"Bis jetzt hat
sich Esperanto noch nicht weltweit durchgesetzt."
Ein Interview
mit Peter Kühnel, Mitglied im Deutschen Esperanto-Bund e.V., über
die Erfolgsaussichten einer universellen Plansprache
Der Traum von der Universalsprache
ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Zahlreiche Sprachforscher und Philosophen,
unter ihnen Größen wie zum Beispiel Leibniz, haben Versuche unternommen,
die eine Sprache für die gesamte Weltbevölkerung zu kreieren
bislang ohne Erfolg. Seit mehr als 100 Jahren existiert nun die Plansprache
Esperanto. Weltsprache oder Totgeburt? Für LEO ging Johanna Kellerbauer
der Frage nach und sprach mit dem Esperantisten Peter Kühnel.
LEO: Welche
Aufgabe haben Sie im Esperantoverein?
Kühnel: Einerseits bin ich Mitglied in der Berliner Esperantoliga,
das ist ein Landesverband des Deutschen Esperanto-Bundes e.V., außerdem
individuelles Mitglied im Esperanto-Weltbund. Dann bin ich vor allem Vorsitzender
eines kleinen Vereins, dem Esperantohaus-Michendorf e.V.. Das Haus wird für
gemeinnützige Zwecke genutzt, es finden dort Treffen, Feste und Ähnliches
statt.
LEO: Wann und
wie sind Sie auf Esperanto gestoßen?
Kühnel: Ja, das ist schon lange her, ich habe quasi als Baby schon
Esperanto gelernt. Meine Mutter sprach mit mir Deutsch und mein Vater Esperanto.
So bin ich einer von wenigen Esperantisten, die von klein auf Esperanto sprechen.
Später war ich aktiv in der Hamburger Esperantojugend tätig
wir haben z.B. auch unseren Mitschülern Esperantounterricht gegeben.
LEO:
Inwieweit ist Esperanto auf der Welt tatsächlich verbreitet?
Kühnel: Das kann man schwer sagen. Da sind einmal die Leute, die
in Verbänden organisiert sind, das sind heute etwa 100.000. Seit Esperanto
existiert, haben nach Schätzungen zwischen einer Million und zehn Millionen
die Sprache gelernt. Ich persönlich halte zehn Millionen für zu
hoch gegriffen. Meiner Meinung nach sind es wahrscheinlich eher zwei bis vier
Millionen. Gegenwärtig sprechen es vielleicht eine Million Menschen auf
der ganzen Welt.
LEO: Welche
aktuellen Projekte laufen, um die Leute auf Esperanto aufmerksam zu machen?
Kühnel: Der Deutsche Esperanto-Bund hat vor ein, zwei Jahren die
Agenda 2000 beschlossen, das ist eine interne Strategie für die geplanten
Aktivitäten, für Mitglieder, Ortsgruppen und Landesverbände.
Eine wichtige Aktivität ist die Zusammenarbeit mit Bundestagsabgeordneten
bzw. Europaabgeordneten. Da gibt es eine Gruppe, die Esperanto befürwortet,
die sich dafür einsetzt dass es in den verschiedenen Schulen in Europa
unterrichtet wird. Beim Größerwerden der Europäischen Union
wird das Sprachenproblem immer wichtiger. Allein die Kosten für Dolmetscher
betragen einige hundert Millionen im Jahr, die könnten dadurch verringert
werden.
LEO:
Da kommen sie gleich zu meiner nächsten Frage nach den Vorteilen von
Esperanto gegenüber anderen Weltsprachen wie Englisch ja
inoffiziell schon eine ist. Welche Vorteile gibt es denn im Wesentlichen noch?
Kühnel: Ein ganz großer Vorteil ist, dass sie relativ schnell
erlernt werden kann, erheblich schneller als andere Sprachen. Des Weiteren
können auch Leute, die einen nicht so hohen Bildungsgrad haben, also
nicht schon mehrere Fremdsprachen gelernt haben, leicht Esperanto lernen und
zwar so gut, dass sie sich schnell verständigen können. Außerdem
begünstigt es die internationalen Verflechtungen, die ja immer intensiver
werden, da man viele Kontakte auf aller Welt sammelt und sich mit den Menschen
dort dann auch unmittelbar gut verständigen kann, ohne auf eine Drittsprache
wie Englisch zurückgreifen zu müssen.
LEO: Wie sieht
die Jugend- und Kulturarbeit konkret aus?
Kühnel: Nun, ich habe nicht mehr so einen engen Kontakt zur Esperantojugend,
aber ich weiß, dass es sehr viele Musikgruppen gibt, die Texte in Esperanto
singen. Einige davon sind auch anlässlich des Esperanto-Weltkongresses,
der 1999 in Berlin stattfand, aufgetreten. Es gibt Theatergruppen in vielen
Ländern, auch in Deutschland, die vor allem aus Studenten bestehen. Die
Esperantojugend organisiert Fahrten, Arbeitsgruppen, Konzerte und Ähnliches.
Viele literarische Werke sind inzwischen in Esperanto erschienen, wie zum
Beispiel die "Dreigroschenoper" von Brecht oder auch Goethes "Faust".
LEO:
Weshalb hat sich Ihrer Meinung nach die Vision von Esperanto als Weltsprache
bisher nicht durchsetzen können?
Kühnel: Ja, das ist richtig, bis jetzt hat Esperanto sich noch
nicht weltweit durchgesetzt insofern, dass es nicht jeder lernt, das ist klar.
Ursachen dafür sind zum großen Teil nationale oder nationalistische
Gründe. Jede Sprache ist ja ein ganz wichtiges Transportmittel für
die eigene Kultur, für die eigenen Ansichten eines Landes
eines Volkes aber auch für Ideen und wirtschaftlichen Einfluss.
Die Staaten geben ja sehr viel Geld aus, damit ihre Sprache im Ausland unterrichtet
wird zum Beispiel das Goethe-Institut.
LEO: Sie sehen
also an Nationalstolz den bedeutendsten Hemmfaktor?
Kühnel: Ja, nicht nur Stolz, das sind auch harte wirtschaftliche
Fakten. Es ist ja für eine Volkswirtschaft wichtig, dass sie ihre eigenen
Produkte exportiert. Afrikaner zum Beispiel, die länger in Deutschland
waren und dann in ihre Heimatländer zurückgehen, kennen einerseits
deutsche Firmen und sprechen außerdem die deutsche Sprache. Sie werden
dann wahrscheinlich kaum in Frankreich Waren bestellen, sondern eher in Deutschland.
Dann gibt es noch verschiedene Vorurteile gegen Esperanto als Plansprache,
da sie nicht natürlich gewachsen sei. Dabei ist es ja eigentlich ein
Vorteil, dass es keine Nationalsprache ist, sie gehört niemandem, sie
wurde geschaffen mit wenigen Unregelmäßigkeiten, um leicht erlernbar
zu sein, sie hat sich in den ca. 110 Jahren, in denen sie existiert als einziges
von über 100 Sprachprojekten auf längere Sicht bewährt und
wird tatsächlich benutzt, gesprochen und geschrieben. Selbst in internationalen
Wirtschaftsgremien bei Tagungen wird sie benutzt. Das alles zeigt, dass Esperanto
sich bewährt hat.
LEO:
Womit wir wieder bei den Vorteilen wären, aber lassen Sie uns noch einmal
auf die Vorurteile zurückkommen. Wie wird Aufklärung betrieben um
diese abzubauen?
Kühnel: In erster Linie durch Öffentlichkeitsarbeit
Broschüren und Informationen oder auch durch internationale Veranstaltungen,
z.B. Seminare für Sprachwissenschaftler, dort werden Fakten weitergegeben
und auf wissenschaftlicher Ebene von namhaften Professoren diskutiert, die
nur zum Teil Esperantisten sind und dort dann die Probleme diskutieren.
LEO:
Meinen Sie denn nun, dass es wirklich möglich ist, dass irgendwann in
naher Zukunft Esperanto weltweit gesprochen wird?
Kühnel: Ja, das kann ich mir durchaus vorstellen, denn es ist
eine sehr praktische, sinnvolle und ökonomische Sache. Es hätte
außerdem den Vorteil, dass auch die Sprachen der kleinen Nationalitäten
erhalten blieben und nicht verdrängt würden, wie es ja jetzt durch
große einflussreiche Sprachen geschieht. Es wird aber sicher noch etliche
Jahrzehnte dauern bis Esperanto anerkannt wird als internationales Verständigungsmittel,
als Zweitsprache.
LEO:
Sie sagen als Zweitsprache, also als Erstsprache ist es für Sie nicht
unbedingt vorstellbar?
Kühnel: Das wäre eine Möglichkeit, die ich nicht für
wahrscheinlich halte, aber wer weiß, was in 200 Jahren sein wird. Es
ist ja alles im Fluss, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass vielleicht
in 30 oder 40 Jahren von verschiedenen Staaten beschlossen wird, Esperanto
an den Schulen zu unterrichten, um es als internationales Verständigungsmittel
zu benutzen. Beim Euro hat es ja auch Jahrzehnte gedauert von der Idee bis
zur Durchsetzung, und mit der Sprache kann das genauso sein, warum nicht?
LEO: Herr Kühnel,
wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Veröffentlicht im Jahre 2000
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