MEDIEN | Kommentar / Leitartikel |
"Sturm und Drang" im Wüstensand
Der Sprach- und Bildgebrauch der Medien in den
Zeiten des Irak-Krieges: eine Zwischenbilanz
Von Michael Klemm
Es
sind ja nicht viele deutsche Wörter, die die englische Sprache fast
unverändert ins Vokabular übernommen hat. Meist sind es recht
schöne Germanismen, Kindergartenetwa, Rucksack oder Empfindsamkeit,
mitunter auch weniger schöne wie Waldsterben. Jüngst kam ein
weiterer hinzu: "Sturm und Drang"; oder in der Original-Lautung:
"Störm and Dräng". Mit schöner Literatur hatte dies freilich nichts
zu tun. In der Nacht, als der Irak-Krieg begann, bezeichnete
ARD-Militärexperte Ben Works so die Angriffsstrategie der alliierten
Truppen. Gut, dass Goethe und Schiller dies nicht mehr erleben
mussten. "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit", sagte
US-Senator Johnson 1917, in den letzten Wochen gern zitiert.
Zumindest treibt sie mitunter bizarre Blüten. Beispiele gefällig?
Hier eine kleine (Zwischen-)Bilanz zur Medienberichterstattung über
den Irak-Krieg, zu einem Zeitpunkt, da die Kampfhandlungen offiziell
beendet, aber der Friede noch lange nicht erreicht worden ist.
Die Politiker:
Pathetische Staatschefs...
Duplizität der Ereignisse:
Papa Bush ließ 1991 seinen Pressesprecher Marlin Fitzwater mit den
Worten "Die Befreiung Kuwaits hat begonnen" vor die Presse treten,
sein Sohn übernahm dies selbst und sprach von der "Entwaffnung des
Irak und der Befreiung des irakischen Volkes". Von Kreuzzug
und christlicher Mission sprach er nicht mehr. Da aber jeder
Feldzug heute einen griffigen Namen braucht, schon wegen der schönen
roten Banner auf CNN, entwickelte die Bush-Administration
semantische Kreativität. "Iraqi Freedom" sollte der Überfall genannt
werden. Schade nur, dass einige Tausend Iraker diese Freiheit aufgrund
der "Demokratisierung von oben" nicht mehr erlebten.
Aber
man war ja nach dem zähen und würdelosen "Vorspiel auf dem
Welttheater" der Vereinten Nationen fast dankbar für die Nennung
der Motive, hatte Bush doch in den Monaten zuvor schneller neue
Gründe für das Eingreifen im Irak aus dem Hut gezaubert, als sie die
Gegenseite entkräften konnte. Das Gezerre im UNO-Sicherheitsrat war ein
Paradebeispiel für Realpolitik und kühne Argumentation (wie etwa
der Bielefelder Linguistik Walter Kindt analysiert hat). Die Briten und
Amerikaner operierten frei nach Winston Churchill: Ich traue nur den
Beweisen, die ich selbst gefälscht habe. Was nicht gefällt, wird
als irrelevant erklärt.
Die
Franzosen, Russen und Deutschen, von amerikanischen Medien
verächtlich "Achse der Wiesel" gescholten, stiegen auf zu
Friedensfürsten. Interessen gegen Moral? Weltmacht gegen
Weltöffentlichkeit? Wenn das mal so einfach wäre. Die Medien
mussten sich immerhin monatelang keine Gedanken machen, mit welcher
Nachricht sie aufmachen sollten. Und wann gab es zuletzt
Live-Übertragungen aus dem Sicherheitsrat? (Wo tagt der noch mal?)
Gegen
die kurzen pathetischen Ansprachen des US-Präsidenten verblassten
die ausufernden Repliken des irakischen Staatschefs. Aber dennoch
hat die "historische Rede" Saddam Husseins am dritten Kriegstag
ihren Platz in den Geschichtsbüchern verdient: als inhaltsloseste und
am schlechtesten übersetzte Rede eines Staatschefs in Kriegszeiten.
Als einzige Frage wurde diskutiert, ob es wieder einmal der echte
Saddam gewesen ist. Oder wissen Sie noch den Inhalt? Und welchen
Militärchef er besonders lobte?
... und Minister für Sprachverwirrung
Eigentlich hatte US-Verteidigungsminister Rumsfeld (nomen est omen) in
diesen Tagen nicht viel zu sagen; einen "Angriffsminister" hatte die
Bush-Administration indes nicht benannt. Dennoch schwang sich
Rumsfeld, sonst eher ein Mann der kurzen klaren Worte, aus sicherer
transatlantischer Distanz dazu auf, nicht weniger als acht
Kriegsziele zu formulieren (von denen heute vielleicht zweieinhalb
erreicht sind). Aber Schwamm drüber, wer kennt sie heute noch, in der
Stunde des Sieges.
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Rumsfelds Pendant
auf irakischer Seite war der so genannte
"Informationsminister" Mohammed Sahid al Sahhaf (nomen est
omen: schon der Name verrät Geschwätzigkeit), der spätestens
ab der zweiten Kriegswoche ohne Unterlass Desinformationen
verbreitete, wenn auch unterhaltsame. In früheren Zeiten hieß so etwas
"Propagandaminister" – eigentlich ehrlicher.
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Allerdings
hat es der Iraker im Gegensatz zu Rumsfeld und Powell zum
Kultstatus und zu einer Internetseite
gebracht, auf der man seinen lustigen Realitätskonstruktionen ("es gibt
keine Amerikaner in Bagdad", "wir werden sie alle schlachten", "die
Amerikaner betreiben kollektiven Selbstmord") weitere hinzugefügt
hat. Tassen und T-Shirts gibt's natürlich auch, sogar eine
sprechende Puppe kann man erstehen. Der Billigflieger Ryanair wirbt
mit seinem Konterfei und dem Spruch "Ich verspreche eine Million
Gratisplätze". Wäre "Mo" oder "Comical Ali", wie er spöttisch in den
USA genannt wird, nicht untergetaucht, ihm stünde als heimlichem
Helden des Krieges eine glänzende Karriere als Showmaster offen. Der
ganz normale Wahnsinn des Krieges oder blanker Zynismus?
Die Militärs: Einsatz von "Massenverdummungswaffen"
Zugegeben, die gezielte Irreführung des Gegners und der Öffentlichkeit
gab es schon immer, im alten Rom, im Dreißigjährigen Krieg, im Zweiten
Weltkrieg, ja selbst in Friedenszeiten, wie etwa Kritiker der
Bush-Administration im Internet auf http://www.disinfopedia.com/
zu belegen versuchen. Und dennoch war die "Informationspolitik" der
Militärs auf beiden Seiten rekordverdächtig. Insgesamt neun Mal wurde
der Fall der Hafenstadt Umm Kasr gemeldet. Die Exekution britischer
Kriegsgefangener entpuppte sich als plumpe Falschmeldung. Die
Übernahme eines vom Militär verlassenen Krankenhauses wurde als
heroische Befreiung einer US-Soldatin dargestellt. Und wer hat
mitgezählt, wie oft die alliierten Truppen schon eine heiße Spur zu
den Chemie-Waffen im Irak gefunden haben wollten und wie viele
Scud-Raketen die irakische Armee nun angeblich auf Kuwait abgefeuert
hat? Volksverdummung als Bärendienst für den angeblichen
Exportschlager westliche Demokratie. Aber die Iraker standen dem in
nichts nach, wenn man nur an die "heldenhafte" Verteidigung von Saddam
International Airport denkt.
Die Nachrichtensprecher und die Konjunktivitis
Während die amerikanischen und britischen Fernsehsender sich meist im
Pathos überschlugen und im täglichen Wettstreit nach der heroischsten
Headline standen, hatte das deutsche Fernsehen offenbar aus den
Propagandatricks des ersten Golfkriegs gelernt. So viel
Selbstreflexion und Sprachsensibilität war nie. Der Konjunktiv
feierte fröhliche Urständ, Modalwörter wie möglicherweise oder vielleicht
und so genannte Heckenausdrücke wie unter Umständen, die
sonst jeder Schlussredakteur energisch aus den Beiträgen streichen
würde, forderten die syntaktische Kompetenz der Sprecher. Fast
schon ritualisiert wurden jeweils die Quellen doppelt und dreifach
ausgewiesen, das Ungesicherte und Vorläufige beschworen, auf
potenzielle Propaganda hingewiesen. "Nach noch unbestätigten
Meldungen aus amerikanischen Militärkreisen könnte morgen
möglicherweise Dienstag sein. Al Dschasira bezweifelt dies, die
irakische Regierung dementiert." Jeden Tag stand in der Süddeutschen
Zeitung in einem kleinen Kasten, wie schwer es ist, in Zeiten des
Krieges vertrauenswürdige Informationen zu erhalten. Wenn man doch
nur mal in Friedenszeiten die alltäglichen Nachrichten mit gleicher
Skepsis und sprachlicher Sorgfalt vermitteln würde!
Aber
seien wir nicht so beckmesserisch. Der Frankfurter
Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser stellte den deutschen
Journalisten in der "Leipziger Volkszeitung" ein gutes Zeugnis aus;
immerhin konnte der "Herr der Unwörter des Jahres" bislang keine
neuen entdecken, Distanz und Vorsicht wurden im Vergleich zum
ersten Irak-Krieg gelobt.
Die Korrespondenten: Zelebration des Nullmediums
Schon seit der Antike gilt: Kein Krieg ohne Korrespondenten. Und so
übermittelten auch diesmal die Kriegsreporter – wenn denn die Leitung
mal stand – unter Einsatz ihres Lebens bewegende Erkenntnisse in
die Heimat: "Von hier aus kann ich nichts sehen." – "Vor zwei
Stunden hat es ganz in der Nähe heftig gekracht, wir wissen noch
nicht wo." – "Heute Nacht war es relativ ruhig." Dazu die typische
Körperhaltung: Ein Hand am Hörgerät im Ohr, um die Stimmen aus der
Heimat zu vernehmen, den Kopf und Körper immer wieder nach hinten
gedreht, um die Situation im Blick zu behalten – die Comedians im
Fernsehen hatten eine Nummer mehr für ihre Parodien. In Friedenszeiten
würde man für diese "Informationen" gefeuert, in Zeiten
informationellen Notstands wurden sie zur stündlich wiederholten
Botschaft aus dem Auge des Krieges, beseelt von sokratischer
Weisheit: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Zwei von ihnen, Antonia
Rados (RTL) und Ulrich Tilgner (ZDF) erhielten immerhin den
Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.
Was
sollen hektische und übernächtigte Journalisten auch machen, die
laufend Sondersendungen zu füllen haben, aber von spärlichen und
höchst zweifelhaften Informationen abhängig sind. Er habe, so
Harald Schmidt in den ersten Kriegstagen, die Berichte schon
mitsprechen können, in der Endlosschleife des Informationsstrudels.
Der
"Bilderteppich", den die Korrespondenten überlieferten, stand den
Statements an Informationsfülle in nichts nach. Minutenlang sah man
etwa grünliche verpixelte Bilder vom Nachthimmel über Bagdad, auf
denen schlicht nichts zu erkennen war. Wenn es denn doch mal etwas zu
erspähen gab, dann diffuses Funkeln und Blitzen, oder aber Autos, die
ruhig durchs die Hauptstadt rollten. Kontemplatorisch reizvoll, für
Informationssuchende eine Farce. Eine Web-Cam in der
Tagesschau-Kantine wäre spannender gewesen. Bild schlägt Sinn.
Die "embedded journalists": Staub und Blut auf dem
Objektiv
Eine bahnbrechende Innovation hatte der Irak-Krieg auch zu bieten: Die
ganz mutigen (oder verrückten?) unter den Journalisten gingen zu
Hunderten in der Medienschlacht an die Front, als "embedded
journalists", auf Einladung und im Tross der Alliierten. Quasi Krieg
in Echtzeit und mit subjektiver Kamera, Wackelbilder wie aus den
Gründungstagen von MTV. Bush-Krieger auf Wüsten-Rallye, eine
Mischung aus Camel-Trophy und Paris-Dakar, und mitten drin immer die
verwegensten unter den (noch) lebenden Journalisten. Die Berichte selbst
waren freilich auch bestenfalls affektiv anregend – was kann man
schon berichten, wenn man "auf das Kriegsgeschehen aus dem
Sehschlitz eines Panzers schaut", wie Medienforscher Bernd Gäbler
in einem Interview mit der Deutschen Welle formuliert. War der
afrikanische Kollege, der im heimischen Besenschrank die
authentische Kriegsreportage inszenierte, so viel weniger informativ?
Ihren
Schutz erkauften die Journalisten jedenfalls mit zensierten
Berichten. Und wehe, wenn nicht: Peter Arnett, CNN-Reporterlegende
aus Gulf War I, wurde von seinem Sender gefeuert, weil er nicht
patriotisch genug berichtete. Dem Labour-Vorsitzenden und
Kabinettsminister John Reid wird zugeschrieben, die BBC als "Bagdads
Freund" bezeichnet zu haben. Das Bemühen um Objektivität oder
zumindest Neutralität hat eben in Kriegszeiten gefälligst zu
unterbleiben.
Eigentlich
klingt eingebettet ja auch eher nett als kritisch, geradezu
kuschelig – wenn nicht einige Journalisten, darunter der
Focus-Redakteur Christian Liebig, zur letzten Ruhe gebettet worden
wären. Andere starben gar durch die Hände der Schutzmacht; und was
am "friendly fire" freundlich sein soll, verschließt sich schon lange
der linguistischen Analyse. "Live and let die": Live-Berichte vom
Schauplatz des Todes. War das nicht wirklich investigativ und
schaurig schön? War das nun Reality-TV in ultimativer Dosis? Aber
warum nicht noch Satelliten-Kameras auf Panzergeschütze montieren
oder live Raketen auf ihrem Weg zum Ziel begleiten? Und wann gibt
es den ersten bemannten Marsh-Flugkörper?
Die Fernsehstationen: Waffenschau, Festival der
Computergrafiken, Ball der Experten
Ansonsten sah und hörte man das Kriegsübliche. Es war die Stunde der
Experten: Militärexperten, Sicherheitsexperten, Nahost-Experten,
Völkerrechtsexperten... Man war erstaunt, wie viele es davon gibt – und
dann noch mit so vielen unterschiedlichen Meinungen. Nur
Sprachexperten waren selten gefragt. Pensionierte Generäle im halben
Dutzend wurden vorübergehend reaktiviert, die Waffensysteme
aufzählten wie neue Automodelle und menschliche Opfer aus ihren
Strategieanalysen und Kriegsprognosen meist souverän ausblendeten:
Kollateralschäden halt. Wichtiger waren Reichweite, Zerstörungskraft
und sonstige Vorzüge der Bomben. Und deren Namen. Erinnert Tomahawk
uns nicht an Winnetou oder die Indianer-Spiele der Kindheit, B52
an eine Musikgruppe? Was ist schon martialisch am
"Marsh-Flugkörper". Oder wer würde an etwas Böses denken bei der
"Mutter aller Bomben"? Kostenlos und wiederholt gesendete
Werbevideos der Rüstungsindustrie ergänzten die Waffenschau, in
besserer Optik als auf der Playstation, Mordinstrumente in perfekter
Ästhetik – das Insert "Dauerwerbesendung" suchte man indes vergebens.
"Chirurgische
Eingriffe" hatten die US-Streitkräfte versprochen, sozusagen
minimalinvasiv und endoskopisch die "Bösen" zu treffen und die
Zivilbevölkerung (als ob es in Kriegszeiten noch etwas "Ziviles"
gäbe") zu verschonen. Einem solchen Chirurgen würde man sich
freilich nicht auf den OP-Tisch legen. Und das, obwohl die Amerikaner
und Briten "smart bombs", "intelligente Bomben", massenhaft einsetzten.
Wer wollte den Bomben vorwerfen, dass sie ihr Ziel manchmal
verfehlten und in syrischen Bussen oder iranischen Dörfern
landeten? Vielleicht waren sie sogar intelligenter als diejenigen,
die sie auf irakische Städte warfen. Auch die Liebhaber der
Computergrafik kamen nächtelang voll auf ihre Kosten. Endlich
kennen wir alle Großstädte im Irak. Und "bunkerbrechende Bomben" flogen
so schön exakt ins Ziel, dass sogar das computeranimierte Häuschen
über dem Bunker unversehrt stehen blieb. Auch hier von Menschen
natürlich keine Spur; das Real Life hat halt ein paar
"Programmierfehler". Jedes auf dem Index stehende Videospiel ist
zumindest ehrlicher, wenn Blut in Mengen fließt.
Neu
war immerhin, dass die amerikanischen Sender starke Konkurrenz aus
den arabischen Ländern bekamen: Al Dschasira und Abu-Dhabi-TV
sorgten vor allem in den ersten Kriegstagen für ungewohnten
publizistischen Gegenwind und entlarvten manch schöne Erfolgsmeldung
als Finte. Die Globalisierung schlägt zurück.
Ob
in den USA, Europa oder Arabien: Kriegszeiten sind vor allem
Quotenbringer für die privaten Nachrichtensender. Die
Informationsnerven des Zuschauers unter Dauerbeschuss, rund um die Uhr,
nur unterbrochen von Werbeblöcken: "Bleiben Sie dran, es bleibt
spannend." Und wie bei Sportereignissen konnte man "voten", wie
lange der Krieg denn wohl noch dauern wird. Selbst auf den
Börsenticker musste niemand verzichten, nicht einmal bei
Abu-Dhabi-TV. Na gut, es ist Krieg, aber warum sollen Nachrichtensender
Layout und Konzept ändern? Informationszynismus pur.
Ein Bild lügt mehr als 1000 Worte: Zeigen oder
nicht zeigen
"The Medium ist the Message" hat Marshall McLuhan schon vor 40 Jahren
festgestellt – besonders in Kriegszeiten. Fernsehen, das wissen wir doch
alle, ist ein Bildmedium. Neuerdings wissen wir aber auch: Ein Bild
lügt mehr als 1000 Worte. Was sollte man also zeigen, was
verschweigen?
Die Journalisten standen sicherlich vor einer ethisch schwierigen
Abwägung: Soll man Bilder von verstümmelten Bombenopfern, toten
Kindern oder Gefangenen in Todesangst präsentieren, weil nur dies
die Grausamkeit des Krieges begreifbar macht oder zumindest eine
Annäherung an die Wirklichkeit erlaubt? Soll man aus Respekt vor der
Würde des einzelnen Menschen und der Furcht vor propagandistischer
Instrumentalisierung eben diese Bilder nicht ausstrahlen? Der
Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar forderte auf der
Grimme-Preis-Verleihung 2003 den Mut, auf Bilder vom Krieg zu
verzichten und ehrlich zu sagen, dass man eigentlich nichts wüsste, weil
die Kriegsparteien die Sicht auf den wahren Krieg verstellten.
Vorstellbar? Aushaltbar? Angemessen? "Stell' Dir vor es ist Krieg –
und keiner sieht hin."
Die Stunde der Zeitungen
Der Irak-Krieg war wieder einmal die "Stunde der Zeitungen", wie der
Publizist Uwe Kammann im Branchendienst epd konstatiert.
Vom Druck der Dauer-Sondersendungen befreit, konnten die Presseleute
distanzierter, reflektierter, umfassender als die Kollegen der
Funkmedien berichten. Selten war man so bemüht, den Kriegsereignissen
Hintergründe an die Seite zu stellen, Historisches, Kulturelles,
Ethisches, Menschliches. Schließlich hatte man sich ja intensiv auf
den lange angekündigten Krieg vorbereiten können. So
unterschiedlich die Alliierten und das "alte" Europa auf der
politischen Bühne agierten, so unterschiedlich auch die
Berichterstattung in den Zeitungen. In den USA malte man bevorzugt
"Bilder der Apokalypse", die den Vormarsch der Amerikaner
dokumentierten, deutsche Medien machten laut Kammann häufig mit
Fotos von Verletzten, Flüchtlingen oder Demonstranten auf. Medien,
die gegen Volkes Meinung anschreiben, leben halt gefährlich. Wann
waren sich Unternehmer, Gewerkschaften und Kirchen in Deutschland das
letzte Mal einig?
Internet: Weblogs als zartes Pflänzchen der
Gegenöffentlichkeit
Der Einmarsch in den Irak wurde aber auch zum ersten großen
Internet-Krieg. Nicht nur die rekordverdächtigen Zugriffe auf spiegel.de
oder vergleichbare Sites zeigen die rapide gestiegene Relevanz des
Webs als schnelles Informationsmedium. Unzählige Foren dienten als
Ventil, um Für und Wider des Krieges unermüdlich zu diskutieren oder
um einfach Wut abzulassen.
Eine
besondere Rolle spielten die so genannten Weblogger, die sich als
eine Art Opposition zu den "Mainstream-Medien" sehen. Einen
Einstieg bietet etwa das kriegskritische "Warblogger"-Portal.
Durch laufende Kommentare zum Kriegsgeschehen, Vor-Ort-Berichte bis hin
zu Web-Tagebüchern von Augenzeugen versuchte man, eine
Gegenöffentlichkeit zu den Massenmedien aufzubauen. Basisdemokratie
via Internet. Nur wer möchte hier zwischen Dichtung und Wahrheit
unterscheiden? Vor dem Dilemma des Zweifels gibt es kein Entrinnen.
Demonstrationen als letzter Hort der
Sprachkreativität?
Bei allen sprachlichen Sünden, die uns der Irak-Krieg bescherte: Auch
die Sprachkreativität hatte ihre Chance, auf den Demonstrationen in
aller Welt. Neben Klassikern wie "Friede den Hütten, Krieg den
Palästen" las man auf den Transparenten etwa "Make tea not war" oder:
"Jeder Mensch ist ein Argument". Das Englische wurde beflissen aus
der Sprache der Friedensbewegung eliminiert, statt Peace
bestimmte Pace das Straßenbild, der Papst feierte ein
unerwartetes Comeback als Symbolfigur des Pazifismus. Am 15. Februar
2003 gingen weltweit über sechs Millionen Menschen bei
Friedensdemonstrationen auf die Straße. Ein Rekord der Machtlosigkeit,
sympathische Züge der Ohnmacht. Die Parolen hatten nie eine Chance,
eine ähnliche Sprengkraft zu entfalten wie in der Wendezeit
1989/90.
Das Lachen im Halse: Comedy in Zeiten des Krieges
"Es sollten viele Sendungen ausfallen, aber dafür muss es keinen Krieg
geben." So beantwortete Harald Schmidt die Frage, ob Unterhaltungsshows
in Kriegszeiten opportun sind. Blauhelm auf, Friedenstaube ans
Revers, weiter geht's. Vom 11. September noch völlig überrascht und
irritiert vom Sender gestolpert, haben die Raabs und Co. während
des Irak-Kriegs tapfer weitergekalauert. Zu quälend lang war die
Vorgeschichte, zu herausfordernd das kollektive Versagen der
Weltpolitik. Die Real-Satire toppt jedes Kabarett. "Bagdad, 8.30 Uhr
morgens. Die Frisur sitzt." Lachen als Katharsis, als Beruhigung,
Ablenkung; das Fronttheater sendet weiter. Nicht mal das Feuilleton
hatte ernsthaft etwas dagegen.
War sells: Die Vermarktung des Krieges
Der Unterhaltungsmulti Sony ("let's make things better") erlebte in
diesen Tagen aber dennoch sein blaues Wunder: Da hat sich die
Weltöffentlichkeit doch tatsächlich darüber entrüstet, dass man das
neueste Videospiel "Shock and Awe" nennen wollte, wie die
Kriegsstrategie der USA. Dabei hatte der Feldzug der Bush-Krieger
doch eine so gelungene Werbekampagne betrieben, die Marketing-Kosten
wären gleich Null gewesen. Und nun diese Entrüstung. Die Konkurrenz
freut sich indes: Zehn andere Unternehmen fiebern derzeit der
Entscheidung der amerikanischen Administration entgegen, wer den
Namen eintragen und schützen darf. Ob ein Teil der Einnahmen dem
Wiederaufbau des Irak zugute kommt? Auch die ersten
Heldenverfilmungen sind bereits in Arbeit: Man muss sich nur gefangen
nehmen und befreien lassen, zudem am besten noch weiblich sein und gut
aussehen – dem amerikanischen Zuschauer wird's gefallen – und der
irakische kann es Ende des Jahres vielleicht schon über Satellit
genießen. Auch das Kartenspiel mit den 55 Bösesten aus dem Reich
des Bösen findet reißenden Absatz. Und selbst Comical Ali, der
nicht einmal Platz auf der Liste fand, entpuppt sich als
Kassenschlager. War sells.
Und die Moral von der Geschicht'? Vor dem Krieg
ist nach dem Krieg
"Krieg macht klug" hat der Satiriker Robert Gernhardt bösartig aber
treffend festgestellt. Wüssten wir sonst etwas von Basra, Mossul,
Tikrit, von Sunniten und Peschmerga, von dem mittlerweile
geplünderten Kulturerbe im Nationalmuseum in Bagdad? Die
militaristische Bildungsreise via TV ist nun weitgehend beendet. Das
große Showdown zwischen George und Saddam ist leider ausgefallen, der
Schurke nur untergetaucht, das große Medieninteresse mit dem Ende der
großen Schlachten schlagartig weg, die Korrespondenten wieder an
der Heimatfront, auch wenn die unsichere Lage noch vielen das Leben
kosten kann. Der Irak-Krieg gesellt sich bald unauffällig zu den
zig anderen Kriegen auf der Welt, von denen CNN und Fox freilich
nie berichten würden. "Frieden ist Krieg, der woanders ist"
philosophiert Berufszyniker Harald Schmidt. Und schon der große
Stratege Sepp Herberger wusste: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg, oder
so ähnlich. Fortsetzung folgt. Mit neuen Schauplätzen, neuen
Protagonisten, neuen Medieninszenierungen, mit Sturm und Drang.
Veröffentlicht am
08.05.2003
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