35 Prozent sollten es schon sein
Der Bundestag beschließt eine Radioquote light und will so die Zukunft der deutschsprachigen Musik sichern doch steht die schon längst auf eigenen Beinen
Von Dennis Kittler
Zurzeit ist wieder Stille eingekehrt in eine Diskussion, die zwei, drei Monate
lang die Gemüter von Musikern und Radioverantwortlichen erregt hat, sonst
aber herzlich wenig Beachtung fand: Die Einführung einer Radioquote. 600 Musiker
hatten sich zur Initiative „Musik in eigener Sache“ zusammengeschlossen und
sich zum Ziel gesetzt, deutschsprachige Lieder auf die Playlisten der Radiostationen
zu befördern. Im September war das Thema sogar im Bundestag besprochen worden.
Ergebnis: Eine freiwillige Selbstverpflichtung aller Radiosender zu einem
Deutschanteil von 35 Prozent sollte drin sein.
So der richtig große Durchbruch
dürfte das nicht sein für die Befürworter der Quote, für Udo Lindenberg und
Reinhard Mey etwa, die zugegebenermaßen höchstens noch in Charity-, nicht
aber in Chartshows ihre Auftritte feiern. Eine freiwillige Selbstverpflichtung
der Radiosender bedeutet nämlich nur, dass sie freiwillig entscheiden dürfen,
ob sie 35 Prozent ihres Programms für deutsche Musik freihalten oder nicht.
Bleibt also alles beim Alten?
Deutsche Texte
stehen hoch im Kurs
Wenn es so wäre, würde das vermutlich noch nicht einmal der 35-Prozent-Regelung
widersprechen. Denn ein Blick in die aktuellen Charts einiger Radiosender
zeigt, dass die deutsche Sprache bei weitem nicht so unterrepräsentiert ist
wie gedacht. Bei den sächsischen Sendern Radio PSR und Jump befanden sich
in der zweiten Woche 2005 neun bzw. acht deutschsprachige Lieder in den Top
40 bzw. Top 30. Bei Energy Sachsen schafften es sechs deutsche Lieder in die
Top 40, beim Berliner Sender Fritz ganze sieben und bei Bayern 3 sechs in
die jeweils zwanzig Lieder umfassende Hitparade. In den deutschen Top-10-Singlecharts
tauchen drei deutschsprachige Interpreten auf, von den Englisch singenden,
aber ebenfalls deutschsprachigen Sarah Connor, Scooter und Nu pagadi einmal
abgesehen. Insgesamt ergibt das für diese zufällig ausgewählten Sender also
eine Deutschquote von 25 Prozent, für Radio Fritz sogar genau 35 Prozent.
Bei fünf der sechs Charts befindet
sich gerade ein deutsches Lied auf Platz 1: Bei Radio PSR sind das die Söhne
Mannheims mit „Und wenn ein Lied“, bei Radio Fritz Juli mit „Geile Zeit“ und
bei Jump, Bayern 3 und in den deutschen Singlecharts jeweils Schnappi mit
„Schnappi, das kleine Krokodil“. Das Lied der kleinen Joy, die hinter dem
Schnappi-Projekt steht, zeigt zwar eindrucksvoll, dass mit einem deutschsprachigen
Kinderlied in allen Altersgruppen große Erfolge gefeiert werden können. Ob
es aber ausgerechnet den Befürwortern einer Deutschquote Auftrieb geben wird,
ist zu bezweifeln. Denn wird ausländischer, vor allem englischsprachiger Musik
gern vorgeworfen, deren Texte seien zu simpel, so ist "Schnappi, das kleine
Krokodil" auch nicht gerade Vorbildwirkung für die Möglichkeiten deutscher
Texte zuzuschreiben:
„Ich bin Schnappi
das kleine Krokodil/komm aus Ägypten das liegt direkt am Nil/zuerst lag ich
in einem Ei/dann schni schna schnappte ich mich frei/schni schna schnappi
schnappi schnappi schnapp/schni schna schnappi schnappi schnappi schnapp/Ich
bin Schnappi das kleine Krokodil/hab scharfe Zähne und davon ganz schön viel/ich
schnapp mir was ich schnappen kann/ja schnapp zu weil ich das so gut kann“,
um nur aus den ersten beiden Strophen
zu zitieren. Als Kinderlied grandios aber auch als gesamtdeutscher Charterfolg
tragbar?

Grafik: Angela Lehmann
Denn natürlich haben deutschsprachige
Interpreten viel mehr zu bieten. Ob Gefühlsbetontes, wie die Balladen von
Herbert Grönemeyer oder die zarten Stücke von Xavier Naidoo oder Laith Al-Deen,
oder Rockiges von Marius Müller-Westernhagen; ob Neue Deutsche Welle von Nena
oder eher neue Neue Deutsche Welle von jungen Bands wie Juli, Wir sind Helden
oder Rosenstolz; ob Punk von den Ärzten oder den Toten Hosen oder vielleicht
dann doch die freudig drauflos rockenden Sportfreunde Stiller. Und das umfasst
nur die bekanntesten Deutschmusiker aus der großen Menge aktuell noch engagiert
an Alben arbeitender Sänger und Musikgruppen. Tocotronic, Die Sterne, Element
of Crime und wie sie alle heißen fehlen da noch ganz.
Der Erfolg hängt
nicht vom Radio ab
Was all diesen Gruppen und Solisten gemeinsam ist? Sie alle haben ihre Fans,
unabhängig davon, ob ihre Lieder gerade im Radio gespielt werden oder nicht.
Rammstein zum Beispiel: Die Band zählt nicht gerade zu den in der Öffentlichkeit
voll anerkannten Musikgruppen, wird ihr doch immer wieder der nationalistische
Stempel aufgedrückt. Sei es wie es sei: Fakt ist, dass sie zu den bekanntesten
Bands in Deutschland zählen – und erst recht im Ausland. Und würde darüber
hinaus der Erfolg von Bands allein von ihrer Spielzeit im Radio abhängen,
dann dürften die Toten Hosen auch nicht so viel Erfolg haben. Sie werden zwar
gespielt, aber nicht über Gebühr oft. Und doch sind ihre stadionfüllenden
Konzerte fast immer ausverkauft.
Trotzdem scheinen die Zahl verkaufter
Platten und das liebe Geld die Triebfedern gewesen zu sein, die Debatte über
Deutschquoten im Radio ausgangs des Sommerlochs anzuheizen. Dass es allen
tatsächlich nur um die Erhaltung deutscher Texte geht, ist eher unwahrscheinlich.
Udo Lindenberg wird etwa vom Deutschlandfunk zitiert, er finde es absurd,
dass in den heutigen Zeiten einem jungen Wirtschaftszweig wie der nationalen
Musik „in den Arsch“ getreten wird. Andererseits äußerten sich andere Musiker
wie Xavier Naidoo im Sinne der Spracherhaltung.
Ebenfalls der Deutschlandfunk zitiert
Hans-Jürgen Kratz vom Verband der privaten Rundfunkanbieter: „Entscheidend
bei der Musikauswahl ist die Qualität des Materials und die Akzeptanz bei
der gewünschten Zielgruppe und zwar unabhängig von Sprache oder Herkunft der
Produktion“. So läuft es bislang. Und die deutsche Musik kommt trotzdem gut
weg. So viel Deutsch wie zurzeit ging selten über Deutschlands Äther.
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Veröffentlicht
am 18.01.2005
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