WM-SPECIAL
Feature
LEO Kittler Fußballlieder

 

Mit Musik kickt es sich besser

Trotz dieser Erkenntnis verzichtet unsere Nationalmannschaft seit einigen Jahren auf ihr traditionelles WM-Lied – und bringt uns Fans um ein Stück deutscher Kultur


Von Dennis Kittler


Die Neigung der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Vergangenheit, zu großen Turnieren mit mehr oder minder anhörenswertem Liedgut aufzuwarten, hatte einen entscheidenden Vorteil: Unsere Elf konnte nicht sang- und klanglos untergehen. Solch ein Wortwitz sei speziell in diesem Jahr erlaubt, da Jürgen Klinsmanns ach was unser aller Jungs ja nicht gerade zu den Favoriten der aktuellen Weltmeisterschaft zählen, zumal wir schon bei der vergangenen EM nach der Vorrunde wieder heimfahren durften.

Was aber noch viel schlimmer ist: Diesmal können wir auch nichts singen, nicht einmal "Ohne Holland fahr'n wir zur WM", höchstens mal noch Bob Sinclairs offiziellen WM-Song "Love Generation". War es seit der Weltmeisterschaft 1974 schöne Tradition, dass die 22 Kicker unseres Teams gemeinsam mit einer nationalen Schlagergröße zu Turnierhöhepunkten ein fetziges Lied einsangen, so ist seit der WM 1998 Schluss damit. Wahrscheinliche Begründung: Ihr sollt nicht singen, ihr sollt Fußball spielen zumindest stellen wir uns das so vor. Dabei waren die Lieder doch immer etwas Besonderes, so eine Art Kulturgut. Eine Nation, die Daniel Küblböck feiert, verzichtet tatsächlich freiwillig auf die unentdeckten Sangeskünste ihrer Fußballstars? Zumal noch die Texte: hohe Literatur. Waren sie sicher nicht, müsste der Satz ehrlicherweise weitergehen. Aber spannend und amüsant genug, um mal einen genaueren Blick auf die angestaubten Stücke zu riskieren.

Sang zur EM 2004 den offiziellen Song: Nelly Furtado.
Quelle: http://www.arbay.com/

Kein einfallsreicher Text, aber er handelt von Fußball
Das einzige Lied, das tatsächlich etwas mit Fußball zu tun hatte, führte Beckenbauer und Co. auch gleich bei ihrer Gesangspremiere 1974 zum Titel. "Fußball ist unser Leben" trällerten sie stimmgewaltig, "denn König Fußball regiert die Welt". Sonderlich einfallsreich war der Text sicherlich nicht, ging es schließlich weiter damit, dass ein jeder Gegner uns schlagen wolle und es ruhig auch wagen solle, doch sei er sowieso chancenlos, weil "hunderttausend Freunde zusammenstehen". Doch sagt "Fußball ist unser Leben" einiges darüber aus, wie der deutsche Fußball auch im Ausland gesehen wird: "Wir kämpfen und geben alles", heißt es. Deutsche Teams sind bekannt für ihren Kampfgeist, gerade bei großen Turnieren. Schönen Fußball spielen sie selten, doch kämpfen sie bis zum Ende um den Sieg. "Bis dann ein Tor nach dem anderen fällt", geht die Zeile weiter. Gerd Müller, Jürgen Klinsmann sie stehen für die rätselhafte Fähigkeit der deutschen Mannschaft, auch aus keiner Chance gleich mehrere Tore zu machen. Wehmütig denken wir heute zurück.

Es folgten einige weitere, scheinbar hörenswerte Versuche der deutschen Fußballer, ins Mikro zu trällern. Die Lieder verkauften sich im Allgemeinen gut. Und fast immer schlossen sich ganz wie von selbst fußballerische Erfolge an. 1982 und 1986 reichte es jeweils fürs Finale, 1990 gab es sogar den dritten WM-Titel. Nur 1994 kam das Aus im Viertelfinale. Kein Wunder, waren Matthäus, Möller und die anderen sicher im Kopf mit dem Übersetzen des erstmals englisch eingesungenen Liedes "Far away in America" der Village People beschäftigt. Na ja, und da war auch noch die Sache von 1978. "Buenos dias, Argentina" sang die damalige deutsche Mannschaft mit dem Österreicher Udo Jürgens. Ein schlechtes Vorzeichen, flogen wir doch in der Zwischenrunde ausgerechnet gegen Österreich raus.

Das hatte sich Udo Jürgens aber auch raffiniert ausgedacht: Textete "Wenn die rote Sonne glüht, rauscht von ferne der La Plata" und "Und wenn du dann bei mir bist, wird die Zeit hier wie ein Traum sein, den man niemals mehr vergisst". Na klar, da müssen die Jungs ja schwach werden. Haben an nichts anderes mehr als an den Strand und die Sonne und an Tequilla und natürlich an die schönen Frauen gedacht.

1990 sang die deutsche Fußball-Nationalmannschaft
gemeinsam mit Udo Jürgens "Sempre Roma".
Quelle: http://www.paulschenke.de

"Sempre Roma": Mit Udo Jürgens zum Zweiten kehrt der Erfolg zurück
Die Wiedergutmachung folgte 1990 auf den Fuß. Erneut zeichnete sich Udo Jürgens verantwortlich für den offiziellen deutschen WM-Song. Diesmal sollte es erfolgreicher laufen. "Sempre Roma" für immer Rom. Nicht, dass das nun bedeutet, dass der Titel in Rom auf immer der letzte deutsche WM-Titel gewesen sein wird? Wir wollen uns solch schlimmen Gedanken nicht hingeben. Wir glauben statt dessen an das Gute in Udo Jürgens und an seine Absichten. Viel eher meinte er wohl, dass der Geist des Erfolges von Rom jede deutsche Mannschaft für immer begleiten wird "Sempre Roma, wie ein großes Wort für Leben" und immer mit Leben erfüllen wird.

Oder ist das nur Wunschdenken? Egal. Fakt ist, dass Jürgens immerhin mit einzelnen Vokabeln in seinem Lied auf den Pfad der Fußball-Tugend zurückgefunden hat. Nicht immer war in den Jahren zuvor aus den Liedern ein direkter Fußballbezug herauszulesen. Wenn er nun textet, "durch deine Tore schritten Verlierer und so mancher Held", dann meint er sicher das, was wir als "das Eckige", in das ja "das Runde" muss, kennen. Und Andreas Brehme, Schütze des Siegtores im Finale, ist der Held, der in das Tor und wieder raus lief. Udo Jürgens erdichtet ein paar Takte weiter "deine Mauern". Damit können ja wohl nur die Freistoßmauern gemeint sein, die verraten, wo sich eine Lücke zum Torschuss auftut.

Nicht immer waren die Hits so freizügig, was Tipps zum Gewinnen der Spiele betrifft. Wenn etwa 1982 Michael Schanze sein "Ole España" anstimmte, dann doch nur, um auf das "Lachen der señoritas" hinzuweisen. Im Finale gegen Italien war das jedoch wenig hilfreich. Und auch vier Jahre später gegen Argentinien reichte es nicht, dass Peter Alexander in "Mexico mi amor" vom "Schweigen der Sierra" sang. Das nämlich verwechselten unsere Jungs im Finale mit einer Siesta, die sie statt dessen einlegten.

Aber so ein Lied wäre, egal welcher Inhalt nun genau darin abgehandelt würde, nicht so ganz schlecht für ein erfolgreiches Abschneiden bei der Heim-WM. 1996 etwa schien das Team vom damaligen Trainer Berti Vogts ja richtig beflügelt vom Three-Lions-Hit "Football's coming home". Gemeint war England, wo schließlich der Ursprung des Fußballs liegt. Doch dachten Möller und Co. wohl, dass sie den Fußball und die Trophäe zu sich nach Hause bringen sollten, was einen gewissen Erfolgszwang nahe legte. Da hatten sie wohl etwas falsch verstanden. Was das Beispiel aber zeigt: Die deutschen Fußballer brauchen ein Lied, um erfolgreich sein zu können. Ob sie es unbedingt selbst singen müssen? Na ja, dann wäre zumindest der Anreiz da zu beweisen, dass sie besser Fußball spielen als singen können.

Mehr dazu:
Das Siegener Rock-Museum zeigt bis Ende Juli 2006 eine Ausstellung zur Fußball-WM

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Veröffentlicht am 11.06.2004; zuletzt geändert am 05.06.2006.
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