MEDIEN
Kommentar
LEO Irmscher Goodbye

 

Der Traum vom neuen Leben

„Goodbye Deutschland“ – Gründe für einen massenmedialen Trend



Von Frank Irmscher




Da die unscheinbare Familie, die sich aus der Behaglichkeit ihres Hauses und dem provinziellen Charme einer westdeutschen Kleinstadt ins temperamentvolle Spanien aufmacht. Hier die 18 jährige Schülerin, die ihren Freunden adieu sagt, um für ein Jahr in einer schimmeligen, überbevölkerten Gastwohnung in Argentinien zu leben, oder der alleinstehende Handwerker, der beschließt, dem heimischen Deutschland ins frostige Norwegen zu entweichen, wo sein Können mehr Geld wert ist und außerdem die Sonne im Sommer nicht untergeht. Und Millionen sitzen gebannt vor dem Fernseher und sind mit dabei – bei der Abschiedsfeier mit den besten Bekannten, am Flughafen, beim ersten Arbeitstag in der neuen Heimat. Serien im „Mein neues Leben“-Format liegen seit einiger Zeit im massenmedialen Trend. Doch mehr als das: Hinter der Popularität von „Goodbye Deutschland“ und Co. lassen sich konkrete gesellschaftliche Bedürfnisse unserer Zeit vermuten.

Genau genommen muss zwischen zwei Gründen für den Erfolg dieser Sendereihen unterschieden werden. Zunächst sind die Auswanderungsshows nicht mehr als einer mehrerer Nebenarme im Mündungsdelta des breiten „Reality TV“-Stromes. Wenn ein großes Publikum heute voller Neugier mitbeobachtet, wie sich Menschen den Traum von einem anderen Leben erfüllen, so wird dabei zunächst einmal kein anderer Drang befriedigt wie in den 90er Jahren, als Talk-Shows den Gipfel der Breitenwirksamkeit erklommen – eine moderne, medial vermittelte Form von Voyeurismus. Der Grund für den Erfolg der Auswanderungsshows ist in dieser Hinsicht derselbe, der auch für den Erfolg jener Sendungen beiträgt, bei denen sich Menschen dafür bezahlen lassen, dass ihnen vor laufender Kamera die Wohnung eingerichtet wird oder bei denen der Zuschauer das Vergnügen hat, so genannten oder selbsternannten Prominenten beim Abendessen zuzusehen.

Kein bloßer Voyeurismus
Doch allein die Neugier am „echten“ Leben Anderer ist kein hinreichender Erklärungsgrund für die Popularität der Auswanderungsserien. Denn zum anderen ist da noch der Traum selbst. Handelte es sich nur um das Interesse am Leben jener Menschen „von nebenan“, so wäre es allein dem Kalkül findiger Redakteure und Ideengeber geschuldet, dass gerade jetzt Auswanderungsserien einen solchen Boom erleben. Einiges spricht gegen diese Annahme und dafür, dass die besondere Faszination, welche diese Serien vermitteln, gerade für unsere Zeit kennzeichnend ist. Diese Faszination hat, so könnte man argumentieren, ihren Ursprung in der Diskrepanz zwischen positiver und negativer Freiheit, die nie zuvor derart groß war, wie sie es in heutiger Zeit ist.

Auf der einen Seite scheint alles möglich: So billig und so schnell wie nie zuvor können wir Reisen, in andere Welten fliegen. Durch neue technische Lösungen wird so etwas wie Nachbarschaft unabhängig von dem Ort, an dem sich ein Mensch befindet. Entgrenzung – sowohl räumlich als auch zeitlich – ist das zentrale Schlagwort unserer Zeit, jener Phase reflexiver Modernisierung, wie sie theoretisch seit einigen Jahren von Soziologen und Philosophen diskutiert wird. Mobilität und Flexibilität gehören daraus folgend zu den wichtigsten Anforderungen, die an künftige Generationen gestellt werden. Doch wie sind die realen Chancen, die neuen Freiheitspotenziale zu nutzen?

Auswandern – kollektives Faszinosum unserer Zeit
Im Alltag finden die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten zu freiem Handeln ihr jähes Ende. Dabei sind es vor allem der Zwang zur Erwerbstätigkeit und die Schnelllebigkeit unserer Zeit, durch die jene mögliche Freiheit ein Traum bleibt, den der Zuschauer allenfalls nach getaner Arbeit vor der Mattscheibe sitzend zu träumen wagen darf. Hier zeigt sich die Ambivalenz technischen Fortschritts. Dieser schafft einerseits Möglichkeiten, trägt aber andererseits auch dazu bei, dass jene den meisten Menschen verwehrt bleiben – sei es schlicht und einfach, weil ihnen die Zeit dafür nicht bleibt. Aus dem Eingebundensein des Einzelnen in ein komplexes Netz von Institutionen erfährt schließlich der Traum vom Aussteigen seine Nahrung. Neben dem Karrieredenken und der biografischen Abhängigkeit von relativ streng vorgegebenen Lebensschritten, Fähigkeiten und Erfahrungen bleibt häufig kaum Raum für wirklich selbstbestimmtes Handeln.

So erfährt letztlich das, was eigentlich möglich wäre, es jedoch real nicht ist, eine Verklärung und wird zum Faszinosum. Der Traum vom Auswandern, vom Aussteigen aus jenem vorgezeichneten Weg, den der gehen muss, der in unserer komplexen Gesellschaft Erfolg haben will, ist genau jener, denn die Zuschauer haben, die die junge Schülerin oder den alleinstehenden Handwerker bei ihren ersten Schritten in deren neuen Leben begleiten. Plausibel erscheint daher die Vermutung, dass jene Sendungen noch lange Erfolg haben werden.

Veröffentlicht am 18.12.2007
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