EM-SPECIAL
Glosse
LEO Rösner Stürmer

 

Houston, wir haben ein Problem…

Uns gehen die deutschen Stürmer aus!



Von Robby Rösner

 

Dem EM-Auftakt der DFB-Elf gegen die ungeliebten "Oranjes" können wir mindestens zwei Erkenntnisse abgewinnen.
Erstens: Totgeglaubte leben länger. Mit dem wieder ausgegrabenen WM-Teamgeist aus Japan steigt Phönix aus der Asche und sammelt Respektpunkte in Europa. Zweitens: Die verflixte 81. Minute! Hätten wir so einen "Knipser" wie Ruud van Nistelroy, dann hätten wir die Flachländer mit zwei, drei Toren Unterschied zu "liegenden Holländern" gemacht. Haben wir aber nicht. Rudi, wir haben ein Stürmerproblem!

Die Abwehr stand bis auf wenige Ausnahmen sicher, Kahn zeigte sich wieder in gewohnter Form, das Mittelfeld um Ballack war bestens besetzt – nur vorn, da fehlt uns der "Vollstrecker". Kevin Kuranyi als einzige Sturmspitze bewies zwar Kampfgeist und Laufbereitschaft, aber was Zählbares sprang dabei nicht heraus. Mittelfeldspieler Frings war es, der die Elf mit seinem tollen Freistoß in Führung schoss. "Wir machen einfach zu wenig Tore", so brachte Rudi Völler vor der EM das "Stürmerproblem" zur Sprache. Was genau ist denn das Problem? Was ist los im deutschen Angriff? Haben wir überhaupt einen deutschen Angriff?

Sag mir, wo die deutschen Stürmer sind, ...

Gerd Müller in Aktion
Quelle: www.f-vm2002.dk
Ach, das waren noch Zeiten, als die Stürmer Walter oder Seeler hießen. Müller, Fischer, Rummenigge und...ja, auch "ein Rudi Völler" war eine Granate mit Torgarantie.

Bei der EM 1996 gab es im gegnerischen Strafraum noch Schlechtwetter satt. Solche wie Jürgen Klinsmann, Ulf Kirsten, Oliver Bierhoff, Marco Bode und Stefan Kuntz schossen uns zum Europameister. Auch ein gewisser Fredi Bobic war damals schon mit dabei. Und jetzt? Im Vertrauen auf den Dusel einer Turniermannschaft musste sich Rudi was zusammenbasteln, eine Art "Notsturmaggregat", weil Deutschland offensichtlich die Stürmer ausgegangen sind. Unser gegenwärtiger Angriff besticht eher durch multikulturelle Vielfalt und gelungene Integration als durch Torgefahr.

Multikulti statt Torgefahr?

Kuranyi gegen Holland -
gute Leistung, aber kein Tor
Quelle: www.sport1.de
Kevin Kuranyi ist in Rio geboren und aufgewachsen, müsste doch eigentlich mit Samba im Blut ein echter Brasi-Bomber sein. Sein Hüft-Tor im Vorbereitungsspiel gegen Belgien kommentierte er mit: "Irgendwie ist er eben rein gegangen". Gratulation. Eiskalt geknipst!

Bisher 4 Tore für die DFB-Elf, nur magere 11 in der abgelaufenen Saison. Kein "Killer" vor dem Tor. Immerhin einige sehenswerte Szenen im Spiel gegen die Niederlande. Aber bitte, Kevin, Interviews nur noch auf Portugiesisch, wir verstehen dich eh nicht!

Fredi Bobic. Der Nachname lässt es erahnen. Irgendwas Südländisches? Ja, in Maribor/Slowenien geboren. Auf der Flucht vor dem Abstiegsgespenst durchlebte er mit Hertha eine Gruselsaison sondergleichen, dabei brachte es der "Sturm-Opa" auf sagenhafte 8 Tore. Von Völler reanimiert, erzielte er bislang 10 Treffer im DFB-Trikot. Am Dienstag nur zweite Wahl. Die volle Distanz würde den 32-jährigen vermutlich direkt ins Sauerstoffzelt befördern.

Thomas Brdaric ist zwar in Deutschland geboren, doch beim Aussprechen seines Namens bricht man sich fast die Zunge. Er bewies aber mit 12 Toren beim abstiegsgefährdeten Hannover 96 eine aufsteigende Tendenz und wurde "überraschend" nominiert. Was hätte Rudi denn auch anderes tun sollen? Beruhigend, dass Olli und Thomas auf dem EM-Rasen einige Meter auseinander stehen, denn vorm Titan hat der Tommy bekanntlich richtig Schiss – man denke dabei an das BL-Spiel Leverkusen gegen Bayern München: "Als er zupackte, hatte ich Todesangst". Na super. Und der will ein "Vollstrecker" sein?

Lukas Podolski: "Wir Deutschen waren immer eine Turniermannschaft". Das hat ihm wohl die Wohlfahrt eingeimpft. Saß gegen die Holländer schon mal turnierreif auf der Bank. Na immerhin, das ist doch auch schon was. Die 10 BL-Tore des gebürtigen Polen (Gleiwitz) haben allerdings auch nicht den Abstieg des 1. FC Köln verhindern können. Vom 19-jährigen Linksfuß erhoffen wir uns die bitternötige Torgefährlichkeit. Man sagt dem jungen Wilden ja nach, er spiele frech und unbekümmert auf. Na hoffentlich erfolgreicher als der verletzte "Aushilfsstürmer" Freier, für den er nachreisen durfte.

Slawomir Paul Freier, 1979 in Bytom/Polen geboren, schaffte bislang nur ein einziges Tor in der Völler-Elf. Genauso viele Tore wie in der abgelaufenen Saison bei Bochum. Ein wahrer Goalgetter!

Klose - das klingt doch immerhin deutsch, oder? Aber der Vorname kündigt es schon an: Miroslav macht das polnische Sturmtrio komplett. Vom SG Blaubach-Diedelkopf (das heißt wirklich so) über Homburg und Lautern kam er 2001 in die Nationalelf. Der silberne Schuh für den zweitbesten Torschützen der WM 2002 scheint ihm aber am Fuß zu drücken. Nur 10 Tore beim 1. FCK in dieser Saison, dafür aber schon 16 für Deutschland – in 3 Jahren. Wie soll der mal einen Ailton bei Bremen ersetzen? Für einen Kugelblitz taugt allein schon seine Föhnfrisur nicht. Und Sambatanzen an der Eckfahne kann er auch nicht. Kopfball-"Mirek" braucht für einen Top-Stürmer auch eindeutig zu viele Chancen.

Fast hätten wir sie vergessen. Was ist mit Oliver Neuville und Gerald Asamoah? Den kleinen Halb-Schweizer und seinen Freund aus Mampong hat Rudi gar nicht erst mitgenommen.

Deutsches Notsturmaggregat
Das ist sie also, unsere Not-Offensive, mit der wir den "Großen" Angst machen wollen. Milchreis-Lukas und Krückstock-Freddy, na das kann ja heiter werden. Um nicht falsch verstanden zu werden: Weder Tore schießen noch Deutschsein hängen vom Stammbaum ab. Und Bundes-Rudi kopiert ja nur, was Frankreich, Holland, Schweden ... vorgemacht haben, und zwar mit Erfolg: ein Integrationsprogramm auf grünem Rasen. Ein durchaus gelungenes Beispiel für Multikulti.

Hat Rudi denn Alternativen? Vielleicht der kleine Lahm, der könnte doch stürmen. Der vernascht erst die gegnerischen Stürmer, dann ab durch die Beine des Mittelfeldes, macht vorm 16-er 'ne Schwalbe zum Freistoß für Deutschland und unterläuft anschließend einfach die Mauer – drin!


Freudentänzchen im Mittelfeld:
Torschütze Torsten Frings
Quelle: www.sport.de
Vielleicht sollte Rudi auch einfach das Mittelfeld auflösen und das Duo Frings/Ballack stürmen lassen. Kahn (übrigens angeblich ein "Viertel-Lette") könnte als "hängende Spitze" die Abwehrreihen wegfausten oder die Viererkette einfach ins Seitenaus treten. Kuranyi würde ihn sicher gern im Tor vertreten. Wie man den Ball hebt, weiß er ja schon aus dem Hollandspiel. Nur so gut brüllen wie Olli, das kann er nicht. Kaum auszudenken, dass er beim Maueraufstellen die Namen seiner Mitspieler ruft: Brdaric oder Podolski kriegt der nie über die Lippen.

Hoffen aufs Zuwanderungsgesetz?
Das Problem ist offenkundig. Weil in der Bundesliga fast nur noch mit Visum gestürmt wird, ist der "Germanensturm" (man verzeihe den Ausdruck) im Begriff auszusterben. Die Sorgen bei der WM im eigenen Land werden sich weniger um das Auswechselkontingent drehen, als vielmehr um das Einbürgerkontingent an Offensivkräften.

Zunächst aber gilt es die Letten zu schlagen. Warum nicht wieder mit einem Freistoßtor eines Nicht-Stürmers. Schade auch, dass Christian Rahn verletzungsbedingt zu Hause bleiben musste. Zu gerne hätten wir von Beckmann den Klassiker gehört: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt und….Tooooooooooooooor! Tooooooooooooooor! Tooooooooooooooor!

Mehr zum Thema? Ein Spiegel-Online-Artikel zur Zukunft der deutschen Nationalmannschaft als multikulturelles Ensemble.

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Veröffentlicht am 17.06.2004
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