KULTUR
Feature
LEO Tzschucke Schwarzfahrer

 

Nu sajez, pogodi!

Manchmal ist ein Schwarzfahrer einfach Portugiese


Von Volker Tzschucke

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wie schnell zum Beispiel ist es passiert, dass man die Beförderungsbedingungen des Öffentlichen Personennahverkehrs im besuchten Land nicht versteht und dadurch unbewusst zum Schwarzfahrer wird. Doch ist man tatsächlich überall ein „Schwarzfahrer“? In Tschechien ja: „ cerný pasažér “ bedeutet nichts anderes als „Schwarzer Passagier“.

Etwas anders gestaltet sich die Sache weiter östlich: Wer sich in Russland als Schwarzfahrer erwischen lässt, muss neben der offiziellen Brandmarkung als (Sprich: Besbiletnik) – „Ticketloser“ auch die Titulierung als (Sprich: sajez) über sich ergehen lassen. Das heißt nichts anderes als „Hase“. Dies mag verwundern, denn der wohl bekannteste russische Hase aus der Zeichentrickfilmserie „Hase und Wolf“ löst immer ordentlich seinen Fahrschein, wenn er einen Bus betritt. Woher die Bezeichnung aus dem Tierreich rührt, darüber sind sich denn die Experten auch uneinig. Die einen glauben, sie sei in Anlehnung an eine Kindergeschichte des russischen Poeten Nekrasov entstanden, in der sich hilflose Hasen von einem alten Mann per Boot von einer von Überflutung bedrohten Insel retten lassen. Die anderen hingegen vermuten, dass der Name eher von den typischen Fluchtbewegungen ertappter Schwarzfahrer herrührt. Wie es auch sei, an russischen Bussen sind hin und wieder Schilder zu sehen, die auf das Verbot des Schwarzfahrens hinweisen.


Achtung! Hasen gehen zu Fuß!
Schild an einem russischen Bus

In italienischen Zeitungen hingegen lässt sich gelegentlich lesen: "Tre portoghesi fermati in un treno a Pisa" – „Drei ‚Portugiesen' im Zug nach Pisa erwischt.“ Schwarzfahrer werden hier mit den südeuropäischen Atlantikanrainern gleichgesetzt. Eine Erklärung, die vielleicht nicht als wahr, aber zumindest als gut erfunden gelten muss: Im Mittelalter sprach ein Papst portugiesischen Pilgern die größte Frömmigkeit zu und verfügte deshalb, dass ihnen in römischen Restaurants freies Essen zuzugestehen sei. Dies sprach sich schnell herum und allüberall in Rom tauchten plötzlich portugiesische Pilger auf, die über einen auffälligen Akzent verfügten: Italienische Trittbrettfahrer, die sich die kostenlose Sättigung nicht entgehen lassen wollten. Aus der Gastronomie ging der Begriff dann auch ins Verkehrswesen über.


Beim Schwarzfahren erwischt? Luis Figo.
(Quelle:
http://www2.raisport.rai.it)

Eine sprachliche Retourkutsche erlauben sich die Portugiesen für diese politische Unkorrektheit aber nicht. Bei ihnen heißt der Ticketlose wahlweise „passageiro ilegal“ – illegaler Passagier – oder „pendura“, was sich vom Verb „pendurar“ – anhängen, anklammern – ableitet. Auch in Japan hat man von „Schwarzfahrern“ noch nicht wirklich gehört: Diesbezüglich Auffällige bekommen hier sogar einen Adelstitel zugesprochen: „Sazuma no Kami“ – Fürst aus Sazuma. Die Bezeichnung geht auf einen berühmten Schwarzfahrer zurück, eben jenen Fürsten aus Sazuma, einem stattlichen Kerl, der niemals für seine Flussüberfahrten per Boot bezahlte.

Die Chance auf eine ähnliche Karriere als Namensgeber wollte sich womöglich auch der Verkehrsminister des indischen Bundesstaates Bihar eröffnen. Anfang November 2004 ließ er sich gemeinsam mit seinen Leibwächtern in einem Nahverkehrszug ohne gültige Tickets erwischen. Ob sich „Awadh Bihari Choudry“ – so der Name des Politikers – als Bezeichnung für Schwarzfahrer aber tatsächlich durchsetzen wird, bleibt wohl abzuwarten.

zurück zum Editorial von LEOweltweit

Veröffentlicht am 09.08.2005
© Copyright by LEO. Alle Rechte vorbehalten.