wörter zu nennen?
Hier wäre der Begriff "Jargon"
auch vermessen, die Ausdrücke sind fest in der deutschen Sprache etabliert,
sie haben ein relativ nachvollziehbares Denotat. Doch durch die immer schneller
wechselnden Trends, die auch immer wirkungsvoller durch Medien verbreitet
werden, sind wir mit einer Vielzahl neuer Jargonismen konfrontiert, deren
Bedeutung sich dem Außenstehenden verschließen und deren Verbreitung in der
Branche angezweifelt werden kann: Oder wussten Sie, was mit socializing,
Business Angel oder Silvermarket gemeint ist? Einige Wortkreationen
sind freilich genauso schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht sind.
Erkennungsmarke
der Lifestyle-Ideologie
Hans-Jörg Schmid, Professor für Englische Sprachwissenschaft an der Universität
Bayreuth, betont, dass jede Fachsprache "identitätsbildend" sei. Genauso wie
eine bestimmte Mode die Gruppendynamik von Jugendlichen äußerlich kennzeichnet,
bedeutet auch die Anwendung eines "Jargons", dass man zu einer Gruppe von
Profis dazugehört, zum "Establishment". Sicher schwingt auch ein gewisses
Prestige mit. "Ich habe es drauf" anstatt "Ich kann es mir leisten" gehe damit
insgeheim einher. Prof. Dr. Heiko Hausendorf, Germanist in Bayreuth, betont
die Außenwirkung dieses Jargons. Die Sprache werde zur Erkennungsmarke einer
Lifestyle-Ideologie: Paradiesische Verhältnisse, wie sie in der Tat auch existierten,
erfordern angemessene Neologismen: In den glorreichen Neunzigern sind ja viele
Unternehmen fast über Nacht reich geworden, hat sich deren Arbeitswelt schlagartig
geändert, sah alles nach einem neuen Erfolgsmodell aus.
Bestes Beispiel für den Status des Jargon-Verstehens als Eintrittskarte in die Geschäftswelt sind die Stellenanzeigen: In den Stellen-Angeboten der FAZ vom 22. Februar 2003 fallen ungewöhnliche und nahezu unverständliche Berufsbezeichnungen auf. Beispielsweise schreibt die Unternehmensberatung Kienbaum eine Stelle zum "Customer Service Manager Warranty" aus, während eine andere Stelle gewohnt als "Leiter Vertrieb/Marketing" bezeichnet wird. Bestimmte Berufsbezeichnungen sollen heute nur noch von einem kleinen Personenkreis verstanden werden. Eine Prä-Selektion ist damit geschaffen, der Verwaltungsaufwand geringer.
Roadshow oder
Straßentheater?
Auch aus diesem Grund entwickelt sich ein eigenständiger Jargon, der in unserer
vernetzten und schnelllebigen Welt beschleunigt wird. Übersetzungen kosten zudem
Zeit und sind mitunter ineffizient. Wer Börsenmakler ist und am Tag von Geschäftspartnern
aus zehn Nationen als Broker angesprochen wird, wird die englische Bezeichnung
auch in deutschen Kontexten als völlig normal empfinden. "Roadshow" wörtlich
als "Straßentheater" zu bezeichnen ist lächerlich und unangemessen; "Präsentationstour",
um es freier zu übersetzen, nicht wirklich besser.
Schmid gibt zu bedenken,
dass die Freiheit bestehe, auf Jargonismen zu verzichten. Andererseits
sei es einem Experten freigestellt, neue (unverständliche) Begriffe
in die Welt zu setzen. Der Laie sollte jedoch die Zivilcourage besitzen,
ihn bei Missgefallen darauf anzusprechen oder ihn zu ignorieren. So
gesehen auch den New-Economy-Duden es gibt die Freiheit, ihn im
Regal stehen zu lassen. Seien wir also ganz ruhig. Und lassen wir den Wortkreativen den Spaß, solange sie nicht zynisch mit neuen Bezeichnungen die Realität verkleistern. Unser Wortschatz reagiert nur dann auf sprachliche Einwirkungen, wenn diese für unser Leben erforderlich sind. Wenn wir etwas ein-, zweimal hören, dann bleiben Schloss und Riegel des Schatzes noch verschlossen. Es sei denn, wir versuchen, uns als Nichtprofis sprachlich "anzupassen". Dann sind wir von einem Schatz verführt worden, der nur Schein statt Sein bot. Denn bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt.
Zum Autor:
Thomas Edeling studiert Romanistik an der Universität Bayreuth.
Veröffentlicht
am 08.05.2003
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