MEDIEN
Interview
LEO Rusch Internetdemokratie


Radikalisierung oder Demokratisierung via Internet?

Das Netz als Forum extremistischer Positionen


Im öffentlichen Diskurs sind viele radikale Positionen, etwa zur deutschen Vergangenheitsbewältigung, tabuisiert. Das Internet bietet da vermeintlich ein Forum zur unzensierten Meinungskundgabe, aber auch zur basisdemokratischen Diskussion zwischen den Gruppen.

Zwischen Schreckbild und Wunschbild – Michaela Rusch befragte für LEO Stefan Meier, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Medienkommunikation an der TU Chemnitz, der in seiner Dissertation mit dem Arbeitstitel "Die Online-Kommunikation über die Wehrmachtsausstellung" politisch extreme Diskurse im Internet untersucht.

Stefan Meier

LEO: Die viel proklamierte Offenheit des Internets bildet den idealen Schutzmantel für Extremisten, das Netz leidet unter seinem schlechten Ruf als Sammelbecken extrem gelagerter Sites aller Art. Was haben Sie über Extremisten und ihre Kommunikation im Internet herausgefunden?
Meier: Also ich würde die Eingangsfeststellung etwas relativieren, denn es gibt ja gerade in der letzten Zeit eine Verordnung, dass Server, die in Deutschland ansässig sind, rechtsradikale Inhalte sperren lassen sollen. Das hat noch keine gesetzliche Grundlage, aber das Internet ist für Rechtsextremisten nicht mehr ganz so offen. Fast alle in Deutschland ansässigen Provider sind darauf eingegangen. Aber das Internet ist ein globales Netz. Homepages, die von ausländischen Providern betrieben werden, sind von dieser Maßgabe ausgeschlossen. Holland, Skandinavien und die USA haben daher noch recht viele rechtsradikale Homepages im Netz.

Tummeln können sie sich da aber auch nur bedingt. Die einzelnen Angebote sind oft in verklausuliertem Wortschatz formuliert, wie es in rechtspopulistischen Texten oft der Fall ist. Man arbeitet mit Anspielungen, die in die eine oder andere Richtung interpretierbar sind.

LEO: Wird da der verfassungswidrige Zustand durch Umformulieren umgangen?
Meier: Ja, und das Angebot auf eine ganz bestimmte Adressatengruppe zugeschnitten, die diese Anspielungen nur mit Spezialwissen entschlüsseln, sprich konkrete Botschaften herauslesen können.

LEO: Kann man da auch von einer Art Codierung sprechen?
Meier: Wenn man das soziolinguistisch auffasst, kann man das durchaus so sehen, dass man einen bestimmten Jargon pflegt, speziell in den allgemein zugänglichen Angeboten. Es gibt natürlich auch viele Angebote, die über ein Passwort geschützt sind, wo auch ich keinen Zugriff habe. Ich habe mich da noch nicht als "Rechtsradikaler" eingeloggt.

LEO: Der rechtliche Hintergrund ist in Bezug auf die Publizierung rechter und linker Seiten im Netz nicht ganz eindeutig. Haben die Seiten einen augenscheinlich verfassungsfeindlichen Hintergrund, so setzt man sie auf einen amerikanischen oder skandinavischen Provider, außerhalb des Zugriffs der deutschen Behörden. Inwieweit kann man überhaupt rechtstaatlich eingreifen bzw. irgendeine Reglementierung einbauen?
Meier: Ich bin skeptisch, ob man das sollte, denn das Internet funktioniert nun mal anders. Die Logik des Webs beruht eben gerade auf inhaltlicher Offenheit und allgemeine Zugänglichkeit. Natürlich ergeben sich da Probleme, aber die Stärke des Internets liegt darin, keiner Informationsfilterung unterworfen zu sein, wie sie in den klassischen Massenmedien schon durch Redaktionen existiert. Das Internet sollte zensurfrei bleiben. Das hat natürlich auch Grenzen, allerdings plädiere ich für einen liberaleren Umgang mit dem Netz. Die Amerikaner haben da auch eine erheblich freiere Auffassung als die deutschen Behörden.

LEO: Die sehen die Reglementierung bis hin zur Zensur der Inhalte als Eingriff in die Bürgerechte.
Meier: Genau. Das ist auch mit der amerikanischen Tradition verbunden, die diese Art von Meinungsfreiheit über das Persönlichkeitsrecht stellt. Die Internetlogik kommt nun mal aus dem angloamerikanischen Bereich, da ist es problematisch, wenn die Deutschen ihre Art des rigideren Vorgehens durchsetzen. Damit wäre dann die globale Funktion des Internets eingeschränkt. In China, wo das Internet gerade als Mittel der Gegenöffentlichkeit genutzt wird, zeigen sich die Vorteile des ungefilterten Informationsangebots. Das ärgert die offizielle chinesische Politik natürlich. Sie will darum das chinesische Internet gänzlich vom globalen Netz abschneiden.

LEO: Sorgt die Liberalität im Internet dafür, dass solche Diskurse im Netz stattfinden und vielleicht auf der Straße eher zurücktreten?
Meier: Nein, das hat die Empirie, soweit ich es bisher sagen kann, gezeigt: Das Internet bleibt ein eher unterstützendes Medium. Natürlich hat es das Potenzial, Diskussionen aus Gruppen in die Öffentlichkeit zu tragen, aber der Anstoß kommt aus dem Offlinebereich. Eine Themenlancierung aus dem Netz bleibt durch die dezentrale Struktur des Internet schwierig.

Wenn man im von mir analysierten Diskurszusammenhang um die Wehrmachtsausstellung in die Foren schaut, so sind die verhandelten Unterthemen immer noch offline motiviert. Sie werden vielleicht anders verhandelt bzw. diskutiert, auch polemischer, auch in noch kleinere Subthemen differenziert. Das Internet kann aber die Diskussion lediglich unterstützten, zumindest nach meinen bisherigen Beobachtungen.


Verbrechen der Wehrmacht -
ein umstrittenes Thema

Quelle: www.verbrechen-der-wehrmacht.de

LEO: Führen die Offline-Diskurse zu Gruppenbildungen im Netz und vielleicht gar zur Diskussion zwischen rivalisierenden Gruppen?
Meier: Ich würde nicht unbedingt von Gruppen sprechen. Je mehr ich mich damit beschäftige, umso mehr gewinne ich den Eindruck, dass die Existenz von festen Onlinegruppen auch ein bisschen mit dem Wunschdenken von Forschenden zu tun hat. Natürlich gibt es Gemeinschaft stiftende Elemente innerhalb eines Diskussionsforums. Es treffen sich auch meist die selben Leute, nur inwieweit dies wirklich Gruppenidentität zu nennen ist, ist für mich fraglich. Man trifft eher auf eine Homepage, die ein bestimmtes Thema hat, eine Richtung verfolgt, und erhofft sich, Gesinnungsgenossen über diese Homepage zu finden. Aber die Gemeinschaft ist dermaßen flüchtig, dass ich Probleme habe, von Online-Gemeinschaften zu sprechen. Auch für solche kleinen Gruppen, wie es rechtradikale oft sind.

LEO: Der öffentliche Diskurs über die Wehrmachtsaustellung ist ja auch nicht unproblematisch gewesen. Das Internet bietet da prinzipiell ja differenziertere Möglichkeiten, gerade wegen des in der Öffentlichkeit tabubehafteten Umgangs mit geschichtlichen Ereignissen. Wie stellt sich in diesen Netzpublikationen die geschichtliche Auseinandersetzung dar?
Meier: Diese geschichtliche Auseinandersetzung ist im Netz sehr rege. Aber auch dort ist sie inhaltlich sehr angelehnt an das, was auch über Offline-Medien publiziert wird. Zum Beispiel wird viel darüber diskutiert, ob die 1999 mit einer völlig überarbeiteten Konzeption neu eröffnete Ausstellung besser ist als die ursprüngliche, und wenn ja, inwiefern sie besser ist.

Es entwickelt sich innerhalb der Diskussion aber auch eine Eigendynamik, die eigene Unterthemen generiert. Beispielsweise spricht jemand über seine persönlichen Erfahrungen. Er hatte miterlebt, dass Rot-Armisten seine Mutter vergewaltigt haben. Das hat er im Google-Forum zur Diskussion gestellt. Das führte zu einem Gesprächsstrang, der generell von Vergewaltigungen im Krieg handelte. So etwas hat erst einmal nichts mit der Ausstellung zu tun. Insofern kann man durchaus eine eigene Art von geschichtlicher Auseinandersetzung durch die Online-Kommunikation feststellen. Da gibt es beispielsweise das Portal "Nachrichtendienst für Historiker", was sich selbst auch als fachwissenschaftliches Portal versteht. Dort wird in den Foren um die Wehrmachtsaustellung sehr darauf geachtet, wissenschaftlich zu argumentieren, mit Quellen und Belegen Argumentationen zu stützen. In offeneren Foren hingegen wird frei und assoziativ zur Wehrmachtsaustellung geschrieben. Diese verschiedenen Onlineangebote zeigen verschiedene Stile in der Auseinandersetzung.


Rechts gegen Links:
Demonstrationen online und offline
Quelle: www.wno.org
Dies liegt vor allem an der politischen Ausrichtung des Portals: ein rechtsextremes Portal äußert natürlich einseitig national-konservative bis rechtsextreme Positionen. In einem Expertenforum oder offenen Forum treffen hingegen ganz unterschiedliche Positionen aufeinander. Die Stile gleichen sich jedoch in der Kommunikation an.

LEO: Wenn es bei den Google-Newsgroups ein Spektrum von linksextremeren Positionen aus dem Antifabereich bis hin zu rechtsextremen Meinungen gibt: Kommt es da annäherungsweise zu einer Verständigung zwischen den Gruppen?
Meier: Nein, da kommt es, wie ja oft in Newsgroups, eher zu gegenseitigen Beschimpfungen. Das einzige Positive, was man dem Internet anrechnen kann, ist, dass sie sich auf der Straße sonst kein Wort gönnen würden.

LEO: Also sie nutzen immerhin die kommunikative Ebene?
Meier: Ja, aber das sollte man nicht überbewerten. Ich spreche eher von Kommunikationsinseln, die sich im Internet befinden. Man trifft sich, man weiß, dass man eine Art von gleichem Kommunikationsstil pflegt, und darüber tauscht man sich aus.

LEO: Damit wäre dann die darauf folgende Frage schon fast beantwortet: Geht es in den Foren um eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Ausstellung oder eher um gesinnungs- oder parteipolitische Solidarisierung? Anders gefragt: Gibt es auch kontroverse Diskussion in der Gruppe?
Meier: Ja, auf rechter Seite auf jeden Fall. Man feindet sich nicht gegenseitig an, diskutiert aber durchaus kontrovers in der rechten Art der Geschichtsinterpretation. Auch wird eine Art Anspruch entwickelt, dass man Belege suchen muss und irgendwie rational argumentieren sollte. Die Belege stammen natürlich auch von rechten Autoren, aber auch diese Diskursethik wird gepflegt und in einer Art Minikontroverse ausgehandelt.

Offline-Kontroversen anlässlich der Wehrmachtsausstellung
Quelle: www.arbeiterfotografie.com

Es besteht in der Debatte auch eine wahnsinnig große Themenvielfalt. Ich dachte zum Beispiel, dass eine Diskursphase eigentlich überwunden sei: Die Kontroverse zwischen den etablierten Parteien. Zur Zeit der Wanderung der ersten Ausstellung war das noch anders. Bei der neuen meinte ich bisher, es habe sich der Konsens entwickelt, dass die überarbeitete auch nach Meinung konservativer Parteien und Politiker in Ordnung sei. Und dann betitelte die FDP in Neumünster auf ihrer Homepage die Ausstellung als sinnlose Geldausgeberei, in einer Polemik, wie sie eigentlich der alten Ausstellungsversion von konservativer Seite permanent widerfahren ist.

LEO: Ist das Internet ein geeigneteres Protestmedium im Falle der Wehrmachtsaustellung als zum Beispiel die Zeitung oder das Fernsehen? Waren die Äußerungen im Internet heftiger?
Meier: Das würde ich mit ja beantworten. Nicht, weil es im Offline-Bereich keine Proteste gäbe, die entstehen überall, wo die Ausstellung gezeigt wird. Im Fernsehen und im Print berichtet man allerdings mehr über die Proteste bzw. die Gegendemonstrationen, aber nicht über die Inhalte, die von rechter Seite oder linker Seite innerhalb des Diskurses verhandelt werden.
Das ist im Internet natürlich anders. Hier können die einzelnen Gruppierungen, die offline bestehen, publizistisch tätig werden. Ganz wichtig ist auch die Koordinierung von Offline-Demonstrationen, man trifft Verabredungen und macht Treffpunkte aus, organisiert Fahrten. Gerade im rechten Bereich ist das ein sehr engagiertes Feld.


Das Logo der Internetseite "Crawal"

Ob der rechte Diskurs im Internet überregional wahrgenommen wird, wage ich wiederum zu bezweifeln. Man bleibt auf seinen Homepages, auf seinen Kommunikationsinseln. Die Homepages werden meist nur durch die Betreiber selbst oder angesprochene Diskursbeteiligte wahrgenommen, und ansonsten nur durch intensive Recherche. Zugänglichkeit bedeutet nicht gleichzeitig, dass etwas öffentlich rezipiert wird. Das ist auch der entscheidende Unterschied zur Kommunikation in den klassischen Massenmedien. Die Öffentlichkeit wird von der Onlinekommunikation eher erreicht, wenn Journalisten der klassischen Massenmedien Online-Inhalte in die Offline-Medien tragen, was natürlich bereits häufig geschieht.

LEO: Die Präsentation verschiedenster Gruppen im Internet schafft Vielfalt. Diese Netzauftritte wirken so, als gäben sie ein reales Abbild der Gesellschaft wieder, in der wir leben. Im Internet findet man ja fast alles – von religiösen' Außenseitern bis hin zu sozialen Minderheiten. Man könnte meinen, dass diese Internetauftritte Toleranz in der Gesellschaft schaffen. Aber wie öffentlich ist das Netz? Hat die Öffentlichkeit überhaupt Zutrittserlaubnis'?
Meier: Das ist eine Gretchen-Frage. Mit dem Internet muss der Begriff der Öffentlichkeit noch mal völlig neu durchdacht werden. Im Internet kann man eigentlich nur von Öffentlichkeiten sprechen, vielen kleinen Inselchen, die natürlich öffentlich zugänglich sind. Letzteres ist das einzige, was das Netz zu einem öffentlichen Medium macht.

Ob das Internet jetzt allerdings das ideale Medium ist, einen im Sinne von Habermas herrschaftsfreien gesellschaftlichen Diskurs zu führen, das ist wie gesagt zweifelhaft. Ich glaube, dass es zurzeit schwierig ist, Prognosen abzugeben, da wir gerade in einer völligen Umbruchphase sind. Die Entwicklung wird meines Erachtens eher dahin gehen, dass sich klassische Massenmedien und das Internet ergänzen werden. Das, was in den klassischen Massenmedien und damit in einer breiteren Öffentlichkeit verhandelt wird, wird mit Hintergrundinformationen aus dem Internet ergänzt. Der gesellschaftliche Diskurs spielt sich aber weiterhin in den klassischen Massenmedien ab. Und im Internet bleibt diese Inselkommunikation weiterhin bestehen. Man kann das aber kaum eine öffentliche Debatte nennen.

Eine andere Komponente, die in der Literatur bisher nur vereinzelt berücksichtigt wurde, ist die Masse an Informationen, die aus dem Online-Bereich über die Journalisten in die klassischen Massenmedien einfließt. Dass man als Journalist, wenn man Hintergrundinformationen haben will, diese auf den entsprechenden Fach-Homepages finden kann, ist ein unheimlicher Mehrwert. Das ist leichter als permanent anzurufen. Also kommt sehr viel als Input aus dem Online-Bereich, ohne dass man es explizit wahrnehmen kann, im Offline-Bereich an.

LEO: Herr Meier, vielen Dank für dieses Gespräch.

Informationen zur Interviewerin: Michaela Rusch studiert Germanistik an der TU Chemnitz.

Veröffentlicht am 25.05.2004
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