POLITIK
Glosse
LEO Schuld Herzblatt

 

Entscheidung mit Herz oder Verstand?

Herzblatt gesucht – Wahltheater auf die andere Art

 

Von Katja Schuld

Schönen guten Tag meine Damen und Herren, willkommen in unserer Show. Heute stellen wir Ihnen ganz besondere Kandidaten vor. Ich bitte die Kandidaten herein. Dumdumdideldum. Der Scheinwerfer braust herum. Die Tür öffnet sich. Dynamisch bewegen sie sich herein. So, ich bitte um die Wahlurne. Düüüd. Die Wahlurne ist aufgestellt. Wenn Sie sich bitte vorstellen würden:

Ich bin Angela, achte darauf, nicht dem freien Fall zu verfallen, denn ich habe erst spät das Laufen gelernt. Gibt es gerade nichts im Labor zu tun, dann bin ich Regierungssprecherin, Abgeordnete des Bundestages oder Bundesministerin für Frauen und Jugend. Ich arbeite zur Zeit als Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion und möchte gerne Kanzlerin werden. Die Gesellschaft ist für mich eine Versuchsanordnung, an deren Reaktionen ich mich erfreue.

Mein Name ist Gerhard und mit Rechenschiebern umzugehen und schauen dass die Kasse stimmt, so habe ich mir das Leben nicht vorgestellt. Da hämmere ich lieber an die Gitterstäbe des Kanzleramtes und will mir Eintritt verschaffen. Ich stehe meiner Partei schon lange bei und weiß noch nicht so genau, ob ich noch einmal hinter das Gatter möchte. Will ich mir doch das alles nicht mehr so intensiv antun, so dass meine Frau auch noch was von mir hat.

Ich bin Guido, habe mich für die Paragrafenreiterei ausbilden lassen und dafür jahrelang Gesetze studiert. Ich bin gerne in den deutschen Landen mit quietschgelben Mobilen unterwegs, krabble auch mal in einen Container, habe in frühen Jahren schon viel erreicht und muss mich langsam umschauen, dass ich nicht vor lauter Spaß den Anschluss zum Elferrat verliere.

Ich bin der Joschka, bei dem Laden bin ich schon eine Weile dabei. Früher habe ich noch bequeme Kleidung getragen und mit Steinen geworfen. Heute trage ich Anzüge, werfe mit Worten um mich und würde gerne weiterhin Reisen ins Ausland unternehmen. Ich hab schon oft die rote Karte gesehen und bin stolzer Träger des Titels „meiste Verwarnungen im Bundestag“.

Mein Name ist Gregor. Ich bin Rinderzüchter und Jurist. Ich habe schon zu Mauerzeiten kräftig mitgemischt, habe mich mit dem sozialistischen Rechtsverwirklichungsprozess beschäftigt und war auch schon Vorsitzender der PDS-Fraktion. Ich bastle gerne neue Parteien und schließe mich auch gerne mit anderen zusammen, wenn es darum geht, zu gewinnen.

Mein Name ist Oskar, ich bin wie die Angela Physiker. Ich bin so vielseitig, dass ich Bücher schreibe, Sprüche klopfen kann und dabei zum hundertsten Mal den Rücktritt vom Rücktritt erklären kann, ohne dass es den Leuten langweilig wird. Ich bin immer wieder für eine Partie gut. Ich hatte Rotlichtaffären, mein Herz schlägt links und ich trage den Titel „gefährlichster Mann Europas“.

Alle Kandidaten stehen auf Wähler, die ihnen ihre Stimme geben sollten. Alle werben um deren Aufmerksamkeit. Dabei kommt es nicht darauf an, einen Waschbrettbauch vorzuweisen, gut zu riechen und dabei cool und zierlich auszusehen. Nein, es kommt auf das Kreuz an und auf die richtige Wahl. Die Fragen können Sie sich nun selbst ausdenken, sich von den Medien beeinflussen lassen oder treffen Sie ihre Wahl etwa auf der Grundlage des TV-Duells? Jedem das Seine. Wir haben alles noch einmal für Sie zusammengefasst:

Entscheiden Sie sich für die Kandidatin eins, die einmal gerne durch den Bundestag und den Bundesrat durchregieren möchte, dabei fünfundvierzig Minuten auf dem Drei-Meter-Brett steht und bei der die schönen Dinge des Lebens wie Kartoffeln und Eintopf kochen nicht zu kurz kommen dürfen. Oder entscheiden Sie sich für den Kandidaten zwei, der Ostdeutsche nicht an Polen abtreten kann, dabei von Frauenpolitik und so Gedöns spricht, nicht kalkulierbar ist, aber in Berlin so ziemlich alle Currywurstbuden kennt. Oder entscheiden Sie sich für den Kandidaten drei, bei dem es kein Recht auf staatlich bezahlte Faulheit gibt, der sein Handtäschchen wie Margret Thatcher schwingt und dabei immer zu zweit auftritt, während die Trennschärfe fehlt. Oder für den Kandidaten vier, den es reizen würde auch auf europäischem Parkett mitzumischen, der andere als Arschlöcher beschimpft und dabei selbst in der Alkoholiker-Versammlung sitzt, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt, und erkannt hat, dass die Kabarettisten ihre Arbeit einstellen können, wenn der Wahlkampf so weitergeht, weil die Politiker sie gnadenlos überholen. Oder entscheiden Sie sich für den Kandidaten fünf, der die Frauen ums Kinderkriegen beneidet, knackiger war, bevor er Senator wurde, dem eine Affäre zum Verhängnis wurde, weil er so gerne flog und der in Autobiografien verkündet, dass es das alles noch lange nicht war. Oder für den Kandidaten sechs, der schon Anfang der Neunziger wusste, dass es nicht immer populär ist, die Wahrheit zu sagen, der der ewige Jung(spring)brunnen der Republik bleiben wird, der beim Mauerfall vor der nationalen Besoffenheit warnte, der den DAX innerhalb weniger Stunden stiegen ließ und richtig erkannte, dass bei der Tatsache, wenn die Mannschaft nicht mehr gut zusammenspiele man eine neue Mannschaftsaufstellung suchen muss.


Mit dem Herzblatt-Hubschrauber über neue blühende Landschaften

Nun, wir werden es sehen. Wenn dann alle Klagen abgewiesen sind und auch Dresden seine Stimme abgegeben hat, werden alle schlauer sein und alle Sonntagsfragen keinen Sinn mehr ergeben. Oder doch? Was passiert wenn die Wahlurne alias Trennwand verschwindet. Wird es ein böses Erwachen geben? Wird alles beim Alten bleiben und wird nur neuer Wein durch alte Schläuche fließen? Wer wird mit wem im Herzblatthubschrauber in die nächste Flitterregierungsperiode entfliehen?
Eins steht fest: es wird von neuem losgehen, das Theater um des Wählers Herzblatt. Und: Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert…

Veröffentlicht am 13.09.2005
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