MEDIEN
Kritik
LEO Tzschucke Kaffeekochen für Millionen

 

Liebestolle Viren und mehr

Mathias Mertens Geschichte des Internet aus inhaltlicher Perspektive

Von Volker Tzschucke

Gibt es einen bewegenderen Moment als den, in dem Dir jemand seine Liebe gesteht? Millionen von Internetnutzern hofften im Mai 2000 auf solch einen bewegenden Moment und öffneten die vorgebliche Textdatei mit dem Namen „I love you“, die ihnen offenbar von Freunden oder Kollegen via E-Mail zugesandt worden war – und die sich als ziemlich fieses Virus entpuppte.


Wie aus einer Kaffeemaschine ein Ereignis wird...
Auf Ereignisse wie dieses blickt Mathias Mertens, Doktor phil., Literatur- und Medienwissenschaftler in seiner Internet-Historie „Kaffeekochen für Millionen“ zurück. Er nimmt den Börsengang von Netscape ins Visier, die Netzkampagne rund um das Blair Witch Project, die Musiktauschplattform Napster, die E-Bay-Versteigerung des Papst-Golf

Eine Geschichte des Internet will Mertens auf diese Weise erzählen, wie sie noch nicht da gewesen ist. Und tatsächlich erkennt man einen vergleichsweise neuen Zugang: Genauso wenig, wie man eine Literaturgeschichte nur über die Fortschritte des Buchdrucks schreiben könne, genauso wenig lasse sich eine Internethistorie nur als Technikgeschichte erstellen. Deswegen findet man in Mertens Buch zwar immer wieder auch Fachbegriffliches – Download, Server, Blog; vor allem aber findet man das damit einhergehende Inhaltliche, das Doom-Spiel zum Herunterladen eben oder den Bagdad-Blogger. Denn eine Technik ist eben nichts ohne die Inhalte, die sie transportiert.

In die reale Welt...
Ereignisse zitiert Mertens, die für ihn etwas Gemeinsames haben: Sie sorgten dafür, dass das Internet Eingang in die klassischen Medien fand, in Fernsehen und Zeitungen. Die virtuellen Ereignisse wirkten in die reale Welt, wurden aufgrund purer Masse an Userbeteiligung relevant für das echte Leben. „Gegenstände des Buches sind also doppelte Medienereignisse“, so Mertens in der Einleitung. „Zum einen ist es das jeweilige Geschehen selbst, das durch das Internet dargestellt wurde, zum anderen das Internet selbst, das sich mittels dieser Ereignisse selbst ereignen konnte.“ Dies habe gleichzeitig dafür gesorgt, dass noch mehr Menschen ins weltweite Netz strebten, um sich selbst einmal umzuschauen, was da los ist.

Den ersten Teil dieser doppelten These belegt Mertens eindrucksvoll: Er macht anhand der von ihm gewählten Netzereignisse – auch mit Hilfe von jeder Menge Medienzitaten – deutlich, wie sich klassische Medien die Ereigniswelt des Internet erschlossen haben, wie sie sie sich schrittweise selbst verständlich machten als eine Welt von Nerds zuerst, als ein Massenmedium später. Und wie sie mit der Bedrohung umgehen, die das Internet für ihren eigenen Status als Medienlieferant bedeutet – durch ausgewählte Berichterstattung, durch Wichtung, nicht zuletzt durch gezielte Umarmung und Vereinnahmung der Netzereignisse: Belegbar wird dies gleich am ersten Beispiel, an der titelgebenden Trojan Room Coffee Machine, die nach dem Ablauf ihres Mindesthaltbarkeitsdatums SpiegelOnline für sich ersteigerte und ins Büro stellte.

...und wieder zurück?
Teil zwei der Doppelthese jedoch kann Mertens nicht wirklich begründen, nämlich dass der Siegeszug des Internet auch mithilfe solcherart Ereignisse vonstatten ging. Dass mehr und mehr Menschen ins Netz strömten, um so etwas mitzuerleben. Es ist das klassische Henne-Ei-Problem: War erst der Netzhype und dann die klassischen Medien? Oder war erst ein kleines Ereignis, aus dem vor allem die klassischen Medien ein großes machten? Und vor allem: Sorgte die Berichterstattung der klassischen Medien tatsächlich für ein Wachsen der Userzahlen allgemein? Zahlen über Internetanmeldungen, die mit den von Mertens ausgewählten Ereignissen irgendwie korrelieren, wären hier sinnvoll, jedoch: Mertens ist eben doch eher Geisteswissenschaftler, kein Statistiker.

Dennoch ist sein Buch mehr als lesenswert: Wer ein Internetereignis verpasst hat, kann hier noch einmal nachlesen. Oder sich alles in Erinnerung rufen, teilweise minutiös. Aktuelleres wie die Internetpetition gegen das neue Kinderschokoladen-Gesicht "weg-mit-kevin", die Suche nach den Videos der erotisierten Tammy oder die Blogkette zum „besten Blondinenwitz aller Zeiten“ fehlen naturgemäß, aber was gegenwärtig als historisch gelten kann, ist vertreten. Und so erfährt man so einiges über die Gewebestruktur des Netzes und darüber, wie Menschen im Netz und ums Netz herum ticken.

Wer freilich glaubt, Mertens stelle damit auch ein Kompendium zur Kreation eigener Hypes zur Verfügung, der hat nicht aufmerksam genug gelesen: Bereits im Eingangskapitel stellt er fest, dass es sich bei den von ihm beschriebenen Netzereignissen um so genannte Camp-Ereignisse gehandelt habe, Ereignisse, die mit „einer unbezähmbaren, unkontrollierten“ Leidenschaft geschaffen wurden, an denen – der Zufall will es oder will es nicht – ausreichend Menschen teilhaben wollen. Es gilt, sich entdecken zu lassen. Wer alles darauf anlegt, entdeckt zu werden, hat hingegen eher schlechte Karten.

Mathias Mertens: Kaffeekochen für Millionen. Die spektakulärsten Ereignisse im World Wide Web. Campus Verlag Frankfurt 2006. ISBN 3-593-38025-0.182 Seiten. 19,90 Euro


Mehr zum Thema im www: www.mathias-mertens.de

Veröffentlicht am 19.12.2006
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