MEDIEN
Kommentar
LEO Feger Bildjournalismus

 

Jetzt sind alle Leser Journalisten!

Und sollten sich über die Risiken im Klaren sein

Von Claudia Feger


Mit einer Marketingaktion macht eine große deutsche Boulevardzeitung ihre Leser zu Reportern. Ein Kindheitstraum vieler Menschen scheint Wirklichkeit zu werden, denn wer wollte nicht schon einmal einen eigenen Beitrag in einer Zeitung veröffentlichen? Eine langwierige Ausbildung, Volontariat oder gar ein Studium sind nicht mehr nötig, denn eine Handykamera genügt und "Big Reader is watching you"! Doch es stellt sich die Frage, ob die Aktion der Zeitung massenhafte Aufforderung zum Rechtsbruch ist.

Die Idee, Leser Bilder für die Zeitung machen zu lassen, ist dabei keineswegs neu. Meist gab es jedoch für Leserfotos kein oder nur ein sehr geringes Honorar, anders bei der Boulevardzeitung. Dort winken dem Leserreporter für einen Schnappschuss 500 Euro Prämie, wenn es bundesweit veröffentlicht wird. Das ist leicht verdientes Geld für ein Foto und munter knipst die Republik drauf los. Nicht nur bekannte Personen auf Film und Sport, sondern auch D-Prominente und Unfallopfer sind das gesuchte Ziel. Gern macht die Zeitung auch ihre Leser zu Hilfssheriffs, wenn Prominente Fehler machen. Wie zum Beispiel der deutsche Fußballstar, der beim Urinieren auf dem Parkplatz mit einer Handykamera abgelichtet wurde.


Doch die Volkspaparazzi gehen ein hohes Risiko ein. Denn die Leser, welche die Fotos einschicken und sich über das leicht verdiente Geld freuen, sind sich nicht im Klaren, dass sie eigenständig für die Unterlassung gegen die Veröffentlichung haften. Fotos von Schröder und Co., vielleicht noch mit Familienmitgliedern, verletzen die Persönlichkeitsrechte, und damit kann jeder Prominente sich nach neuem Recht gegen die Veröffentlichung wehren. So können für den Fotografen hohe Kosten entstehen, wenn ein Opfer sich gegen die Veröffentlichung wehrt. Schnell kommen Anwaltskosten im fünfstelligen Bereich zustande.


Nach Entscheidung des europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte sind Fotos aus dem Privatleben von Prominenten oder auch normalen Personen eindeutig rechtswidrig, wenn diese nicht vorher freigegeben worden sind. Das lernt jeder Journalist in seiner Ausbildung. Von dem Spiel mit den Persönlichkeitsrechten wissen die allgegenwärtigen Leserreporter jedoch meist nichts, ein Hinweis in der Zeitung suchte man vergeblich.

Ausweis
Fotomontage: Romy Kirschnick


Gegen die Aktion läuft der Journalistenverband Sturm, denn sie bringt den ganzen Berufsstand in Verruf. Inzwischen wurden sogar als Werbegag massenweise Presseausweise für die Leser der größten deutschen Boulevardzeitung ausgegeben. Als Begründung wird damit geworben, dass die Leser die Zeitung selbst gestalten können. Es sei als eine Erweiterung des Journalismus anzusehen.

Im Kleingedruckten des Presseausweises findet sich auch ein Hinweis, dass dieser eigentlich gar kein Presseausweis im Sinne des Vereinbarung der Innenministerkonferenz, der Journalistengewerkschaft und der Verlegerverbände sei. Das Pappkärtchen, welches in keine Geldbörse passt, ist also nichts weiter als ein netter Gimmick. Die Ähnlichkeit mit einen "Detektivausweis" aus einer Kinderzeitschrift ist sicherlich auch nur ein Zufall. Aber immerhin, die Karte mit Passbild, Ausweisnummer, Prägeschrift und persönlichen Angaben macht etwas her.

Paparazzi
Grafik: Romy Kirschnick


Nur der Hinweis, dass man das geschossene Bild per SMS/MMS an die Zeitung schicken soll, irritiert. Denn trotz neuester Fotohandytechnik sind Handyfotos qualitätsmäßig kaum für den Abdruck geeignet. Doch Fehlfarben in den Gafferfotos, verschwommene oder verpixelte Bilder scheinen weder Leser noch Redaktion zu stören. Die Gier nach Sensationen rechtfertigt auch miese Fotos.


Doch das ist ein gefährliches Spiel: In dieser neuen Form von Boulevardjournalismus wird Gaffen belohnt. Dies kann Rettungsdienste und Polizei bei ihrer Arbeit behindern. Zudem fördert ein fotografierender Zuschauer die Sensationslust und verhindert die Hilfsbereitschaft von Unfallzeugen. Da hilft der Hinweis im Kleingedruckten des Leser-Reporter-Ausweises, Rettungsdienst und Polizei bei ihrer Arbeit nicht zu behindern, kaum. An die Opfer, die nach einem Unfall regelrecht abgeschossen werden, wird der Volkspaparazzo in dem Moment wohl kaum denken. Es winkt immerhin eine Prämie von 500 Euro!


Veröffentlicht am 14.11.2006
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