MEDIEN
Bericht
LEO Pollmer Perrin-Vortrag

 

Vom rastlosen Ringen mit dem Wort

Kann man Journalisten trainieren? Schreibcoach Daniel Perrin gab in seinem Vortrag eine Antwort aus medienlinguistischer Perspektive


Von Caroline Pollmer


Für vergnügliche zwei Minuten gewährte Daniel Perrin Einblicke in das Gehirn eines Journalisten. Mit nur einem Mausklick offenbarte er den täglichen Kampf eines Zeitungsredakteurs um die Überschrift – in einer Videopräsentation vor den Augen von rund 80 Zuhörern. Erst der zwölfte Anlauf sollte schließlich der endgültige sein. Schon der journalistische Lehrmeister Wolf Schneider lamentierte Anfang der neunziger Jahre, nirgends sonst drängten sich so viele Probleme in so wenigen Wörtern zusammen wie bei der Überschrift.

12 Anläufe zur Überschrift:
Das Progressionsvideo

Schreibcoach Perrin zeichnete den Prozess von der vagen Idee eines Redakteurs des Schweizer „Tages-Anzeigers“ bis hin zum fertigen Titel nach. Möglich machte dies ein Programm, das mit Einwilligung des Redakteurs im Hintergrund überall dort Markierungen setzte, wo er seinen Schreibfluss unterbrach, um etwas zu löschen oder einzufügen. „Dazwischen liegt ein Ringen mit Schreibaufgabe und Schreibgerät, mit Quellentexten und überholten Textfassungen, mit eigenen Ansprüchen und den vermuteten oder manifesten Erwartungen anderer“, kommentierte Daniel Perrin in seinem Vortrag über Schreibcoaching aus medienlinguistischer Perspektive.


Prof. Dr. Daniel Perrin
Foto: F.Th.
Der Professor für Medienlinguistik an der Zürcher Hochschule Winterthur und Leiter der Forschungsstelle Berufliches Schreiben an der Universität Bern war am 27. Januar 2005 der Einladung des Chemnitzer Zweigs der Gesellschaft für deutsche Sprache sowie der Technischen Universität Chemnitz in die Stadtbibliothek gefolgt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Methodologie der berufsbezogenen Schreibforschung, in der Praxis befasst er sich mit der Optimierung von Texten und Schreibprozessen.

180 Redakteure und 180 Vorstellungen von dem, wie man Zeitung macht
Daniel Perrin setzt dort an, wo andere nicht mehr weiter wissen oder gar eingefahrenen Strukturen in der Redaktion und im eigenem Schreiben erlegen sind. Nicht ohne vorher zu fragen: Was nützt Linguistik im Journalismus, und was bringt Journalismus der Linguistik? Um das zu erfahren, steigt Perrin regelmäßig aus dem Wissenschaftsbetrieb aus und geht in die Praxis, meist für zwei bis drei Jahre. Zuletzt arbeitete er bis 2001 als Textchef in einem zweijährigen Projekt bei der Schweizer Tageszeitung „Tages-Anzeiger“, der auflagenstärksten Schweizer Qualitätszeitung, ausgerichtet auf den Großraum Zürich. Verantwortlich war Perrin in dieser Zeit für Sprache und Dramaturgie der Zeitung. Während des Projekts arbeiteten 180 Redakteure in der Print- und 14 in der Online-Redaktion. Perrin war fortan jede Woche an drei Arbeitstagen im Haus – und zeigte den täglichen Blattmachern den Weg zum redaktionellen Qualitätsmanagement. „Häufen sich Pannen, wird vermutlich nicht bloß nachlässig gearbeitet, sondern es fehlt einzelnen Journalisten oder ganzen Teams am Werkzeug: am Problembewusstsein, am Maßstab, an der Arbeitstechnik“, konstatierte Perrin.

Er konfrontierte die Redaktion mit eigenen Patzern: An einem Morgen im April 2002 schaltete der Online-Redakteur die Meldung auf, in deren Titel zu lesen war, eine EU-Delegation sei soeben in den Nahen Osten aufgebrochen. Neben diesem Titel stand ein Bild und darunter die Legende: “Wer der Delegation angehören soll, ist noch nicht klar.” So verwirrend wie das Gespann aus Titel und Bildlegende war auch der Vorspann formuliert. Und das zu einer Zeit, in der die Online-Ausgabe die meisten Zugriffe hatte - nämlich zwischen 6 und 8.30 Uhr. Für Perrin galt es deswegen, die zwei verschlafenen Morgenredakteure zukünftig zur wichtigsten Zeit des Tages durch eine funktionierende Redaktion zu ersetzen.

Der Coach trat jedoch nicht mit besserwisserischer Miene an die Redaktion heran. „Man darf nicht von oben fordern, sondern muss für den Diskurs über Qualität begeistern. Es waren 180 Redakteure und jeder Einzelne hatte seine persönliche Vorstellung von dem, wie man Zeitung macht. Nur darüber geredet haben sie nicht.“ Perrin kam und stellte Fragen: Wo befindet ihr euch gerade? Wo wollt ihr hin? Wie stellt ihr euch eure Leser vor? Chefredakteur, Redaktion und Projektleiter erarbeiteten gemeinsam ein Zeitungsleitbild. Ergebnis dieser Phase war eine gemeinsame Sprache über journalistische Qualität. Wesentliche Punkte: die Soll-Qualität definieren, die Ist-Qualität erkennen, die Beteiligten orten und deren Leistung wenn nötig verbessern. Und obendrein noch persönliche Wünsche – beispielsweise der Kulturredaktion, den „schönsten Teil der Zeitung“ machen zu wollen – zu berücksichtigen.

Der Dackel und das Herrchen:
Daniel Perrin im LEO-Interview

Was tun Journalisten, wenn sie schreiben?
Für Linguisten ist in diesem Prozess vor allem das Qualitätsmanagement journalistischer Textproduktion interessant. Perrin fragt deshalb: Was tun Journalisten aus sprachwissenschaftlicher Sicht, wenn sie schreiben, wenn sie Texte produzieren? Der Ausgangspunkt des Schreibcoachs: Jeder Journalist arbeitet als Knoten in einem Netz. Was Quellen aussagen oder im Internet publizieren, greifen Korrespondenten auf, dann, nacheinander oder parallel, Nachrichtenagenturen, Medienredaktionen, Lobbyisten, Rechtsinstanzen, Publika. Und nachdem alle Produktionsinstanzen durchlaufen sind, zeigen sich die Texte völlig verändert und mitunter völlig aus dem ursprünglichen Kontext gegriffen.

Dieses Einpassen von Teiltexten in neue Textzusammenhänge und neue Kommunikationssituationen erscheint aus linguistisch-pragmatischer Sicht als Inszenieren. Unter „Inszenieren“ versteht Perrin das Auswählen, Gewichten und Verbinden von Themen, Schauplätzen, Akteuren, Aussagen, Blickwinkeln, Brennschärfen und Moderationsmitteln eines Beitrags. "Jede noch so sachbezogene, scheinbar objektive Berichterstattung ist das Ergebnis subjektiver dramaturgischer Entscheide“, erklärt Perrin. Journalistische Qualität habe aus diesem Grund mit den Techniken der Textproduktion, auch den Techniken eines konkreten Journalisten an einem konkreten Arbeitsplatz zu tun, so der Schweizer Professor. Er rätselt: Braucht es deshalb für die Moderation des Qualitätsdiskurses einer Medienredaktion einen Sprachwissenschaftler?

Wissenschaft und Journalismus sprechen andere Sprachen
Es klafft eine Kluft zwischen Wissenschaft und Journalismus. „Die Systeme sind noch wenig aufeinander bezogen und sprechen andere Sprachen“, weiß Perrin. Wer als Wissenschaftler wie Perrin die journalistische Domäne als Arbeitsfeld erschließen will, muss ständig neue Codes erlernen – und zwischen den Codes der einzelnen Arbeitsfelder wechseln, um dazwischen vermitteln zu können. Tatort für die Analyse: Der Schreibtisch des einzelnen Redakteurs. Besser Schreiben – bessere Zeitung, wie es die Chefredaktion des „Tages-Anzeigers“ erkannte.

Das bedeutete jedoch tägliches Konfliktmanagement im Team: Denn wer schreibt, muss Probleme auf mehreren Ebenen fortlaufend gewichten und lösen. „Wer etwa mit hohem inhaltlichem Anspruch arbeitet und versucht, besonders relevante, begründete, neue Information zu liefern, läuft Gefahr, vorgegebenen Fristen zu verpassen. Wer dagegen, wie im Beispiel der Nahostmeldung, auf eilige punktuelle Texteingriffe setzt, riskiert Unsinn zu veröffentlichen“, weiß Perrin. Für das Qualitätsmanagement im Fall Nahost empfiehlt er: Rasch eine neue kurze Meldung ins Netz stellen, drei Sätze darüber, dass nun eine Delegation entsandt sei. Dazu einen Hyperlink setzen, der zur gründlichen, aber nicht mehr aktuellen Meldung des Vortages führt. „Das darf aber nicht der Zufallsentscheid eines einzelnen Redakteurs sein. Solche Entscheidungsmuster müssen für das redaktionelle Zusammenspiel im Team erarbeitet und geübt, und dann angewandt und überprüft werden“, so Perrin.

Qualitätsmanagement: Der Weg aus der Zeitungskrise?
Die Redaktion des „Tagesanzeigers“ ließ sich darauf ein. Es entstand ein redaktionelles Qualitätsleitbild, mit dem Motto: "Über Qualität schreiben wir, damit wir darüber reden; die Grundsätze halten wir fest, um sie weiterzudrehen." Die Chefredaktion spannte den inhaltlichen Rahmen. Neben Gruppen- und Einzelcoaching wurde jeder Redakteur verpflichtet, zu benennen und auszuhandeln, was er unter einer gut gemachten Zeitung verstand. Dabei ging es nicht darum, einzelnen Ressorts einen Stempel aufzudrücken. Wichtiger war die Beschreibung des Ist-Zustands und des angestrebten Ziels. In der täglichen Blattkritik wurde fortan diskutiert: Entspricht die Qualität unserer produzierten Texte unseren Erwartungen? Sind unsere Erwartungen zu überdenken?

Die Balance zwischen beabsichtigtem Leseanreiz und sachlicher Kritik gelang nicht immer. Mitunter gab es 179 Geier, die sich auf einen Text stürzten. Einzelne Kollegen empfanden die Kritik als überspitzt oder falsch und fühlten sich der Lächerlichkeit preisgegeben. Verstimmungen dieser Art kurbelten den Leitbild-Diskurs neu an – und machten Perrin sicher: „Die Medien merken, dass Markterfolg mit Qualität zusammenhängt. Und auch die Leser erkennen, welches Medium ihnen über eine längere Zeit hilft, Komplexität zu erfassen.“ Ein bilateraler Denkprozess, der die Zeitungskrise beenden könnte.

Mehr dazu? Die Website von Daniel Perrin: www.medienlinguistik.net
Literaturtipp: Daniel Perrin (2004): Journalistisches Schreiben. Coaching aus medienlinguistischer Perspektive. In: Karlfried Knapp et al. (Hg.). Angewandte Linguistik. Ein Lehrbuch. Tübingen: Francke (= UTB 8275). 255 - 275.

Veröffentlicht am 22.02.2005
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