MEDIEN
Kommentar / Leitartikel

 

 

"Sturm und Drang" im Wüstensand

Der Sprach- und Bildgebrauch der Medien in den Zeiten des Irak-Krieges: eine Zwischenbilanz

Von Michael Klemm


Es sind ja nicht viele deutsche Wörter, die die englische Sprache fast unverändert ins Vokabular übernommen hat. Meist sind es recht schöne Germanismen, Kindergartenetwa, Rucksack oder Empfindsamkeit, mitunter auch weniger schöne wie Waldsterben. Jüngst kam ein weiterer hinzu: "Sturm und Drang"; oder in der Original-Lautung: "Störm and Dräng". Mit schöner Literatur hatte dies freilich nichts zu tun. In der Nacht, als der Irak-Krieg begann, bezeichnete ARD-Militärexperte Ben Works so die Angriffsstrategie der alliierten Truppen. Gut, dass Goethe und Schiller dies nicht mehr erleben mussten. "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit", sagte US-Senator Johnson 1917, in den letzten Wochen gern zitiert. Zumindest treibt sie mitunter bizarre Blüten. Beispiele gefällig? Hier eine kleine (Zwischen-)Bilanz zur Medienberichterstattung über den Irak-Krieg, zu einem Zeitpunkt, da die Kampfhandlungen offiziell beendet, aber der Friede noch lange nicht erreicht worden ist.

Die Politiker: Pathetische Staatschefs...
Duplizität der Ereignisse: Papa Bush ließ 1991 seinen Pressesprecher Marlin Fitzwater mit den Worten "Die Befreiung Kuwaits hat begonnen" vor die Presse treten, sein Sohn übernahm dies selbst und sprach von der "Entwaffnung des Irak und der Befreiung des irakischen Volkes". Von Kreuzzug und christlicher Mission sprach er nicht mehr. Da aber jeder Feldzug heute einen griffigen Namen braucht, schon wegen der schönen roten Banner auf CNN, entwickelte die Bush-Administration semantische Kreativität. "Iraqi Freedom" sollte der Überfall genannt werden. Schade nur, dass einige Tausend Iraker diese Freiheit aufgrund der "Demokratisierung von oben" nicht mehr erlebten.

Aber man war ja nach dem zähen und würdelosen "Vorspiel auf dem Welttheater" der Vereinten Nationen fast dankbar für die Nennung der Motive, hatte Bush doch in den Monaten zuvor schneller neue Gründe für das Eingreifen im Irak aus dem Hut gezaubert, als sie die Gegenseite entkräften konnte. Das Gezerre im UNO-Sicherheitsrat war ein Paradebeispiel für Realpolitik und kühne Argumentation (wie etwa der Bielefelder Linguistik Walter Kindt analysiert hat). Die Briten und Amerikaner operierten frei nach Winston Churchill: Ich traue nur den Beweisen, die ich selbst gefälscht habe. Was nicht gefällt, wird als irrelevant erklärt.

Die Franzosen, Russen und Deutschen, von amerikanischen Medien verächtlich "Achse der Wiesel" gescholten, stiegen auf zu Friedensfürsten. Interessen gegen Moral? Weltmacht gegen Weltöffentlichkeit? Wenn das mal so einfach wäre. Die Medien mussten sich immerhin monatelang keine Gedanken machen, mit welcher Nachricht sie aufmachen sollten. Und wann gab es zuletzt Live-Übertragungen aus dem Sicherheitsrat? (Wo tagt der noch mal?)

Gegen die kurzen pathetischen Ansprachen des US-Präsidenten verblassten die ausufernden Repliken des irakischen Staatschefs. Aber dennoch hat die "historische Rede" Saddam Husseins am dritten Kriegstag ihren Platz in den Geschichtsbüchern verdient: als inhaltsloseste und am schlechtesten übersetzte Rede eines Staatschefs in Kriegszeiten. Als einzige Frage wurde diskutiert, ob es wieder einmal der echte Saddam gewesen ist. Oder wissen Sie noch den Inhalt? Und welchen Militärchef er besonders lobte?

... und Minister für Sprachverwirrung
Eigentlich hatte US-Verteidigungsminister Rumsfeld (nomen est omen) in diesen Tagen nicht viel zu sagen; einen "Angriffsminister" hatte die Bush-Administration indes nicht benannt. Dennoch schwang sich Rumsfeld, sonst eher ein Mann der kurzen klaren Worte, aus sicherer transatlantischer Distanz dazu auf, nicht weniger als acht Kriegsziele zu formulieren (von denen heute vielleicht zweieinhalb erreicht sind). Aber Schwamm drüber, wer kennt sie heute noch, in der Stunde des Sieges.

Rumsfelds Pendant auf irakischer Seite war der so genannte "Informationsminister" Mohammed Sahid al Sahhaf (nomen est omen: schon der Name verrät Geschwätzigkeit), der spätestens ab der zweiten Kriegswoche ohne Unterlass Desinformationen verbreitete, wenn auch unterhaltsame. In früheren Zeiten hieß so etwas "Propagandaminister" – eigentlich ehrlicher.

Allerdings hat es der Iraker im Gegensatz zu Rumsfeld und Powell zum Kultstatus und zu einer Internetseite gebracht, auf der man seinen lustigen Realitätskonstruktionen ("es gibt keine Amerikaner in Bagdad", "wir werden sie alle schlachten", "die Amerikaner betreiben kollektiven Selbstmord") weitere hinzugefügt hat. Tassen und T-Shirts gibt's natürlich auch, sogar eine sprechende Puppe kann man erstehen. Der Billigflieger Ryanair wirbt mit seinem Konterfei und dem Spruch "Ich verspreche eine Million Gratisplätze". Wäre "Mo" oder "Comical Ali", wie er spöttisch in den USA genannt wird, nicht untergetaucht, ihm stünde als heimlichem Helden des Krieges eine glänzende Karriere als Showmaster offen. Der ganz normale Wahnsinn des Krieges oder blanker Zynismus?

Die Militärs: Einsatz von "Massenverdummungswaffen"
Zugegeben, die gezielte Irreführung des Gegners und der Öffentlichkeit gab es schon immer, im alten Rom, im Dreißigjährigen Krieg, im Zweiten Weltkrieg, ja selbst in Friedenszeiten, wie etwa Kritiker der Bush-Administration im Internet auf http://www.disinfopedia.com/ zu belegen versuchen. Und dennoch war die "Informationspolitik" der Militärs auf beiden Seiten rekordverdächtig. Insgesamt neun Mal wurde der Fall der Hafenstadt Umm Kasr gemeldet.
Die Exekution britischer Kriegsgefangener entpuppte sich als plumpe Falschmeldung. Die Übernahme eines vom Militär verlassenen Krankenhauses wurde als heroische Befreiung einer US-Soldatin dargestellt. Und wer hat mitgezählt, wie oft die alliierten Truppen schon eine heiße Spur zu den Chemie-Waffen im Irak gefunden haben wollten und wie viele Scud-Raketen die irakische Armee nun angeblich auf Kuwait abgefeuert hat? Volksverdummung als Bärendienst für den angeblichen Exportschlager westliche Demokratie. Aber die Iraker standen dem in nichts nach, wenn man nur an die "heldenhafte" Verteidigung von Saddam International Airport denkt.

Die Nachrichtensprecher und die Konjunktivitis
Während die amerikanischen und britischen Fernsehsender sich meist im Pathos überschlugen und im täglichen Wettstreit nach der heroischsten Headline standen, hatte das deutsche Fernsehen offenbar aus den Propagandatricks des ersten Golfkriegs gelernt. So viel Selbstreflexion und Sprachsensibilität war nie. Der Konjunktiv feierte fröhliche Urständ, Modalwörter wie möglicherweise oder vielleicht und so genannte Heckenausdrücke wie unter Umständen, die sonst jeder Schlussredakteur energisch aus den Beiträgen streichen würde, forderten die syntaktische Kompetenz der Sprecher. Fast schon ritualisiert wurden jeweils die Quellen doppelt und dreifach ausgewiesen, das Ungesicherte und Vorläufige beschworen, auf potenzielle Propaganda hingewiesen. "Nach noch unbestätigten Meldungen aus amerikanischen Militärkreisen könnte morgen möglicherweise Dienstag sein. Al Dschasira bezweifelt dies, die irakische Regierung dementiert." Jeden Tag stand in der Süddeutschen Zeitung in einem kleinen Kasten, wie schwer es ist, in Zeiten des Krieges vertrauenswürdige Informationen zu erhalten. Wenn man doch nur mal in Friedenszeiten die alltäglichen Nachrichten mit gleicher Skepsis und sprachlicher Sorgfalt vermitteln würde!

Aber seien wir nicht so beckmesserisch. Der Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser stellte den deutschen Journalisten in der "Leipziger Volkszeitung" ein gutes Zeugnis aus; immerhin konnte der "Herr der Unwörter des Jahres" bislang keine neuen entdecken, Distanz und Vorsicht wurden im Vergleich zum ersten Irak-Krieg gelobt.

Die Korrespondenten: Zelebration des Nullmediums
Schon seit der Antike gilt: Kein Krieg ohne Korrespondenten. Und so übermittelten auch diesmal die Kriegsreporter – wenn denn die Leitung mal stand – unter Einsatz ihres Lebens bewegende Erkenntnisse in die Heimat: "Von hier aus kann ich nichts sehen." – "Vor zwei Stunden hat es ganz in der Nähe heftig gekracht, wir wissen noch nicht wo." – "Heute Nacht war es relativ ruhig." Dazu die typische Körperhaltung: Ein Hand am Hörgerät im Ohr, um die Stimmen aus der Heimat zu vernehmen, den Kopf und Körper immer wieder nach hinten gedreht, um die Situation im Blick zu behalten – die Comedians im Fernsehen hatten eine Nummer mehr für ihre Parodien. In Friedenszeiten würde man für diese "Informationen" gefeuert, in Zeiten informationellen Notstands wurden sie zur stündlich wiederholten Botschaft aus dem Auge des Krieges, beseelt von sokratischer Weisheit: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Zwei von ihnen, Antonia Rados (RTL) und Ulrich Tilgner (ZDF) erhielten immerhin den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.

Was sollen hektische und übernächtigte Journalisten auch machen, die laufend Sondersendungen zu füllen haben, aber von spärlichen und höchst zweifelhaften Informationen abhängig sind. Er habe, so Harald Schmidt in den ersten Kriegstagen, die Berichte schon mitsprechen können, in der Endlosschleife des Informationsstrudels.

Der "Bilderteppich", den die Korrespondenten überlieferten, stand den Statements an Informationsfülle in nichts nach. Minutenlang sah man etwa grünliche verpixelte Bilder vom Nachthimmel über Bagdad, auf denen schlicht nichts zu erkennen war. Wenn es denn doch mal etwas zu erspähen gab, dann diffuses Funkeln und Blitzen, oder aber Autos, die ruhig durchs die Hauptstadt rollten. Kontemplatorisch reizvoll, für Informationssuchende eine Farce. Eine Web-Cam in der Tagesschau-Kantine wäre spannender gewesen. Bild schlägt Sinn.

Die "embedded journalists": Staub und Blut auf dem Objektiv
Eine bahnbrechende Innovation hatte der Irak-Krieg auch zu bieten: Die ganz mutigen (oder verrückten?) unter den Journalisten gingen zu Hunderten in der Medienschlacht an die Front, als "embedded journalists", auf Einladung und im Tross der Alliierten. Quasi Krieg in Echtzeit und mit subjektiver Kamera, Wackelbilder wie aus den Gründungstagen von MTV. Bush-Krieger auf Wüsten-Rallye, eine Mischung aus Camel-Trophy und Paris-Dakar, und mitten drin immer die verwegensten unter den (noch) lebenden Journalisten. Die Berichte selbst waren freilich auch bestenfalls affektiv anregend – was kann man schon berichten, wenn man "auf das Kriegsgeschehen aus dem Sehschlitz eines Panzers schaut", wie Medienforscher Bernd Gäbler in einem Interview mit der Deutschen Welle formuliert. War der afrikanische Kollege, der im heimischen Besenschrank die authentische Kriegsreportage inszenierte, so viel weniger informativ?

Ihren Schutz erkauften die Journalisten jedenfalls mit zensierten Berichten. Und wehe, wenn nicht: Peter Arnett, CNN-Reporterlegende aus Gulf War I, wurde von seinem Sender gefeuert, weil er nicht patriotisch genug berichtete. Dem Labour-Vorsitzenden und Kabinettsminister John Reid wird zugeschrieben, die BBC als "Bagdads Freund" bezeichnet zu haben. Das Bemühen um Objektivität oder zumindest Neutralität hat eben in Kriegszeiten gefälligst zu unterbleiben.

Eigentlich klingt eingebettet ja auch eher nett als kritisch, geradezu kuschelig – wenn nicht einige Journalisten, darunter der Focus-Redakteur Christian Liebig, zur letzten Ruhe gebettet worden wären. Andere starben gar durch die Hände der Schutzmacht; und was am "friendly fire" freundlich sein soll, verschließt sich schon lange der linguistischen Analyse. "Live and let die": Live-Berichte vom Schauplatz des Todes. War das nicht wirklich investigativ und schaurig schön? War das nun Reality-TV in ultimativer Dosis? Aber warum nicht noch Satelliten-Kameras auf Panzergeschütze montieren oder live Raketen auf ihrem Weg zum Ziel begleiten? Und wann gibt es den ersten bemannten Marsh-Flugkörper?

Die Fernsehstationen: Waffenschau, Festival der Computergrafiken, Ball der Experten
Ansonsten sah und hörte man das Kriegsübliche. Es war die Stunde der Experten: Militärexperten, Sicherheitsexperten, Nahost-Experten, Völkerrechtsexperten... Man war erstaunt, wie viele es davon gibt – und dann noch mit so vielen unterschiedlichen Meinungen. Nur Sprachexperten waren selten gefragt. Pensionierte Generäle im halben Dutzend wurden vorübergehend reaktiviert, die Waffensysteme aufzählten wie neue Automodelle und menschliche Opfer aus ihren Strategieanalysen und Kriegsprognosen meist souverän ausblendeten: Kollateralschäden halt. Wichtiger waren Reichweite, Zerstörungskraft und sonstige Vorzüge der Bomben. Und deren Namen. Erinnert Tomahawk uns nicht an Winnetou oder die Indianer-Spiele der Kindheit, B52 an eine Musikgruppe? Was ist schon martialisch am "Marsh-Flugkörper". Oder wer würde an etwas Böses denken bei der "Mutter aller Bomben"? Kostenlos und wiederholt gesendete Werbevideos der Rüstungsindustrie ergänzten die Waffenschau, in besserer Optik als auf der Playstation, Mordinstrumente in perfekter Ästhetik – das Insert "Dauerwerbesendung" suchte man indes vergebens.

"Chirurgische Eingriffe" hatten die US-Streitkräfte versprochen, sozusagen minimalinvasiv und endoskopisch die "Bösen" zu treffen und die Zivilbevölkerung (als ob es in Kriegszeiten noch etwas "Ziviles" gäbe") zu verschonen. Einem solchen Chirurgen würde man sich freilich nicht auf den OP-Tisch legen. Und das, obwohl die Amerikaner und Briten "smart bombs", "intelligente Bomben", massenhaft einsetzten. Wer wollte den Bomben vorwerfen, dass sie ihr Ziel manchmal verfehlten und in syrischen Bussen oder iranischen Dörfern landeten? Vielleicht waren sie sogar intelligenter als diejenigen, die sie auf irakische Städte warfen. Auch die Liebhaber der Computergrafik kamen nächtelang voll auf ihre Kosten. Endlich kennen wir alle Großstädte im Irak. Und "bunkerbrechende Bomben" flogen so schön exakt ins Ziel, dass sogar das computeranimierte Häuschen über dem Bunker unversehrt stehen blieb. Auch hier von Menschen natürlich keine Spur; das Real Life hat halt ein paar "Programmierfehler". Jedes auf dem Index stehende Videospiel ist zumindest ehrlicher, wenn Blut in Mengen fließt.

Neu war immerhin, dass die amerikanischen Sender starke Konkurrenz aus den arabischen Ländern bekamen: Al Dschasira und Abu-Dhabi-TV sorgten vor allem in den ersten Kriegstagen für ungewohnten publizistischen Gegenwind und entlarvten manch schöne Erfolgsmeldung als Finte. Die Globalisierung schlägt zurück.

Ob in den USA, Europa oder Arabien: Kriegszeiten sind vor allem Quotenbringer für die privaten Nachrichtensender. Die Informationsnerven des Zuschauers unter Dauerbeschuss, rund um die Uhr, nur unterbrochen von Werbeblöcken: "Bleiben Sie dran, es bleibt spannend." Und wie bei Sportereignissen konnte man "voten", wie lange der Krieg denn wohl noch dauern wird. Selbst auf den Börsenticker musste niemand verzichten, nicht einmal bei Abu-Dhabi-TV. Na gut, es ist Krieg, aber warum sollen Nachrichtensender Layout und Konzept ändern? Informationszynismus pur.

Ein Bild lügt mehr als 1000 Worte: Zeigen oder nicht zeigen
"The Medium ist the Message" hat Marshall McLuhan schon vor 40 Jahren festgestellt – besonders in Kriegszeiten. Fernsehen, das wissen wir doch alle, ist ein Bildmedium. Neuerdings wissen wir aber auch: Ein Bild lügt mehr als 1000 Worte. Was sollte man also zeigen, was verschweigen?

Die Journalisten standen sicherlich vor einer ethisch schwierigen Abwägung: Soll man Bilder von verstümmelten Bombenopfern, toten Kindern oder Gefangenen in Todesangst präsentieren, weil nur dies die Grausamkeit des Krieges begreifbar macht oder zumindest eine Annäherung an die Wirklichkeit erlaubt? Soll man aus Respekt vor der Würde des einzelnen Menschen und der Furcht vor propagandistischer Instrumentalisierung eben diese Bilder nicht ausstrahlen? Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar forderte auf der Grimme-Preis-Verleihung 2003 den Mut, auf Bilder vom Krieg zu verzichten und ehrlich zu sagen, dass man eigentlich nichts wüsste, weil die Kriegsparteien die Sicht auf den wahren Krieg verstellten. Vorstellbar? Aushaltbar? Angemessen? "Stell' Dir vor es ist Krieg – und keiner sieht hin."

Die Stunde der Zeitungen
Der Irak-Krieg war wieder einmal die "Stunde der Zeitungen", wie der Publizist Uwe Kammann im Branchendienst epd konstatiert. Vom Druck der Dauer-Sondersendungen befreit, konnten die Presseleute distanzierter, reflektierter, umfassender als die Kollegen der Funkmedien berichten. Selten war man so bemüht, den Kriegsereignissen Hintergründe an die Seite zu stellen, Historisches, Kulturelles, Ethisches, Menschliches. Schließlich hatte man sich ja intensiv auf den lange angekündigten Krieg vorbereiten können. So unterschiedlich die Alliierten und das "alte" Europa auf der politischen Bühne agierten, so unterschiedlich auch die Berichterstattung in den Zeitungen. In den USA malte man bevorzugt "Bilder der Apokalypse", die den Vormarsch der Amerikaner dokumentierten, deutsche Medien machten laut Kammann häufig mit Fotos von Verletzten, Flüchtlingen oder Demonstranten auf. Medien, die gegen Volkes Meinung anschreiben, leben halt gefährlich. Wann waren sich Unternehmer, Gewerkschaften und Kirchen in Deutschland das letzte Mal einig?

Internet: Weblogs als zartes Pflänzchen der Gegenöffentlichkeit
Der Einmarsch in den Irak wurde aber auch zum ersten großen Internet-Krieg. Nicht nur die rekordverdächtigen Zugriffe auf spiegel.de oder vergleichbare Sites zeigen die rapide gestiegene Relevanz des Webs als schnelles Informationsmedium. Unzählige Foren dienten als Ventil, um Für und Wider des Krieges unermüdlich zu diskutieren oder um einfach Wut abzulassen.

Eine besondere Rolle spielten die so genannten Weblogger, die sich als eine Art Opposition zu den "Mainstream-Medien" sehen. Einen Einstieg bietet etwa das kriegskritische "Warblogger"-Portal. Durch laufende Kommentare zum Kriegsgeschehen, Vor-Ort-Berichte bis hin zu Web-Tagebüchern von Augenzeugen versuchte man, eine Gegenöffentlichkeit zu den Massenmedien aufzubauen. Basisdemokratie via Internet. Nur wer möchte hier zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden? Vor dem Dilemma des Zweifels gibt es kein Entrinnen.

Demonstrationen als letzter Hort der Sprachkreativität?
Bei allen sprachlichen Sünden, die uns der Irak-Krieg bescherte: Auch die Sprachkreativität hatte ihre Chance, auf den Demonstrationen in aller Welt. Neben Klassikern wie "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" las man auf den Transparenten etwa "Make tea not war" oder: "Jeder Mensch ist ein Argument". Das Englische wurde beflissen aus der Sprache der Friedensbewegung eliminiert, statt Peace bestimmte Pace das Straßenbild, der Papst feierte ein unerwartetes Comeback als Symbolfigur des Pazifismus. Am 15. Februar 2003 gingen weltweit über sechs Millionen Menschen bei Friedensdemonstrationen auf die Straße. Ein Rekord der Machtlosigkeit, sympathische Züge der Ohnmacht. Die Parolen hatten nie eine Chance, eine ähnliche Sprengkraft zu entfalten wie in der Wendezeit 1989/90.

Das Lachen im Halse: Comedy in Zeiten des Krieges
"Es sollten viele Sendungen ausfallen, aber dafür muss es keinen Krieg geben." So beantwortete Harald Schmidt die Frage, ob Unterhaltungsshows in Kriegszeiten opportun sind. Blauhelm auf, Friedenstaube ans Revers, weiter geht's. Vom 11. September noch völlig überrascht und irritiert vom Sender gestolpert, haben die Raabs und Co. während des Irak-Kriegs tapfer weitergekalauert. Zu quälend lang war die Vorgeschichte, zu herausfordernd das kollektive Versagen der Weltpolitik. Die Real-Satire toppt jedes Kabarett. "Bagdad, 8.30 Uhr morgens. Die Frisur sitzt." Lachen als Katharsis, als Beruhigung, Ablenkung; das Fronttheater sendet weiter. Nicht mal das Feuilleton hatte ernsthaft etwas dagegen.

War sells: Die Vermarktung des Krieges
Der Unterhaltungsmulti Sony ("let's make things better") erlebte in diesen Tagen aber dennoch sein blaues Wunder: Da hat sich die Weltöffentlichkeit doch tatsächlich darüber entrüstet, dass man das neueste Videospiel "Shock and Awe" nennen wollte, wie die Kriegsstrategie der USA. Dabei hatte der Feldzug der Bush-Krieger doch eine so gelungene Werbekampagne betrieben, die Marketing-Kosten wären gleich Null gewesen. Und nun diese Entrüstung. Die Konkurrenz freut sich indes: Zehn andere Unternehmen fiebern derzeit der Entscheidung der amerikanischen Administration entgegen, wer den Namen eintragen und schützen darf. Ob ein Teil der Einnahmen dem Wiederaufbau des Irak zugute kommt? Auch die ersten Heldenverfilmungen sind bereits in Arbeit: Man muss sich nur gefangen nehmen und befreien lassen, zudem am besten noch weiblich sein und gut aussehen – dem amerikanischen Zuschauer wird's gefallen – und der irakische kann es Ende des Jahres vielleicht schon über Satellit genießen. Auch das Kartenspiel mit den 55 Bösesten aus dem Reich des Bösen findet reißenden Absatz. Und selbst Comical Ali, der nicht einmal Platz auf der Liste fand, entpuppt sich als Kassenschlager. War sells.

Und die Moral von der Geschicht'? Vor dem Krieg ist nach dem Krieg
"Krieg macht klug" hat der Satiriker Robert Gernhardt bösartig aber treffend festgestellt. Wüssten wir sonst etwas von Basra, Mossul, Tikrit, von Sunniten und Peschmerga, von dem mittlerweile geplünderten Kulturerbe im Nationalmuseum in Bagdad? Die militaristische Bildungsreise via TV ist nun weitgehend beendet. Das große Showdown zwischen George und Saddam ist leider ausgefallen, der Schurke nur untergetaucht, das große Medieninteresse mit dem Ende der großen Schlachten schlagartig weg, die Korrespondenten wieder an der Heimatfront, auch wenn die unsichere Lage noch vielen das Leben kosten kann. Der Irak-Krieg gesellt sich bald unauffällig zu den zig anderen Kriegen auf der Welt, von denen CNN und Fox freilich nie berichten würden. "Frieden ist Krieg, der woanders ist" philosophiert Berufszyniker Harald Schmidt. Und schon der große Stratege Sepp Herberger wusste: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg, oder so ähnlich. Fortsetzung folgt. Mit neuen Schauplätzen, neuen Protagonisten, neuen Medieninszenierungen, mit Sturm und Drang.

Veröffentlicht am 08.05.2003
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