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LEO Lummer Holy shit!

 

Holy shit!

Wie christliche Verlage das Wort Gottes aufpimpen


Von Benjamin Lummer


Spätestens seit Samuel Huntington wissen wir, dass sich die Kulturen unserer Erde nicht immer ganz so gut verstehen, wie es wünschenswert wäre. Zuweilen scheint es auf einen Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt hinauszulaufen, vor allem seit sich ein zutiefst christlicher Bush-Krieger jenseits des Atlantiks im Kampf gegen den islamistischen Terror befindet. Im Gefecht um die Religions-Vorherrschaft auf Mutter Erde läuft Mohammed seinem Schicksalsgenossen Jesus zusehends den Rang ab. Noch haben die Anhänger des Christentums einen komfortablen Vorsprung von etwa einer halben Milliarde Anhänger, doch – dem Umstand geschuldet, dass an der Basis des Christentums, Europa, immer weniger potentielle Christen das Licht der Welt erblicken – sagen Demografen seit neuestem für die Mitte diesen Jahrhunderts ein Überholmanöver der Getreuen des Islam voraus.

Die Sorge um die christliche Religion wächst – und mit ihr entbrennt ein Kampf um die Herzen der Religiösen dieser Welt. Die für das Christentum alles entscheidende Frage lautet demzufolge: Wie bringt man das Wort Gottes an den Mann und die Frau? Da Zwangsmissionierung und Kreuzzüge als probates Mittel für die Verbreitung der Religion Christi im 21.Jahrhundert als unpassend angesehen werden können, mussten sich die Anhänger des Christentums zwangsweise nach Alternativen umsehen. Unglücklicherweise gehen dabei Kreativität und Pietät nicht immer Hand in Hand, Masse überwiegt Klasse, Geschmacklosigkeit paart sich mit christlichem Zelotismus wie Adam mit Eva.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bombardieren beispielsweise so genannte Televangelisten wie Pat Robertson den geneigten Fernsehzuschauer von früh bis abends mit der christlichen Weltanschauung. Während also das gesprochene Wort Gottes in Form von Christian World News über den Äther geschickt wird, gestaltet sich dies für die schriftliche Variante, die Bibel, etwas schwieriger. Das Buch der Bücher bleibt trotz seiner globalen Bedeutung nichts weiter als eben ein Buch – sein Besitz ist nicht gleichzusetzen mit dessen tatsächlicher Lektüre.

Pimp my Bibel!
Damit sich der Leser nicht an den zugegebenermaßen komplizierten Inhalt der Bibel anpassen muss, bringt man am Besten die Heilige Schrift in Übereinstimmung mit den Präferenzen des Lesers – jedem seine Bibel sozusagen. Genau diesem Vorhaben haben sich christliche Verlagshäuser wie Thomas Nelson oder Zondervan gewidmet. Für den vielbeschäftigten aber dennoch religiösen Workaholic offerieren sie beispielsweise die „100 Minuten Bibel“; die Fast-Read-Variante fasst alles Wesentliche auf gerade einmal 105 Seiten zusammen. Entsprechend dem Motto, früh übt sich, wer ein guter Christ wird, gibt’s auch eine „Baby’s Erste Bibel“ – statt der erhofften Guten-Nacht-Geschichte, liest Mama dann aus dem Markusevangelium.


Ersatz für Sandmann und Geschichten aus 1001 Nacht? (Quelle: www.flickr.com)

Die Heilige Schrift wächst mit dem Kind. Für die Comic-Freunde bietet sich die Manga-Bibel an, Action-Fans sollten mit der Abenteuer-Ausgabe voll auf ihre Kosten kommen und wer es eher wissenschaftlich mag, kann sich mit der archäologischen Version vergnügen. Für das starke Geschlecht steht überdies die Männer-Bibel zu Verfügung (geschrieben von Männern für Männer), der Gleichberechtigung wegen darf natürlich auch eine feminine Ausgabe nicht fehlen (welch Überraschung, geschrieben von Frauen für Frauen). Pubertäre Gören auf der Suche nach dem Sinn des Lebens können sich von der „Faithgirlz! Bibel“ (ja, tatsächlich mit dem Plural-z aus der Rap-Kultur geschrieben!) inspirieren lassen.

Unter den Anhängern von Rap und Hip Hop dürfte die „Real-Bibel“ der Verkaufsschlager schlechthin sein, extra für die „vibrierende urbane Volksmenge“ kreiert. Man stelle sich vor, die 10 Gebote im Slang eines 50 Cent, onomatopoetisch untermalt könnte das dann folgendermaßen aussehen: 1. Jo Men, der da oben ist real, himmel ja nicht irgend so ein faker an! (Pistolenklicken)... 5. Jo, Baby, platt machen is out (Schussgeräusch)! … 8. Ei alter, laber keine scheiße über deine Mitmenschen! ...


Moderner Missionar? (Quelle: www.flickr.com)

"How to attract a godly girl?"
Aus dem Buch der Bücher sind sozusagen die Bücher des Buches geworden. Doch damit ist die Kreativität der neuzeitlichen Missionierer im Dienste des Herren noch lange nicht erschöpft. Eine Reihe von Bibelmagazinen schickt sich an, die christliche Lehre im Bravo-Format an den zu bekehrenden Leser zu bringen. Illustrierte wie Refuel (wiederauffüllen), Explore (erforschen) oder Revolve (sich erneuern) beantworten unter anderem die Fragen „Wie (zur Hölle) locke ich ein göttliches Mädchen an?“ und „Wie hebe ich mich vor Gottes Augen hervor?“. Dazwischen findet die zu missionierende Leserschaft ein Extra zu „Girls, Cash & Cars“ sowie diverse Schminktipps – natürlich alles ganz im Sinne des Herrn.

Es steht zu befürchten, dass die Schöpfungskunst derer, die sich um die Verbreitung der christlichen Lehre sorgen, noch nicht an ihre Grenzen gelangt ist. Demnächst werden wir wohl Jesus Christus per Joystick in „Anno im Jahre des Herrn“ oder „World of Christcraft“ über den Computerbildschirm schicken.

Bleibe bei uns oh Herr, damit wir auch dies überstehen.

Amen.

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Veröffentlicht am 11.03.2008
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