KULTUR / FEUILLETON
Reportage
LEO Potzler China

 

Variationen über die Verständigung eines Europäers in China



Von Andrea Potzler

 

Variation 1
Wie man an einen Ort kommt, den man nicht aussprechen, nicht aufschreiben und auch nicht aufmalen kann
In China war ich natürlich erst einmal Analphabet – hübsch sind die Zeichen ja, der ästhetische Genuss stellte für mich allerdings die einzige Möglichkeit des Zeichenkonsums dar. U-Bahn- und Bus fahren fällt damit ziemlich flach. Schilder lesen auch. Man weiß einfach nie, wo man ist, wenn man die Stadt nicht kennt. Dann eben das Taxi. Damit die sehr freundlichen Taxifahrer einen allerdings auch wirklich an den Wunschort bewegen, sollte man vorher einen verständigen Chinesen wie z.B. den Reiseleiter fragen, ob er denn nicht den betreffenden Ort groß auf einen Zettel schreiben kann. In lateinischen Buchstaben wird der Taxifahrer das nicht lesen können. Und selbst wenn man sich zehnmal hat sagen lassen, wie man denn nun das allen bekannte Ufer des Flusses ausspricht, an dem man die Hochhäuser in Shanghai besichtigen kann, wird das nicht reichen. Man kann es mit einem schussähnlich kurzen „buannd“, mit einem eher blökenden „boend“ oder mit „buhuhuund“ versuchen, nur ganz leicht variiert. Klingt ja alles ganz gleich für europäische Ohren. Aber nein, der Taxifahrer versteht einen nicht. Lächelt freundlich und fährt nicht. Chinesisch ist wohl sehr musikalisch, da muss die Betonung und vor allem die Tonhöhe stimmen. Das kriege ich nicht hin. Auch nicht nach der Reise. Ein netter Chinese wird’s schon aufschreiben.


Andrea Potzler am "Bund" (oder so)

Variation 2
Wie man chinesische Popmusik kauft
Für einen einigermaßen gebildeten Deutschen bedeutet ins europäische Ausland zu fahren meist, dass man die Sprache mindestens ein bisschen versteht (Französisch, Italienisch, Spanisch, Holländisch, ein paar Wörter sind immer drin) oder sich doch zumindest ganz gut mit Englisch behelfen kann. Damit sind ziemlich viele Länder ganz gut abgedeckt, auch außerhalb Europas. Das gilt auch für China – so ein ganz kleines Bisschen. Für die jungen Leute. Die von der Uni. Nur dass sie oft nicht Englisch sprechen, sondern nur lesen können. Bis auf sehr nette Ausnahmen, die wir in Shanghai kennen lernten.

In Peking und Shanghai gibt es seeehr viele DVDs und CDs, seeehr billig und ähm seeehr echt. Das konnten wir uns freilich nicht entgehen lassen. In diesen Läden stehen die DVDs und CDs mit englischer Aufschrift. Ein grosser Vorteil. Man geht in den Laden und schaut sich ganz wie daheim einfach um und sieht, was es für schöne Dinge zu ergattern gibt. Nur manche Kunden haben seltsame Sonderwünsche. Ich etwa wollte natürlich ausgerechnet die CD mit chinesischer Popmusik erstehen, die im Laden aufgelegt war. Ich steuerte auf eine Verkäuferin zu und versuchte, wohl wissend, dass ich eigentlich keine Chance habe, in einzelnen überartikulierten englischen Brocken zu fragen: „ I am looking for the CHINESE MUSIC we are LISTENING TO, äh, HEAR (ich deute aufs Ohr) on CD“.

Verständnisloser Blick – einige chinesisch klingende Worte. Gut, so wird es nicht gehen. Ich deute der Dame an, sie solle mir zum Lautsprecher folgen und nehme gleich im Vorbeigehen eine CD mit. Deute auf den Lautsprecher, mache die gebärdensprachlichen Zeichen für Musik („MUSIC“), deute wieder aufs Ohr und dann auf meine CD („CD“) in der Hand. Sie deutet auf lange Reihen mit CDs und lächelt freundlich. Wiederholt zur Sicherheit „CD“. Nein, nein, so also auch nicht. Irgendwie fällt ihr ein, dass man mich vielleicht mit einer Aufnahme von Richard Clayderman abfertigen könnte. Aber nein, damit bin ich auch nicht ruhig. Ich suche die Stereoanlage, deute drauf, deute auf meine CD, hüpfe zur Musik ein bisschen auf der Stelle und schwinge den Oberkörper hin und her. Sie greift zur Fernbedienung, spielt das nächste Lied vor und gibt mir eine CD und deutet auf die zweite Zeile mit Schriftzeichen, schaltet weiter, deutet auf die dritte. Ich bin begeistert. Zu Hause stellt sich heraus, es ist die richtige. Meine chinesische Popmusik, man frage mich nicht nach Interpret und Titel. Ich bedanke mich mit einem Lächeln, sie freut sich auch. Geht doch.

Als ich dann zu den DVDs ging, durch meinen CD-Erfolg derart gestärkt, und schon wieder auf die gleiche Verkäuferin zusteuerte, um sie zu fragen, ob denn die DVDs englische Untertitel hätten, winkte mein Reisebegleiter Thomas ab. Vielleicht zu Recht, wie wir abends lachend im Bett feststellten.

Variation 3
Wie man aus Hupen Sprachen baut
Eine Sprache gibt es in China, die ist uns Europäern auch in den einfachen Grundzügen ein Begriff. Es ist die Hupsprache. In chinesischer Virtuosität habe ich sie noch nie erlebt und werde sie vielleicht auch nie wieder erleben.

Wir wohnten in Shanghai in einem sehr schicken Hotel im 24. Stock. Von dort oben hatte man einen herrlichen Blick in die Ferne. Mich interessierte die Nähe aber mehr. Die Nähe war eine große Straße. Straßen haben meist einen Mittelstreifen, der vermutlich dazu dienen soll, dass die Autos in der einen Richtung nicht auf die in der anderen Richtung treffen. Vermutlich. Und dann gibt es zwei breite Seitenstreifen. Einen für die rechte, einen für die linke Seite. Da sind vor allem Fahrräder zu sehen. Die Fahrräder sind oft mit so viel Folien, Decken und viel Undefinierbarem beladen, dass wir Mühe hätten, sie auf einen Kleinlaster zu packen. Auf der Strasse gibt es auch Ampeln, die grün und rot leuchten, so wie wir das kennen. Scheinbar mögen die Chinesen es, wenn was leuchtet. Denn auf Fussgänger, die doch tatsächlich bei Grün über die Ampel gehen, wird erst mal mit Vollgas draufgehalten und die Hupe natürlich durchgedrückt. Nett, wenn alle rennen.

Ein weiteres Zierelement der Straße sind die bei uns bekannten Zebrastreifen. Welche Funktion die in China haben, weiß ich leider bis heute nicht. Als ich in meinem bequemen Sessel am Fenster saß, bot sich mir folgender schöne Anblick: kilometerweit nach vorne nichts zu sehen, nach hinten auch nicht. Aber an einem Punkt knäulten sich Autos, viele Autos. Nicht weil sie zusammen gestoßen wären, nein, sie rangelten nur spielerisch um den „besten“ Platz. Dazwischen Fußgänger und natürlich Fahrradfahrer. Man konnte nicht sagen, wie viele Spuren das insgesamt waren, die Zahl wechselte ständig. Aber es gab eben auch Verständigung, wenn sie auch nicht unbedingt glücken musste. Wenn ein Auto kommt und irgendeinen anderen Verkehrsteilnehmer sieht, wird je nach Temperament des Fahrers einmal kurz oder etwas länger gehupt. Das heisst dann vermutlich: „Hallo, hier komme ich“. Dann gibt es noch zweimal hupen, das heisst: „Fahr doch mal weiter, schneller“. Beliebt ist dreimal hupen bei grösserer Ungeduld „Schau, dass Du die Straße räumst“. Einmal lange auf der Hupe bleiben ist ein veritabler Wutausbruch. Das geht dann ständig so, mal kurz, mal lang, unterschiedlich häufig, unterschiedlich freundlich, chaotisch laut.

Ach ja: Hupen ist in China verboten, hat uns der Reiseleiter erklärt.


Was man in China außer Hupen noch alles nicht darf

Nun ja, es war jedenfalls eine phantastische Reisen mit vielen spannenden Erlebnissen. Vielen herzlichen Dank allen, die dafür verantwortlich waren, dass ich diesen Preis überreicht bekam!

Informationen zur Verfasserin: Andrea Potzler studiert in Regensburg und hat beim LEO-Schreibwettbewerb 2003 mit ihrer Reportage eine Reise nach China gewonnen.

Mehr zur asiatischen Art der Kommunikation: Das Nichtgesagte ist gemeint. Die japanische Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens.

zum Editorial von LEOweltweit


Veröffentlicht am 19.04.2005
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