Zwischen Gosse und bürgerlichem Milieu
Interview mit Gerhard Henschel über sein Buch „Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung“
Von Cornelia Krause
| Gerhard Henschel ist einer der wenigen, die sich mit der Bild-Zeitung öffentlich anlegen. 2002 verklagte der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, die taz auf Schmerzensgeld, nachdem Henschel eine Satire über Diekmanns angebliche Penis- verlängerung veröffentlicht hatte. Das Berliner Landgericht verbot zwar die Satire, verweigerte Diekmann jedoch das gewünschte Schmerzens- geld. In seinem Buch „Gossenreport“ teilt Gerhard Henschel erneut Schelte an den Springer Verlag aus. Im LEO-Interview verrät er mehr über seinen Standpunkt gegenüber der Bild-Zeitung.
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Foto: Frank Siegel
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Gerhard Henschel, geboren 1962, ist freier Schriftsteller und lebt zurzeit bei Hamburg.
LEO: Wie oft lesen Sie die Bild-Zeitung?
Henschel: Nur sporadisch. Es wäre zuviel verlangt, sklavisch jeden Tag die Bild-Zeitung zu lesen und sich über sie aufzuregen. Man darf sich da nicht verbohren. Ich bin auch kein Missionar, sondern nur jemand, der dreißig Jahre nach Günter Wallraffs Büchern über Bild endlich wieder einmal Klartext redet.
LEO: Gab es denn einen Auslöser, dass Sie Ihre Kritik an der Bild-Zeitung in einem Buch veröffentlicht haben?
Henschel: „Auslöser“ kann man jeden Tag in der Bild-Zeitung finden. Man braucht ja nur an einem dieser Kiosk-Aufsteller vorüberzuspazieren. Die Bild-Zeitung greift permanent brutal in das Privatleben von Menschen ein, die nichts mit ihr zu tun haben wollen. Ich halte es für töricht, sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, Bild sei „Pop“ und im Grunde doch ganz amüsant. So ist es nicht. Was Bild betreibt, ist Schmutzjournalismus.
LEO: Sind für Sie Bild-Zeitungs-Mitarbeiter Journalisten oder haben sie diese Berufsbezeichnung nicht verdient?
Henschel: „Journalist“ ist ja nun kein Ehrentitel. Das sind durchaus Journalisten. Sie selbst bezeichnen sich als Boulevardjournalisten. Es hat aber wenig mit „Boulevard“ zu tun, wenn Dieter Bohlens Unterhosen auf der Titelseite ausgewrungen werden. Das ist nicht Boulevard, sondern Gosse.
LEO: Glauben Sie, mit Ihrem Buch „Gossenreport“ die Leute zu bewegen, die Bild-Zeitung nicht mehr zu lesen?
Henschel: Es wäre sicherlich illusorisch, von einem Büchlein, das in einem kleinen Verlag wie der Edition Tiamat erschienen ist, zu erwarten, dass es die Auflage der Bild-Zeitung einbrechen lässt. Aber immerhin hat einer meiner Artikel in der taz Kai Diekmann so wehgetan, dass er 30.000 Euro Schmerzensgeld haben wollte. Die hat er nicht bekommen, und zwar weil er Chefredakteur der Bild-Zeitung ist. So steht es im rechtskräftigen Urteil des Berliner Landgerichts. Mein Wunsch wäre es, dass die Menschen, von denen wir regiert werden, damit aufhören, vor Bild auf dem Bauche zu rutschen.
LEO: Die Macher rechtfertigen ihr Produkt damit, dass genau das die Leute sehen wollen.
Henschel: Natürlich wollen die Leute das sehen. Bild bedient die Schadenfreude und das Spannertum auf eine ekelerregende Art und Weise. So hat Bild die Leser beispielsweise darüber informiert, dass Lady Diana bei ihrer Entjungferung durch Prinz Charles nach Kotze gerochen habe. Friede Springer, die Verlegerin der Bild-Zeitung, würde sich eher die Zunge abbeißen, als so etwas bei den Bayreuther Festspielen herumzuerzählen. Da würde sie achtkantig hinausgeworfen. Und trotzdem lebt sie davon, dass sie solche Nachrichten verbreiten lässt. Das ist ja das Skandalöse.
LEO: Sind die Bild-Zeitungs-Leser nicht diejenigen, die den Springer Verlag unterstützen, indem sie die Zeitung kaufen?
Henschel: Selbstverständlich wird die Bild-Zeitung von ihren Käufern finanziert, aber auch von Unternehmern, die in Bild inserieren, ohne sich daran zu stoßen, dass im sogenannten Anzeigenumfeld die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.
LEO: Sie haben in ihrem Buch zahlreiches Bild-Zeitungs-Vokabular benutzt. War das schwer, mit diesem Wortschatz umzugehen?
Henschel: Sie spielen auf die Wörter an, die in der Telefonservice-Rubrik vorkommen, abstoßende Vokabeln wie „Bumskontakte“ oder „Abspritzgarantie“. Es wundert mich, dass Spitzenvertreter christlicher Parteien zwischen „Bumskontakten“ und „Abspritzgarantien“ Kommentare veröffentlichen. Auch Guido Westerwelle von der FDP ist dazu bereit. Und auch Oskar Lafontaine hat das getan. Es sollte doch Grenzen geben zwischen dem Rotlichtbezirk und dem bürgerlichen Milieu. Und gerade diese prinzipienlosen Kollaborateure und Mitmischer wollen uns daran erinnern, dass wir uns auf unsere Werte besinnen sollten. Um diesen Widerspruch deutlich zu machen, musste ich die entsprechenden Vokabeln natürlich zitieren.
LEO: Sie plädieren dafür, nicht mehr mit der Bild-Zeitung zusammenzuarbeiten. Hat denn der Politiker wirklich die Wahl, dies nicht zu tun? Letztendlich würde er so eine Vielzahl seiner Wähler nicht erreichen.
Henschel: Wenn es nur darum ginge, möglichst viele Wähler anzusprechen, könnten die Politiker ihre Statements ja auch in auflagenstarken Pornomagazinen abgeben, aber das tun sie nicht. 99 Prozent der Politiker entscheiden sich jedoch dafür, vor Bild zu kuschen und mit Bild zu kooperieren. Der Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat gesagt: „Ein Politiker, der sich mit der Bild-Zeitung anlegt, ist erledigt.“ Daran ist viel Wahres. Ich habe in meinem Buch beispielsweise geschildert, wie der Ex-Minister Riester von der Bild-Zeitung zu einem Interview erpresst worden ist. Der gesamte Bundestag schlottert vor Angst bei dem Gedanken an die Macht der Bild-Zeitung.
LEO: Haben Sie auch einen Lösungsvorschlag, außer dass man die Zeitung nicht liest?
Henschel: Es müsste sich weiter herumsprechen. Man sollte mit den Leuten, die mit Bild kollaborieren, nicht mehr sprechen, ihnen nicht mehr die Hand geben, einfach auflegen, wenn sie anrufen. Die meisten gehen achselzuckend an diesem Problem vorüber. Nach dem Motto: Man kann eh nichts machen. Aber man darf nicht vergessen, dass die Bild-Zeitung schon über Leichen gegangen ist.
LEO: Lesen typische Bild-Zeitungs-Leser, wenn es diese gibt, auch ihr Buch? Was denken Sie?
Henschel: Es ist ab und zu schon vorgekommen, dass der ein oder andere ehrenwerte Schornsteinfeger oder Dachdecker durch die Lektüre nachdenklich geworden ist. Wenn ich das erreichen kann, ist das schon viel wert.
LEO: Vielen Dank für das Interview.
Veröffentlicht am 22.05.2007
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