MEDIEN
Kommentar

 

 

Deutschland sucht den Superlativ.

Plädoyer für das Studienfach Kommunikationsfolgenabschätzung

Von Torsten Mayer



Die Werbekampagne zum Film "Godzilla" (1998) hat es expliziert: Größe spielt eine Rolle – im O-Ton: size does matter. Dass in diesem Fall Quantität Qualität ersetzt hat, beweist das bombastische Titellied von Puff Daddy: Ein Streichorchester, für dass die Chemnitz-Arena wohl zu klein wäre, untermalt Reime, anspruchsvoll wie aus einem Kinderlied. Da helfen auch japanische Bescheidenheitssymbole nicht: Bonsai-Bäume, Mini-Telefone und kleine Füße reihen sich vielmehr in die Liste von stilistischen Mitteln, mit denen einzig noch Staat zu machen ist. – Oder sein soll?

Ferengi-Regel # 34-5: Klein ist fein.

Mag ja sein, doch wer heute etwas an den Kunden bringen will, muss laut sein: XXL-Angebot, Jahrhundert-Irgendwas, Verkehrs-, Schnee-, Einkaufschaos, ein Unwetter muss schon eine Katastrophe sein, um aufzufallen, ja selbst das harmlos entstandene und mittlerweile fast schon wieder harmlos gemachte Wörtchen dramatisch kündet von diesem Trend. – Die Leute sind schließlich nahezu taub geworden im Brüllen der Medien-Kakofonie! Selbst veritable Minister, die vielleicht gar nicht so gut sind, heißen heute Super-Minister. Und: Schreibe nicht RTL sucht ganz gute Sänger, sondern: Deutschland sucht den Superstar! So geht das. Bescheidenheit? Schließlich gibt es ja noch Megastars.

 

Also Steigerung ohne Ende und kein Ausweg? Das Armageddon toppt irgendwann die Katastrophe? – Das ist natürlich Humbug. Dass Leute nur auf Superlative ansprechen, kommt mir vor wie eine dieser sich selbst erfüllenden Prophezeihungen, die sich alle in der Branche gegenseitig erzählen. Nur, wer einmal damit anfängt, kommt nicht mehr davon los. Wie sollte der Ausstieg auch aussehen? A3-Poster auf Jumbo-Werbetafel? Werbetafelfreie Innenstadt, wie wir sie in Regensburg genießen können? – In öden Betonwüsten undenkbar.

"The Return Of"

Zweite Teile sind keine Erfindung unserer Tage. Klingt nicht schon Faust II wie die Fortsetzung eines asiatischen Kampffilms? Der betreffende Dichter aber ist fein raus: Er hat sein Werk von vornherein als Zweiteiler konzipiert. Der typische Zweite Teil unserer Tage hingegen hängt vom kommerziellen Erfolg seines Vorgängers ab. „Lohnen sich die Produktionskosten für die Fortsetzung?“ fragen sich nicht nur Filmstudios. Wie lässt sich das Risiko von Einnahmeverlusten minimieren? Was aus einem solchen Ansatz folgt, ist ein Rezept für Erfolg – und meist enttäuschte Zuschauer: Beibehaltung der bewährten Elemente aus Teil Eins und ansonsten – mehr von allem. Die Helden werden noch heldenhafter und die Bösewichter sind die bösesten seit Beginn der Kinogeschichte, auch wenn dadurch Actionfilme der Realität zunehmend entrückt werden. James Bond musste vor 30 Jahren nur die Welt retten, Captain Picard 'heute' das Universum. Gigantisch! Aber morgen schon öde.

„Verkehrschaos durch Neuschnee“

So lautet die Schlagzeile der Freien Presse vom 14. Januar 2003. Daneben ein Bild von einem intakten, doch von Schnee überzogenen Kleinwagen, der von einem Kran aus dem Straßengraben gehoben wird. Gleich vorab: Menschen kamen nicht ums Leben. Im Mittelpunkt der 'Katastrophen-Meldung' stehen die ungeheuerlichen Schneemassen: „Zwischen 10 und 15 Zentimeter Neuschnee“ (!) lesen wir in der ersten Zeile. Wer um die Weihnachtszeit 2001 eingeschlossen in seinem Auto die Nacht zubringen musste, kann über 15 Zentimeter nur lachen. Verkehrschaos? "Bei starkem Schneefall fuhren bei Würzburg gestern Mittag 39 Autos auf der Autobahn A3 ineinander. Bei der Massenkarambolage wurden nach Polizeiangaben sieben Menschen verletzt." Aber was will die Freie Presse Chemnitz mit einer Schlagzeile aus Würzburg? Die Dramen liegen doch täglich vor der Haustür.

"Aufatmen in Regengebieten: Jahrhundertflut blieb aus"

Wieder Freie Presse. Nicht etwa vom August 2002, sondern vom 6. Januar diesen Jahres. Die Halbwertzeit eines Jahrhunderts ist dramatisch geschrumpft. Wir lesen: "Die befürchtete neue Jahrhundertflut ist ausgeblieben."

Die "verheerendsten Buschbrände seit Menschengedenken", die am Samstag, 18. Januar 2003 die australische Hauptstadt Canberra heimsuchten, entpuppen sich bei vollständiger Lektüre des Artikels (FP, 20.01.2003) als erneuter Griff in die rhetorische Trickkiste. Oder verbirgt er doch tiefschürfende Zeitkritik? Eine solche Feuersbrunst tritt "einmal in 100 oder 200 Jahren auf", erklärte Ministerpräsident John Howard. Ja, das Gedächtnis der Menschheit ist kurz.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Es nützt nichts, sich über die grassierende Superlativitis und eine derartige Schreibe lustig zu machen: Seriosität kostet leider zu viel Disziplin – und Geld.

Die Abnutzung von Begriffen, die Unerhörtes bezeichnen, birgt Risiken in sich. Einmal die viel diskutierte Abstumpfung der Rezipienten, denen irgendwann nach „mehr“ gelüstet, weiterhin der Schwund an Ausdrucksmöglichkeiten in wirklich ernstzunehmenden Fällen und drittens ein sich veränderndes Bild der Realität. Eine Bekannte beispielsweise traute sich in der Vorweihnachtszeit nicht mehr zu einem Besuch auf die Straße – wegen Glatteisgefahr. Bei der nächsten Gelegenheit scheiterte ihr Kommen an einer ausgegebenen Sturmwarnung. Und was man laut ihr alles nicht essen dürfen soll! Mündet eine derartige Darstellung nicht zwangsläufig in Hysterie? Ein Blick in die USA erhärtet diesen Verdacht: Von 100 Haushalten glauben 70 sich mit Schusswaffen schützen zu müssen, die durchschnittliche Haustür in God’s own country verfügt über drei Sicherungsmöglichkeiten.

Leider fällt die Untersuchung, welche Folgen sprachliche Verirrungen haben, nicht in den genuinen Zuständigkeitsbereich der Sprachwissenschaftler. Wie sieht es also mit einem neuen Studiengang aus: Kommunikationsfolgenabschätzung.

 

Veröffentlicht am 25.02.2003
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