WM-SPECIAL
Feature
LEO Klemm Politik

 

Politik im Abstiegskampf

Die hohe Politik und die Sprache des Fußballs


Von Michael Klemm

 

In der großen Koalition, sagt Angela Merkel, sei sie weniger Schiedsrichterin als "Kapitän einer Mannschaft, die Spielführerin. Wenn man es so nimmt, bin ich Ballack." Ex-Ministerin Künast zog als Lehre aus der Regierungsschlappe bei der Europawahl 2004, dass Rot-Grün "besser kämpfen und den politischen Gegner härter attackieren" müsse. Die SPD-Linke Andrea Nahles meinte damals: "Wenn das Mannschaftsspiel nicht besser wird, wird es in der SPD zum Aufruhr kommen." Drei Politikerinnen, des Fußballfanatismus gänzlich unverdächtig, benutzen in ernsten Zeiten die Sprache des Sports. Zufall?


Die Macht ist rund: Die Kanzlerin und die WM
Quelle: www.paderborn.de

Politik ist ein dröges und kompliziertes Geschäft – Millionen Verdrossene können nicht irren. Fußball hingegen ist, nicht nur in Deutschland, ein leidenschaftliches Spiel, mit überschaubaren Regeln und eindeutigen Siegern und Verlierern. Die Sprache der Politik ist abstrakt, bürokratisch, undurchschaubar. Die Sprache des Fußballs ist lebendig, bildlich und verständlich. Und so liegt es eigentlich nahe, dass sich die abstrakte Politik der blumigen Sprache des Sports bedient, um bei den Wählern zu punkten.

Der heutige Sozialminister Franz Müntefering: "Wir müssen aus der Tiefe des Raumes angreifen, über die linke Seite in die Mitte flanken und den Ball reinköpfen, da das Tor in der Mitte steht. Aber welche Rückennummer das sein wird, kann ich noch nicht sagen." (aus einem Interview des YAEZ-Jugendmagazins vom 22. Aug. 2002)

Was wäre die politische Kommunikation, was wäre der politische Kommentar ohne die Fußballsprache? Selbst Fußballmuffel bedienen sich – über alle Parteigrenzen hinweg – des Fußballslangs, zeigen damit Volksnähe und Bodenständigkeit, wollen sportlich und sympathisch wirken. Der Politiker als Person "aus dem Volke", erhebt seine Stimme aus der politischen Südtribüne. Das hört sich dann folgendermaßen an:

"Die 16 Länder und ihre Regierungen sind alle Vollprofis, die gegeneinander antreten können. Natürlich gibt es darunter Auf- und Absteiger sowie gute und schlechte Mannschaften. Aber das eigentliche Problem sind nicht die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, sondern die falschen Spielregeln, die verhindern, dass die Profis ihre Stärken ausspielen und entwickeln können." (Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller in einer Rede anlässlich seiner Ernennung zum "Ministerpräsident des Jahres 2003")

Das ganze politische Leben ist ein Fußballspiel. Die SPD erlebte bei den Europawahlen 2004 einen bitteren Abstieg. Gesundheitsministerin Schmidt wurde von der Opposition in die Zange genommen, Verkehrsminister Stolpe gab mit dem Maut-Debakel dem politischen Gegner eine Steilvorlage. Politiker müssen eben manchmal "dorthin gehen, wo es wehtut", treten aber auch nach, wenn der Gegner gar zu frech wird. Teamchefin Merkel versucht, ihre Mannschaft unter Kontrolle zu halten, und stellt unliebsame Kritiker in der eigenen Partei ins Abseits. Von Beust zeigte in Hamburg Ronald Schill und später Roger Kusch sogar die Rote Karte: Platzverweis.

Edmund Stoiber: "Es ist wie beim Fußball: Eine starke Mannschaft wie CDU und CSU hat für jede Position mehrere hervorragend geeignete Mitspieler. Die endgültige Mannschaftsaufstellung wird dann erst kurz vor dem Spiel bekannt gegeben." (aus Blackboxx 1/2002)

Auch in der Politik gibt es Eigentore in letzter Minute, grobes Foulspiel oder Befreiungsschläge. Rechtsaußen wie Schill oder Lummer treffen im Parlament auf Linksaußen wie Gysi oder Ströbele. Im Streit um die doppelte Staatsbürgerschaft war schnell von "Doppelpass" die Rede. Zähe Verhandlungen gehen in die Verlängerung.

Frage an Roman Herzog vor seiner Zeit als Bundespräsident: "Warum spielen Sie in der Bayernliga und nicht in der Bundesliga?"


Kanzler und Kaiser im Zusammenspiel
Quelle: www.spiegel.de

Mancher bastelt gar an Verschwörungstheorien, wenn es um die geheimen Bande von Fußball und Politik geht. Unzweifelhaft ist der Einfluss groß. So war DFB-Präsident Mayer-Vorfelder lange Jahre Minister in Baden-Württemberg. Reinhard Klimmt, ehemaliger Verkehrsminister im Kabinett Schröder, stolperte über seine Leidenschaft für den 1. FC Saarbrücken. Edmund Stoiber und Theo Waigel unterschieden sich nicht nur in ihrer Mitgliedschaft im FC Bayern bzw. im TSV 1860 München. Und was sonst eint Helmut Kohl und Gerhard Schröder außer der Liebe zum Fußball und ihre Vergangenheit als Stürmer? Und sehen wir es realistisch: Wenn der FCB zur Wahl anträte, würde er vermutlich gewinnen.

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Veröffentlicht am 17.06.2004, zuletzt aktualisiert am 07.06.2006
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