POLITIK
Glosse
LEO Klemm Körpersprache

 

Ton aus, Spott an

 

Von Michael Klemm

 

Endlich TV-Duell. Aber bitte nicht schon wieder die Parolen der Duellanten. Die habe ich schon hundertmal gehört und doch nie so recht verstanden. Nein: Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich Körpersprache sehen. Ton aus, das Nonverbale macht die Musik.

Gestik und Mimik verraten, wer überzeugt, wer gewinnt. Und das Aussehen. Seit 1960 wissen wir schließlich, dass nicht ein Argument, sondern der Bartschatten Wahlen entscheidet. Na, wie ist unser Kanzler denn heute rasiert? Hm, da hat Miss Merkel einen eindeutigen geschlechtsbedingten Vorteil. Die erste Kandidatin in einem TV-Duell garantiert ohne Bartschatten!

Schnieke sehen beide aus heute. Gerhard im schwarzen Tuch, die naturschwarzen Haare schön gegelt, ganz staatsmännisch. Fast wie auf der eigenen Beerdigung. Nicht so eine Spaß-Krawatte wie einst bei Guido. Passt schon. Auch Angie heute in gedeckten Farben, nicht in diesem frischen Apricot wie sonst. Und Respekt: Udo Walz hat ganze Arbeit geleistet. Sieht gar nicht so frustriert äh frisiert aus wie ne Ossi.


Die Kontrahenten

Die Kampfrichter

Los geht’s, erster Aufschlag Schröder. Entschlossene Miene, Brust raus, fester Stand. Wo nimmt der Kerl denn sein Selbstbewusstsein her? Verlierer sehen anders aus. Und erst diese stahlblauen Augen. Gestatten Schröder, Gerhard Schröder. Da ist man gleich gerührt, nicht geschüttelt. Unschlagbar. Der Mann, dem die Frauen vertrauen – außer vielleicht Angie.

Aber schau dir mal die Herausforderin an, Respekt. Wie sie sich dem Kanzler selbstbewusst zuwendet, wie scharf sie ihn anschaut, gleich beim ersten Redebeitrag. Mit einem Handkantenschlag, der jedes Argument zertrümmert. Und nun mit beiden Händen die Dinge feinsäuberlich sortieren, so ist recht. Der perfekte doppelte Händeeinsatz, Herz und Hirn vereint. Wenigstens sie glaubt, was sie sagt, so authentisch kommt das rüber. Fast könnte man vergessen, dass sie das stundenlang vor dem Spiegel trainiert hat.


Klare Argumentation ...

... und doppelter Handeinsatz

Na, wie reagiert der Titelverteidiger? Fester Stand, breite Brust, Arme gekreuzt, die Festung steht. Nehmerqualitäten zeigen, Kritik abperlen lassen. Nicht weggucken und wegducken. Den Blick des Gegners halten. Ernst gucken, nicht betroffen. Leichtes Stirnrunzeln, aber ganz gelassen. Und dann noch mit einer Prise Herablassung garniert. Souverän nennt man das wohl. Das kann er gut, der Gerhard, unser Staatsschauspieler.


Ganz schön kämpferisch, die Angie

Leichtes Stirnrunzeln kommt gut

Mensch Gerd, aber nicht nur mit der rechten Hand fuchteln. Die linke kommt von Herzen, steckt voller Emotion. Politik mit der ruhigen rechten Hand und der linken in der Tasche – das geht nun gar nicht. Medienkanzler setzen, sechs.

Moment, jetzt kommt’s: Die Hand liegt auf dem Herzen. Also doch: Schröder, der Gefühlsmensch. Und dann der Angriff: Zeigefinger auf der Brust. Ich hab’s erfunden. Nur keine falsche Bescheidenheit, es geht um alles.


Hand aufs Herz, Kanzler

Ich hab's erfunden

Und wie pariert Angie? Oh Gott, was ist das? Du schaust den Angreifer nicht an, die Mundwinkel fallen nach unten. Und jetzt schneidest Du gar eine Grimasse wie ein verschüchterter Teenager, der gerade einen Korb bekommen hat. Oh, oh, Rückfall in alte Zeiten. Wer hat dir denn das gezeigt? Contenance, meine Liebe. Und ganz wichtig: Lächeln. Bekanntlich die schönste Art, dem Gegner die Zähne zu zeigen. Aber nicht so verschüchtert, Angie.


Contenance - und Blickkontakt

So schaut man den Kontrahenten an

Gerhards Pfeil hat wohl gesessen. Stiller Triumph und Nachsicht mit dem Opfer. Und schon gibt Gerhard den Oberlehrer, mit dem belehrenden Finger oder weniger aggressiv mit der Zeigefinger-Daumen-Kombination. Vorsicht, das ging doch schon bei Hans-Jochen Vogel ins Auge. Aber das gönnerhafte Lächeln kommt gut. So ein bisschen Macho und Patron muss sein.


Nicht zu viel Oberlehrer

Gewonnen!

Ich habe genug gesehen. Meine Wahl steht fest: Ab jetzt bleibt der Ton aus im Wahlkampf.

Mehr dazu: Die Körpersprache-Analyse des TV Duells in der Zeit, bei SPIEGEL-Online und von einem angeblich unabhängigen Rhetorik-Institut. Alle mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen.

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Veröffentlicht am 13.09.2005
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