Der Star war mal
die Mannschaft
Dufte Stimmung auf der Titanic: Kuschelig
und weichgespült ergab sich die DFB-Elf ihrem Schicksal
Von Michael Klemm
Auf der Pressekonferenz in Almancil
wurde Frank Baumann gefragt, ob er um seinen Platz im Team fürchte. Wer
den Protest, den Krach, die Provokation gegen den Trainer witterte, wurde
eines Besseren belehrt: "Ich werde alle Entscheidungen des Trainers akzeptieren."
Oje. Der Verdacht machte sich breit, dass die Elf nicht im Trainingslager
war, sondern eine Gehirnwäsche hinter sich hatte.
Prima Klima im Training:
Kahn und Ballack im Gleichschritt
Quelle: www.dfb.de
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Täglich wartete
man auf Eklats oder wenigstens ein Skandälchen. Hat Oliver Kahn vielleicht
mal wieder jemanden gewürgt? Oder einer den Zapfenstreich überschritten?
Ist jemand betrunken in den Pool gefallen? Gab's zumindest wie früher
wüste Skatturniere? Nichts von alledem, alles bestens, alles harmonisch,
alles so langweilig und temperamentlos wie auf dem Platz. Perfekt organisierte
und rhetorisch weichgespülte Harmonie. |
Ganz andere Zeiten als etwa 1974
bei der WM, als Beckenbauer und Co. das Kommando übernahmen, Bundestrainer
Schön entmachteten und Günther Netzer aus dem Team katapultierten.
Fast bei jedem großen Turnier war Feuer unterm Dach, gab es Zoff, wurden
Spieler wie etwa Effenberg nach Hause geschickt, wurden Typen vom Kaliber
Sammer laut gegen die eigenen Mitspieler, im Quartier und auf dem Platz. In
Almancil herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Selbst Oliver Kahn hatte Kreide
gefressen. Fehlte nur noch, dass die Spieler Händchen haltend am Strand
gesichtet wurden.
Ach glückliches Italien. Zwar
auch ausgeschieden, aber wenigstens mit Pfeffer. Lama Totti verklagt die Presse
in Millionenhöhe, Vieri beschimpft sie in aller Öffentlichkeit,
"Gentleman" Trappatoni wird von den Medien mit verbalen Breitseiten
aus dem Amt gejagt.
Aber wer sollte schon revoltieren
oder vehement seinen Einsatz fordern? Christian Ziege, die Mensch gewordene
Dankbarkeit? Lukas "Poldi" Podolski, der sich über das nette
Ferienlager freute? Die kläglichen "Stürmer" mit Ladehemmung?
Spieler wie Jeremies oder Hinkel, die selbst in ihrem Verein in letzter Zeit
selten spielten? Man hatte das Gefühl, dass die Reservisten nicht nach
fußballerischer Leistung, sondern nach Loyalitätsgrad ausgewählt
wurden. Mit Erfolg, immerhin einer.
Abgang von der Titanic
Quelle: www.spiegel.de
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"Der Star
ist die Mannschaft", hatte der sonst nicht unbedingt innovative Berti
Vogts als Redewendung etabliert. Keine Mannschaft hat das Gleichmachen
aber je so verinnerlicht wie das deutsche Team anno 2004. Zum 50. Jubiläum
des Wunders von Bern standen elf Freunde auf dem Platz. Lauter Schwiegersöhne,
nette Familienmenschen und beste Kameraden. |
Es war dufte Stimmung
auf der Titanic. Nur, dass die Mannschaft leider längst kein Star mehr
ist.
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zum Editorial des EM-Specials
Veröffentlicht
am 25.06.2004
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