Die Eindeutigkeit des Doppeldeutigen
Eine Metapher erregt die Gemüter im schweizerischen Wahlkampf
Von Benjamin Lummer
Bei den Schäfern werden sie zumeist aussortiert, in der Familie sind sie die auf-die-schiefe-Bahn geratenen Taugenichts und Mutter spricht von ihnen nur hinter vorgehaltener Hand: die Rede ist von den schwarzen Schafen.
Das sprachliche Bild des schwarzen Schafes entstammt der Tierzucht und beschreibt ganz banal ein wortwörtlich schwarzes Schaf. Aufgrund ihrer schlechten Färbeeigenschaften gilt schwarze Wolle unter Schafzüchtern als minderwertig, ein Hammel mit derartig gefärbtem Fell kann sich in einer Schafzucht folglich nur geringer Sympathien erfreuen und erfährt zumeist Verstoßung oder Aussortierung. Im übertragenem Sinne verwenden wir dieses Bild häufig für die Außenseiter einer bestimmten Gruppe, so zum Beispiel für den Onkel, der schon mal im Knast gesessen hat, oder den Neffen, der nicht mal einen Schulabschluss vorweisen kann.
So weit so gut. Brisanz gewinnt diese Metapher allerdings durch ihre (gewollte) Doppeldeutigkeit – so geschehen im schweizerischen Wahlkampf für den National- und Ständerat. Eine der größten Parteien der Eidgenossen, die Schweizerischen Volkspartei SVP, hat zu diesem Anlass ein Plakat für ihren Wahlkampf entworfen, das es sogar bis auf die Titelseite des „Independent“ brachte und eine Reaktion der UNO provozierte. Auf dem besagten Poster befördern einige weiße Schafe einen schwarzen Artgenossen per Fußtritt von ihrem Territorium, das sich anhand der Nationalflagge unzweideutig als den schweizerischen Nationalstaat identifizieren lässt. Von nun an waren sämtlichen Interpretationen Tür und Tor geöffnet. Anschuldigungen, das Plakat sei offen rassistisch und ziele bewusst auf die in der Schweiz lebenden Ausländer ab, entgegneten die Wahlkampfstrategen der SVP, man richte sich nur gegen kriminelle Immigranten. Dazu passt dann auch die Überschrift eines der Poster: „Volksinitiative für die Ausschaffung krimineller Ausländer“.

Steilvorlage für die NPD
Schwarz ist nicht gleich schwarz!
Die Originalität des Plakates liegt in dessen Doppeldeutigkeit begründet. Meint man es gut mit der SVP, erkennt man in deren Wahlkampf-Slogan, den Aufruf zur Ausweisung der „Mehmets“ unserer Gesellschaft, der sozialstaats-missbrauchenden und kriminell auffällig gewordenen Migranten. Ist man ein Gegner von Parteichef Blocher und dessen Gefolgsleuten, so lässt sich ihm ohne Weiteres Ausländerfeindlichkeit und extensive Abschiebepolitik gegen jeden Nicht-Schweizer unterstellen. Egal wie man es auslegt, dass die Schweizer Volkspartei am rechten Rand fischt, scheint unbestritten und deckt sich auch mit den sonstigen Äußerungen und Initiativen der Partei. Die neueste Erfindung von Blochers Mannen ist ein Internetspiel mit dem Namen „Zottel rettet die Schweiz“, indem ein weißer Bock die schweizerische Grenze gegen anrennende schwarze Schafe schützen muss. Das Spiel wie auch die Kampagne der SVP erfreut sich grenzenüberschreitender Beliebtheit – seit kurzem übernimmt sogar die rechtsextremistische und offen ausländerfeindliche NPD in Deutschland die Wahlkampfposter auf ihrer Homepage.
Die NPD dürfte die Plakate vor allem auch aufgrund einer weiteren Interpretationsmöglichkeit gutheißen: Bei genauerer Betrachtung lässt sich das Dargestellte als ein Affront gegen Zivilcourage verstehen. Während der weiße Bock seinen ungeliebten und nach Hilfe suchenden schwarzen Artgenossen einen Tritt verpasst, schauen die zwei nebenstehenden weißen Schafe regungslos und fast verängstigt zu. Der Wahlkampfslogan der SVP „Für mehr Sicherheit“ („Pour plus des sécurité") wirkt in Anbetracht dessen geradezu paradox.
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Unschuldige Lämmer? |
Für wen steht das Schwarze Schaf?
Auch wenn diese Bedeutung vielleicht nicht intendiert ist, spalten Blochers schwarze Schafe die Wählerschaft in der Alpenrepublik. Ist der Hammel nun ein Krimineller, ein sprichwörtlich schwarzes Schaf, oder ein gewöhnlicher Ausländer, ein „visuelles“ schwarzes Schaf? Die Frage lässt sich wohl in beide Richtungen beantworten. Eines fällt bei wiederholter Begutachtung des SVP-Plakates allerdings auf: Das schwarze Schaf unterscheidet sich von seinen weißen Eidgenossen ausschließlich in einer Eigenschaft – der Fell- respektive Hautfarbe!
Veröffentlicht
am 25.10.2007
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