Bibelstunde im
Dorf der großen Brüder
Von Anne Braun
„Seid fruchtbar und mehret euch!“ Ein Zitat der Bibel bei RTL 2, genauer
gesagt als Werbeslogan zu „Big Brother“? Hat etwa das Fernsehformat noch einiges
mehr als nur das „B“ mit der Heiligen Schrift gemein? Und siehe da, aus den
Ruinen sind Sodom und Gomorrha wieder auferstanden: „Big Brother“ besitzt
jetzt ein eigenes Dorf!
Anscheinend gibt es unter uns immer noch genügend Willige, die sich
gern einsperren lassen, um vor laufenden Kameras die Idiotie neu zu erfinden
– und es hat ja jeder eine Chance verdient. Wir sind da nicht kleinlich. Offenbar
gibt es aber nicht mehr genug Menschen, die es sich ansehen wollen. Wie konnte
das nur geschehen? Nicht genug Ekel? Nicht genug Zickenterror? Nicht genug
nackte Haut? Was ist nur falsch gelaufen? Es sollte doch so schön werden,
im Dorf der großen Brüder. Aber für den Sender wurde es einsam
im Quotenkeller.
Also liebes RTL 2-Management, ein neues Konzept ist gefragt: Man könnte
ja zum Beispiel das S.O.S.-Team einladen und mit ihnen gemeinsam ungefähr
fünfzehn Folgen lang das komplette Dorf renovieren. Außerdem sollten
nicht nur Singles in überwachten Bunkern wohnen, sondern gleich ganze
Großfamilien aus „XXL“ Und die könnten untereinander „Frauentausch“
veranstalten, bis jeder „seines Nächsten Weib“ getestet hat. Die „Super-Nanny“
hätte jede Menge Arbeit vor sich – massenweise verzogene, hyperaktive
und reizüberflutete Monsterkinder.
Und weil es bei solchen riesigen Menschenaufläufen immer wieder zu Verbrechen
kommt, dürfen die legendären Richter, Anwälte, Schöffen
und ihre Aktenberge natürlich nicht außen vor bleiben. Da die Gerichte
ohne Polizei nichts zu tun hätten, müssen die „Aufpasser“ von „Taff“
für die Verhaftung der Übeltäter sorgen, unterstützt von
Rechtsanwalt Lenßen. Ach ja, die Verurteilten landen übrigens im
„Frauenknast“.
Und wenn uns die Eier aus der dorfeigenen Hühnerfarm ausgehen, dessen
Bauer nebenbei immer noch auf der Suche nach der perfekten Frau ist, fahren
wir zum Dorf nebenan, wo die Familien ins 18. Jahrhundert zurückversetzt
wurden und immer noch mit der Erfindung des Wasserklosetts kämpfen. Aber
wenigstens haben die Eier aus Bodenhaltung und garantiert chemikalienfrei.
Die Frage ist allerdings: Was haben wir dann damit erreicht? Eine komplette
Gesellschaft in Gefangenschaft, aufgezeichnet auf Band, angesehen von einer
weiteren kompletten Gesellschaft. Wie sinnlos wäre das? Wir könnten
womöglich anfangen zu überlegen, ob es nicht besser wäre, den
Fernseher ganz auszuschalten. Unsere Frauen und Mütter zu behalten und
unsere Wohnungen eigenhändig einzurichten, so wie es uns gefällt
und nicht irgendeinem Designer. Überlegen, ob es nicht besser wäre,
wieder mehr Zeitung zu lesen und uns von Anfang an intensiv um unsere Kinder
zu kümmern, die in Deutschland so selten geworden sind. Also legt die
Fernbedienung weg, seid fruchtbar und mehret euch. Das ist doch sowieso viel
schöner als apathisch vor der Mattscheibe zu hocken.
Informationen zur
Verfasserin: Anne Braun studiert Medienkommunikation an der TU Chemnitz.
Veröffentlicht
am 14.06.2005
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