Miss-Wahlen
Eine Laienspielschar
in schlechter Verfassung spielt absurdes Theater auf der Berliner Volksbühne
Von Michael
Klemm
Wer hätte das gedacht, dass Gerhard Schröder mal am Tor des
Kanzleramts rütteln und rufen würde „Ich will hier raus“? Aber ob
ihm das auch gelingt?
Deutschland im Sommer 2005 – ein Lehrstück aus Absurdistan. Parteien,
die sich im Wahlkampf befinden, ohne zu wissen, ob es überhaupt Wahlen
gibt. Ein Kanzler, der verzweifelt das Vertrauen verlieren will, um es kurz
darauf umso strahlender gewinnen zu können. Ein SPD-Chef, der einen CDU-Bundespräsidenten
vor seinen eigenen Stellvertretern in Schutz nehmen muss. Die ehrwürdige
Sozialdemokratie im freien Fall und dabei, Möllemanns „Projekt 18“ endlich
zu verwirklichen. Eine schwarz-gelbe Koalitionsaussage, bevor auch nur eine
Zeile Wahlprogramm geschrieben ist. Zwei linke Spitzenkandidaten, denen immer
noch die Partei fehlt. …
Der Plot hätte vielleicht das Zeug für einen Schwank im Sommerloch
mit dem Parlament als Volkstheaterbühne. Nur ist schon das Vorspiel auf
dem Theater, die „Chronik einer angekündigten Neuwahl“, kaum mehr zu
ertragen. Hatte der Bundesrat seinerzeit mit der Aufführung „Die Opposition
spielt Entrüstung“ furchtbare Verrisse kassiert, so verpatzt der Berliner
Tragödienstadl schon die Proben und sollte auf die Premiere des Dramas
mit dem sperrigen Titel „Unechte Vertrauensfrage nach Artikel 68 Grundgesetz
zur Erreichung von Neuwahlen“ lieber verzichten.
Ich hab’ da mal ne Vertrauensfrage
„Vertrauen ist der Anfang von allem“ lautet der Slogan einer ebenso umstrittenen
deutschen Großbank. Jetzt heißt es: Die Vertrauensfrage ist der
Anfang von allem, und wohl der Anfang vom Ende einer Regierung, die nicht
mehr regieren kann oder überhaupt will. Die Lage ist ja auch vertrackt:
Warum sollte man einen Politiker wählen, der freiwillig eine Abstimmung
verliert? Wie lässt man sich das Misstrauen aussprechen und überzeugt
gleichzeitig den Wähler von der erfolgreichen Arbeit einer Regierung,
die (zumindest offiziell) wiedergewählt werden will und der vom Volke
das Vertrauen ausgesprochen werden soll? Ziemlich unrealistisch, würden
die Theaterkritiker sagen.

Regisseur in Erklärungsnöten
oder tragischer Held?
Die Vertrauensfrage ist ja in Wahrheit ein Misstrauensantrag. Aber keiner
von den üblichen quertreibenden Nebendarstellern im Regierungsensemble,
wie etwa die notorisch stänkernde Partei-Linke oder die Handvoll verbliebenen
Grünen-Fundis, will sich nun auf der Parlamentsbühne in die Rolle
des Kanzlermörders drängen lassen und ihm das Vertrauen entziehen.
Musste der Kanzler früher die parlamentarische Unterstützung seiner
Fraktion geradezu erpressen, wie mit der echten Vertrauensfrage zum Afghanistan-Einsatz
der Bundeswehr im November 2001, so will nun auf einmal niemand offen gegen
ihn stimmen, wenn er ein paar Gegenstimmen bräuchte. Nicht einmal beim
Misstrauen kann Schröder seinen Leuten vertrauen. Wer viele Feinde und
das Vertrauen der Gefolgschaft verloren hat, bekommt eben noch lange keinen
Misstrauensantrag durch. Absurdes Theater.
„Ich habe verstanden“ titelte Schröder einst nach dem Wahldesaster in
Hessen. Nun aber versteht sein Publikum, das Wahlvolk, den Autor nicht mehr
und fragt sich, ob die juristisch fragwürdige Neuwahlankündigung
„Selbstmord aus Angst vor dem Tod“ war. Zumal die Neuwahlen eigentlich Altwahlen
sind, denn bei Ensemble wie Programm soll sich bei der Regierung nichts ändern.
Am liebsten würde der Kanzler ja ein neues Volk wählen, nun will
er wohl das alte, undankbar buhende Publikum zumindest loswerden und sich
heroisch einen Abgang in Würde sichern. Aber wie soll der Regisseur das
nur glaubhaft inszenieren?
Alles vorbereitet für den Heldentod?
Einen klassischen Selbstmord auf offener politischer Bühne scheut der
Kanzler mit Blick auf sein Bild in den Geschichtsbüchern, obwohl dies
der weitaus einfachste und schnellste Weg zu Neuwahlen wäre. Und so wird
nun beraten und getrickst, im Blätterwald eifrig spekuliert, werden hinter
den Kulissen verschiedenste Drehbücher durchgespielt: Beordert der Kanzler
sein ohnehin nicht sonderlich geliebtes Kabinett zwecks Enthaltung nach Hause,
ohne es freilich zu entlassen? Verknüpft der Kanzler die Vertrauensfrage
mit einer ohnehin in der Koalition umstrittenen Sachabstimmung? Strebt man
doch eine Änderung des Grundgesetzes an (das ja sowieso schon von den
Kanzlern der Republik nach wahltaktischem Kalkül strapaziert und gebogen
wurde), um dem Bundestag das Recht zur Selbstauflösung einzuräumen?
Oder erklärt der Kanzler doch noch den Rücktritt – nur wem? Wer
würde das nicht verstehen? Nein, wie das Stück denn nun heißen
und ablaufen soll, wird erst zur Premiere am 1. Juli verraten. Politik als
Stand-up-Tragedy.

Das aktuelle Ensemble
Montage: Michael Klemm
Vertrauen oder Misstrauen – das ist hier die Frage
Immerhin: Der Kanzler und seine Mannschaft tun momentan wirklich alles dafür,
damit ihnen das Vertrauen nicht nur auf der politischen Bühne entzogen
wird. Selten hat sich eine Partei so überzeugend selbst zerlegt und damit
jeden Zweifel zerstreut, dass eine Vertrauenskrise vorliegt. Grotesk, wenn
nach all diesem Theater der Kanzler sogar noch damit scheitern würde,
Misstrauen zu erheischen. Oder ausgerechnet ein CDU-Bundespräsident das
vorzeitige Ende von Rot-Grün verhindern müsste. Oder Oppositionsabgeordnete
aus Angst um ihren Arbeitsplatz heimlich für den Kanzler stimmen sollten.
Grotesk, aber was ist schon undenkbar im absurden Theater?
Das Vertrauen in die eigene Stärke haben der Medienkanzler und seine
Truppe offenbar jetzt schon verloren. Sieben Jahre Machtteilhabe und Kompromisssuche
haben an den Darstellern gezehrt, niemand will mehr die Hauptrolle spielen,
die Reformkraft wurde von den wirtschaftlichen Realitäten zermahlen,
jeder Ansatz stürzt nur noch mehr in die Depression. Und auch das öffentliche
Vertrauen ist aufgezehrt, alle Kritiker von links bis rechts fordern des Kanzlers
Rücktritt und die Absetzung des Spielplans. Jede Ansprache wirkt wie
eine Abschiedsrede einer Regierung auf Abruf. Koalitionsdämmerung. Die
Opposition entwirft bereits ungebremst ihr 100-Tage-Programm und verteilt
schon die Intendantenposten. So viel Ende war nie, der letzte Akt hat bereits
begonnen.
Gar kein Skandal mehr? Das Publikum droht einzuschlafen
Somit droht das langweiligste Wahlstück aller Zeiten. Ausgerechnet das
Thema, bei dem die Politiker in einer globalisierten und durchökonomisierten
Welt am wenigsten gestalten und verändern können, die Schaffung
von Arbeitsplätzen, schlägt alle anderen Debatten aus dem Feld.
Man stelle sich vor: Eine ostdeutsche, protestantische, kinderlose Frau nicht
nur an der Spitze der CDU, sondern vermutlich bald im Kanzleramt, ein bekennender
Homosexueller gibt womöglich demnächst den Vizekanzler. Und selbst
bei dieser Vorstellung, die noch zu Kohls Zeiten völlig undenkbar gewesen
wäre, reibt sich der Michel kaum mehr die Augen.
Eigentlich ein beachtlicher Fortschritt – und ein Verdienst der so arg zerrupften
Koalition. Ironie der Zeitläufte, dass ausgerechnet jene Partei, die
solchen Wandel maßgeblich herbeigeführt hat, nun von des Kanzlers
Vabanquespiel in der Existenz bedroht scheint. Die grünen Gesellschaftsreformen
fressen ihre Kinder. Joschka wird vom Außen- zum Draußenminister,
Trittin versteht seine Umwelt nicht mehr und wird jeder Energie beraubt, selbst
Künast scheint verbraucht und sucht nach Schutz. Die tragischen Helden
sind gefunden.
Von Europa lernen heißt verlieren lernen
Ende der europäischen
Lustspiele?
Quelle: www.bundesregierung.de
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Vielleicht könnte Schröder in seiner Mitleid-Crisis
von der Europäischen Union lernen, wie man Misserfolge erfolgreich
organisiert. Ein Gespenst geht um in Europa, und das heißt Volksabstimmung.
Beinahe täglich lernen wir die europäischen Spielarten des Nein
kennen, von Non über Nee zu No, bis es irgendwann
bei den europäischen Festspielen wohl endgültig Njet
heißt. Am Euro wird gerüttelt, über die Finanzen gestritten,
die Erweiterung torpediert. Derzeit sieht Europa noch älter aus,
als US-Verteidigungsminister Rumsfeld es jemals titulieren konnte. Vielleicht
sollte sich Europa (Eur-opa?) lieber einen neuen Namen geben statt
einer Verfassung? |
Wie Schröder glaubt auch die EU-Spitze, dass die eingeleiteten Reformen
den Weg zum Glück verheißen, nur will dies das dumme Publikum das
Brechtsche Lehrstück einfach nicht begreifen. Demokratie kann mächtig
wehtun. Europas Regierungschefs, gleich welcher Couleur, werden reihum ausgepfiffen,
abgewatscht oder abgewählt, stecken im kollektiven „Bierverschiss“, wie
dies der alte SPD-Recke Erhard Eppler drastisch formulierte. Die Folgen der
Globalisierung sind für jede nationale Regierung unkontrollierbar geworden,
jede Abstimmung, egal worüber, wird zum Denkzettel instrumentalisiert.
Das Publikum wendet dem Stück den Rücken zu. Kein Wunder, wenn Schröder
nicht mehr regieren und schauspielern mag.

Showdown der Hauptdarsteller:
Miss-Wahlen im September?
Quelle: www.ftd.de
Vorhang auf zur Misswahl
Und so werden die vermutlichen Neuwahlen im September wohl auch im anderen
Sinne zur Miss-Wahl. Alles spricht dafür, dass Angela Merkel die erste
Kanzlerin der Bundesrepublik wird. Aber ob sich die Frauenbewegung darüber
wirklich freuen kann? Die Serie der Miss-Wahlen dürfte auch unter Miss
Merkel weitergehen.
Veröffentlicht
am 14.06.2005
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