KULTUR / FEUILLETON | Kolumne |
LEO Tzschucke Kopfhörer Juli
LEO Kopfhörer - Popmusik lesen
Ein bisschen
Surfer?
Volker Tzschucke liest: Juli. Die perfekte Welle
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Juli: Die
perfekte Welle
Mit jeder Welle
kam ein Traum,
Träume gehen vorüber,
dein Brett ist verstaubt,
deine Zweifel schäumen über,
du hast dein Leben lang gewartet,
hast gehofft, dass es sie gibt,
du hast den Glauben fast verloren,
hast dich nicht vom Fleck bewegt.
Jetzt kommt sie langsam auf dich zu,
das Wasser schlägt dir ins Gesicht,
siehst dein Leben wie ein Film,
du kannst nicht glauben, dass sie bricht.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
lass dich einfach von ihr tragen,
denk am besten gar nicht nach.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
es gibt mehr als du weißt,
es gibt mehr als du sagst.
Deine Hände sind schon taub,
hast Salz in deinen Augen,
zwischen Tränen und Staub,
fällt es schwer noch dran zu glauben,
hast dein Leben lang gewartet,
hast die Wellen nie gezählt,
hast das alles nicht gewollt,
du hast viel zu schnell gelebt.
Jetzt kommt sie langsam auf dich zu,
das Wasser schlägt dir ins Gesicht,
du siehst dein Leben wie ein Film,
du kannst nicht glauben, dass sie bricht.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
lass dich einfach von ihr tragen,
denk am besten gar nicht nach.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
es gibt mehr als du weißt,
es gibt mehr als du sagst.
Stellst dich in den Sturm und schreist,
ich bin hier, ich bin frei,
alles was ich will ist Zeit,
ich bin hier, ich bin frei!
Stellst dich in den Sturm und schreist,
ich bin hier, ich bin frei,
ich bin hier, ich bin frei.
Das ist die perfekte Welle
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
lass dich einfach von ihr tragen,
denk am besten gar nicht nach.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag,
es gibt mehr als du weißt,
es gibt mehr als du sagst.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag dafür.
Das ist die perfekte Welle,
das ist der perfekte Tag.
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Die Bilder, mit denen der Text seine Erlebniswelt eröffnet, weisen in eine eindeutige Richtung: Wellen, Sand, Sturm, das Brett. Die Worte fügen sich zu einem schlüssigen Bild, zu einem Bild von einem Surfer. Mit langen Haaren und kurzen Hosen harrt er am Strand der Wellen, die da kommen mögen und wartet auf Perfektion. Und dann kommt sie: Von der Musik unterstützt, die sich zunächst leise anschleicht, um sich anschließend beinahe wild zu entladen, rollt sie langsam heran, das Wasser schlägt dir ins Gesicht. Das ist sie. Sie ist wunderschön. Die Perfekte Welle. Was lange währt, wird endlich gut. Eine Erfolgsstory. Das perfekte Lied für einen Tag am Meer, die perfekte Surfer-Hymne.

(Foto mit freundlicher Unterstützung von
www. journalistenlounge.de)
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Auch wenn davon auszugehen ist, dass es spätestens mit der ARD-Serie „Gegen den Wind“ und der Nutella-Werbung mit Bjorn Dunkerbeck Mitte der 90er Jahre zu einem enormen Popularisierungsschub für die Sportart „Surfen“ gekommen ist – den unbändigen Erfolg der Perfekten Welle erklärt dies mitnichten. Denn nach wie vor gibt es in Deutschland nur etwa 20. bis 30.000 Surfer. Eine wesentlich größere Zahl an Platten wurde verkauft. Da muss also mehr sein…
Und da ist mehr. Man
muss es schlicht mit Hochachtung zugestehen, in gewisser Hinsicht ist Die
perfekte Welle einfach ein perfekter Popsong. Denn das Lied eröffnet
mehr als nur als eine Erlebniswelt. Der Text gewährleistet mit einem
stetigen Wechselspiel aus Surfer-Sprüchen und landläufigen Phrasen
weite Identifikationsmöglichkeiten: Mit jeder Welle kam ein Traum
beginnt der Text am Wasser, Träume gehen vorüber – das
weiß auch der Nicht-Surfer. Das ist die perfekte Welle heißt
es im Refrain zunächst, um sofort mit Das ist der perfekte Tag
wieder allgemeine Anschlussfähigkeit herzustellen. Lass dich einfach
von ihr tragen lautet der Rat an die Surfer, Denk am besten gar nicht
nach der an den Rest.
Dieses Vorgehen – im gesamten Text durchgezogen – gewährleistet Massenkompatibilität
und Popularität: Sind wir nicht alle ein bisschen Surfer? Sind wir nicht
alle, wartend auf den perfekten Moment, cool, geduldig, duldsam? Und dann
bereit für den Ausritt, für das Hineinstürzen ins pure Glück?
Yes, we are, glauben wir.
Gerade deshalb lohnt es sich, sich diesen Surfer aus dem Juli-Lied noch mal
genauer anzuschauen: Ein Beobachter, ein allwissender Erzähler spricht
ihn stetig an und beschreibt uns seine Seelenlage: Ein Leben lang
schon wartet der Surfer, mit jeder Welle kam ein Traum, mit jeder
Welle aber auch kam ein kleines bisschen mehr Zweifel, dass es sie gibt,
die perfekte Welle. Kein Hirngespinst, dieser Zweifel, nein, physisch
fühlbar ist er: taube Hände, Staub auf dem Brett seine Kennzeichen.
Die Zweifel steigern sich zur Angst, verfehlt zu leben: Der Surfer hat das
alles nicht gewollt, all das Warten und Bangen. Die Hoffnung aber, dass
es sie gibt, die perfekte Welle, gibt er nicht auf, schließlich
gibt es mehr, als er glaubt.
Was aber tut er, wenn sich die Super-Welle tatsächlich naht? Stürzt
er sich hinein in den Moment, auf den er gewartet hat? Wirft er sich aufs
Brett, um auf dem Wasser zu schweben?
Nein, er zaudert, zaudert vor der großen Chance. Lass dich einfach
von ihr tragen, denk am besten gar nicht nach ruft der Beobachter dem
Surfer-Du zu. Doch der doppelte Imperativ verpufft: Nirgends ist zu hören
oder zu lesen, dass der Surfer mit einem beherzten Sprung auf sein Brett reagiert.
Stattdessen verharrt er an seinem Strandplatz, stellt sich in den Sturm
und schreit. Natürlich: Selbstbewusst und enthusiastisch klingt
dieser Schrei – Ich bin hier, ich bin frei hat mindestens soviel
Euphorie-Gehalt wie Freude schöner Götterfunken. Ein Hineinstürzen
ins Glück sieht dennoch anders aus. Sind also seine Zweifel zu groß,
dass der Moment tatsächlich gekommen ist? Gibt es tatsächlich immer
noch Zweifel, dass man hier und jetzt zugreifen muss, um Glück zu erfahren?
Oder möchte uns Juli den Verzicht des Surfers – unseren Verzicht – als
größtes Glück verkaufen? Wenn das die Botschaft wäre,
könnte man getrost auf das Lied verzichten. Die mehrfache Aufforderung
an den zaudernden Surfer, den Zauderer in uns, – im Refrain und besonders
am Ende mehrfach wiederholt – lässt an dieser Botschaft glücklicherweise
zweifeln.
Denn mit dieser Wiederholung seines Imperativs wird der Beobachter zur eigentlich
interessanten Figur: Er ist der Akteur des Liedes. Er ist ein bester Freund,
der Warten, Hoffen, Zaudern reflektiert. Ein Antreiber, der Bangen anerkennt,
aber nicht duldet. Der Wegweiser, der unermüdlich drängt, sich auftuende
Chancen zu nutzen. Er ist die Figur in diesem Lied, mit der sich die Identifikation
lohnt.
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Veröffentlicht
am 17.01.2006
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