Andere Zeiten – andere Wirklichkeiten?
Wie sich die Pressenachrichten im Laufe der Jahrhunderte verändert haben
Von Michael Klemm
Für jeden „gut informierten Bürger“ (Alfred Schütz) ist das Verfolgen der Nachrichten aus aller Welt tägliches Ritual. Manch einer fühlt sich allerdings von der Flut an knapper und meist negativer Information überfordert und verliert – etwa im Stakkato der Tagesschau – den Überblick und schließlich das Interesse an all den Kriegen, Attentaten, Naturkatastrophen oder Wirtschaftskrisen, die unaufhörlich in abstraktem Nachrichtendeutsch auf ihn einprasseln. Doch Nachrichten müssen nicht abstrakt sein, wie ein Blick in die Geschichte von Pressenachrichten zeigt.
Nachrichten gelten in der Medienforschung als die Textsorte mit der höchsten Reputation und der größten sozialen Relevanz. Kein Wunder, sind sie doch, in welchen Medien auch immer, die zentralen Bausteine unserer alltäglichen Wirklichkeitskonstruktionen und beeinflussen so ein Stück weit unser eigenes Handeln. Umso wichtiger scheint es, dass sie verständlich formuliert sind.
Das Pyramidenprinzip als Nachrichtenstandard
Die moderne Nachrichtensprache folgt festen Standards der Informationsvermittlung, die bis zum schnöden Schematismus eingehalten werden. Der Autor tritt hinter die Nachricht zurück, ist letztlich austauschbar, für individuellen Stil ist bei dieser „dienenden“ Textsorte kein Platz. Im Kern geht es um eine einfache, nur an Tatsachen orientierte Mitteilung mit Neuigkeitswert (wie immer der zu bestimmen ist), die möglichst sachlich und „objektiv“ formuliert sein soll: Ein Ereignis hat stattgefunden. Die Kurznachricht, auch Meldung genannt, ist deshalb praktisch die einzige Darstellungsform, die systematisch gelehrt werden kann, da sie einem starren Aufbau folgt: Überschrift(en), Ortsmarke, Quellenangabe (Agentur), dann der so genannte „Lead-Satz“, in dem die wichtigsten Information gemäß den zentralen W-Fragen zum Ereignis (wer, was, wann, wo, evtl. welche Quelle) aneinandergereiht werden. Alle weiteren Informationen folgen im so genannten „Body“, dessen Informationen vom Verfasser nach Bedeutsamkeit geordnet werden.
Eine typische dpa-Nachricht nach Pyramidenprinzip mit Lead-Satz
Marco trotz Bemühens von Steinmeier weiter in türkischer Haft
Istanbul/Uelzen (dpa) - Der 17-jährige Marco aus Uelzen bleibt trotz aller politischer Bemühungen weiter in türkischer Haft. Der Jugendliche sitzt seit zehn Wochen in Antalya im Gefängnis, weil er eine 13-jährige Britin sexuell missbraucht haben soll. […]
|
Diesen konsequent an der Informativität orientierten Aufbau nennt man auch das Prinzip der „umgekehrten Pyramide“. Die Struktur entstand Mitte des 19. Jahrhunderts in der Phase des Amerikanischen Bürgerkriegs; der Anekdote nach war die Meldung über die Ermordung Abraham Lincolns die erste Nachricht, die im Pyramidenstil verfasst wurde. Der Aufbau war vor allem technisch begründet, galt es doch angesichts der unsicheren Telegraphenverbindungen, die jederzeit abbrechen konnten, die wichtigsten Informationen zuerst zu übermitteln („climax first“). Zudem konnten die Setzer bei derart formulierten Meldungen die eingegangenen Texte von hinten satzweise kürzen, ohne die wichtigsten Inhalte weglassen oder den Text verändern zu müssen. Diese technischen Rahmenbedingungen haben sich im Computerzeitalter längst verändert – die Formulierungsstandards für Nachrichten sind noch immer die alten.
Heutige Nachrichtensprache: komprimiert, abstrakt, undurchsichtig
Und so hangeln sich Nachrichtenautoren, vor allem in den Agenturen, weiterhin tapfer an den W-Fragen entlang. Als Konsequenz des seit Jahrzehnten als professioneller Standard geltenden Prinzips, möglichst viel Information in den ersten Sätzen einer Meldung zu platzieren, ist ein problematischer Nachrichtenduktus entstanden: Es dominiert ein komprimierter Nominalstil, das heißt statt konkreter Verben finden wir Substantivierungen oder abstrakte Komposita, Attribute und Partizipien häufen sich, Passiv verschleiert Verantwortlichkeiten, Formelhaftes führt zu undurchschaubaren Routinen, Satzgefüge sorgen für inhaltliche Komplexität. Ein Beispiel: „In Bangkok hat die Experten-Beratung zum vierten UN-Bericht zur Klimaerwärmung begonnen.“ Hier bleiben aufgrund des komprimierten Nachrichtenstils viele Fragen offen: Wer berät wen in welcher Hinsicht? Wer berichtet wem über was? Wer oder was erwärmt das Klima? usw.
Die komplexe und komprimierte Nachrichtensprache führt zu einem Verlust an Explizitheit und Anschaulichkeit: Abstrakte Schlagworte ersetzen Erklärungen und erfordern umfangreiches Vorwissen, statt identifizierbaren Handlungen bestimmter Menschen geschehen Vorgänge von „unsichtbarer Hand“. Kein Wunder, wenn Nachrichtenrezipienten die dargestellte Welt eher kalt und abstrakt vorkommt.
Von der Nachrichtenerzählung zur Faktenhuberei
Die deutsche Presse hat sich freilich lange gegen diesen Einheitsstil gesträubt. Zwar formulierten manche Redakteure zum Ende des 19. Jahrhunderts bereits im Lead-Stil, die Mehrheit sah sich aber eher in der Tradition der Meinungspresse, die Information und Meinung miteinander verwob, da sie sich häufig der parteiischen Agitation verpflichtet fühlte. Und so wurde das Nachrichtenformat, das wir heute kennen und für selbstverständlich halten, erst nach dem 2. Weltkrieg vor allem durch die britische Besatzungsmacht flächendeckend in Deutschland etabliert, getreu dem Motto: „Facts are sacred, comment is free.“
In den Jahrzehnten zuvor waren Nachrichten individueller verfasst und folgten je nach Vorlieben des Autors anderen Prinzipien, etwa dem chronologischen. Hierzu ein Beispiel aus dem Chemnitzer Tageblatt von 1850, eine Nachricht über ein Zugunglück:
Breslau, 20. Januar. Der Berliner Morgenzug, welcher gestern früh von Berlin abgegangen war, passirte um die planmäßige Stunde, etwa 2 Uhr Mittags, die Tour zwischen Sorau und Hannsdorf. Wie ein Augenzeuge versichert, fuhr der Train mit seiner gewöhnlichen Schnelligkeit. Dennoch ereignete sich wenige Minuten hinter Sorau ein Unglück, das viel größer werden konnte, hätte nicht ein günstiger Zufall die Reisenden, welche die Fahrt mitmachten, gerettet. Auf einem Bahndamme, der über 3 Klafter hoch ist, sprang die Locomotive plötzlich aus den Schienen, riß sich samt dem Tender vom Zuge los und stürzte jählings in den Abgrund. Zwei Menschenleben wurden das beklagenswerte Opfer dieses Unfalls. Der Maschinist Geisler aus Sorau und der Heizer starben eines schrecklichen Todes. (Bresl.)
Chemnitzer Tageblatt und Anzeiger, 24. Januar 1850 |
Zunächst fällt auf, dass es keine Überschrift gibt, eine thematische Zuordnung auf den ersten Blick somit nicht möglich. Zudem geht der Verfasser chronologisch vor, so dass das vermeintlich Wichtigste am Unfall, die Zahl der Toten, erst zum Schluss mitgeteilt wird und der Leser zur Lektüre des gesamten Textes gezwungen ist. Stattdessen finden wir zunächst eine Schilderung des „Planmäßigen“ und „Gewöhnlichen“, was in heutigen Nachrichten keinen Platz hätte und auf uns einen eher „unprofessionellen“ Eindruck macht. Der Stil ist auch alles andere als nüchtern-faktenorientiert. Wir finden Adverbien wie plötzlich oder jählings und Attribute wie beklagenswert und schrecklich, erfahren Näheres über die Opfer und über die Umstände der Zugfahrt. Solche Meldungen beginnen heute nach dem Lead-Prinzip eher so:
In Kuba schweres Zugunglück
HAVANNA (adn). Beim schwersten Zugunglück in der Geschichte Kubas sind am Sonnabend 56 Menschen getötet und rund 240 verletzt worden. Wie Reuters unter Berufung auf eine Mitteilung des kubanischen Transportministeriums meldete, entgleiste der vollbesetzte Nachtzug von Havanna nach Guantanamo gegen 4 Uhr Ortszeit in der Nähe der Ortschaft Manacas. […]
Freie Presse Chemnitz, 9. April 1991 |
Während die moderne Meldung nüchtern in komprimiertem Satzbau die Fakten aneinander reiht und stoisch die Nachrichtenquellen auflistet, handelt es bei der historischen Meldung eher um eine lebendige Nachrichtenerzählung, die den Leser auf die Zugfahrt mitnimmt und das Ereignis einzigartig macht.
Die Moral von der Nachrichtengeschicht’?
Angesichts der heutigen Fülle an betont nüchtern formulierten Nachrichten über Unglücke und Katastrophen in aller Welt, ist die Frage berechtigt, was aus dieser schematischen, trockenen und faktenhubernden Präsentation von Weltgeschehen für unsere heutige Medienrealität folgt. Verfallen wir angesichts der kalten Aufzählung von Statistiken oder Opferzahlen in Agonie? Könnte ein anderer Nachrichtenstil, etwa der erzählerische aus dem Jahre 1850, zu einer anderen Wahrnehmung von Welt führen und durch den Aufbruch von Routinen wieder für mehr Sensibilität sorgen? Solange das Pyramidenprinzip die Redaktionsstuben alternativlos im Griff hat, ist dies ein bloßes Gedankenexperiment, wenn auch immerhin ein historisch begründbares.
Mehr dazu:
Vom Wahrheitsverkünden zum Nachrichtenerzählen. Die Themen sind oft identisch die Nachrichtenstile je nach Sender und Land höchst verschieden
Veröffentlicht
am 21.08.2007
© Copyright by LEO. Alle Rechte vorbehalten.