Migranten
in der Kulturhauptstadt
Multikulturalität
als Problem und Chance: Was Graz unternimmt, um soziale Brennpunkte und sprachliche
Barrieren zu entschärfen
Von
Nadin Koch und Jeannette Süß
Daheim -
Das ist überall, wo etwas wartet.
Liebe, Eltern, Lachen,
Tiere, Freude, Wärme,
Freunde und Spaß.
Etwas, das lebt.
Und Liebe -
Das, was der Mensch
am meisten braucht.
So drückte Melissa, Schülerin
der Klasse 1a der St. Andrä Schule im österreichischen Graz ihre
Gedanken zum Thema Zuhause aus. Abgedruckt wurde dieses kleine Gedicht in
einer Projektzeitschrift. Die Schule im besonders ausländerstarken Stadtteil
Gries steht stellvertretend mit ihren Schülern aus vielen Kulturen stellvertretend
für die Probleme, aber auch Chancen des Kulturkontakts, für das
Aufeinandertreffen verschiedenster Sprachen und Traditionen, die auf den erste
Blick wenig gemein haben.
Eine Exkursion in Europas Kulturhauptstadt
2003 bot Chemnitzer Studierenden die Chance, einen tieferen Einblick in die
Organisation und das multikulturelle Leben von Graz zu erhalten.
| Das Leben in Graz
wird nicht zuletzt geprägt durch eine Vielzahl an Migranten. Wie
ist deren allgemeine Lebenssituation? Wo wohnen die Migranten? Wie sieht
es mit Arbeitsmöglichkeiten aus? Fragen, die Kheder Shadmann, der
Grazer Ausländerbeauftragte, beantworten kann. Shadmann kam 1984
als Student nach Graz und engagierte sich schon früh für eine
verbesserte Lebenssituation der Migranten. Seit mehr als sieben Jahren
ist er nun als Auländerbeauftragter und Geschäftsführer
des Ausländerbeirates tätig. |
Kheder Shadmann
|
Der Ausländerbeirat besteht
aus neun gewählten Personen, die nicht EU-Staatsbürger sind. Zu
seinen Aufgaben gehören die Beratung der Verwaltung und Politik sowie
die Hilfe bei der Umsetzung von Projekten, Seminaren, Workshops oder kulturellen
Veranstaltungen, letztlich in allen Angelegenheiten, die Ausländern tangieren.
Einzelprobleme stehen dabei nicht in Vordergrund, sondern Missstände,
die ganze Gruppen betreffen. Ein Beispiel für die Arbeit des Ausländerbeirats
ist die Ausarbeitung einer Studie über die Wohnsituation von Einwanderern.
Die größte Ausländerquote mit jeweils ca. 20% gibt es in den
Stadtteilen Gries und Lend. Vor der großen Einwanderungswelle in den
letzten Jahren waren beide Stadtteile typische Arbeiterviertel mit niedrigen
Mietpreisen, aber auch einer relativ hohen Kriminalitätsrate und bekanntem
Rotlichtmilieu. Durch die niedrigen Lebenshaltungskosten zog es vor allem
Ausländer und teilweise auch Studenten in diese Gegenden.
In den letzten Jahren merkt man wieder einen Aufschwung in den Stadtteilen,
da sich verstärkt Geschäfte und Büros ansiedeln. Aufgrund der
nun steigenden Mietpreise wird es nun aber für Einwandererfamilien schwierig,
die erhöhten Kosten zu bezahlen.
Ein Grund dafür ist die schlechte Arbeitssituation der Emigranten, im
Besonderen bei den Ehefrauen. Sie erhalten erst nach fünf Jahren das
Recht zu arbeiten. In dieser Zeit sind sie also finanziell abhängig vom
Ehemann und im Falle einer Scheidung würden sie das Aufenthaltsrecht
verlieren.
Die Statistiken weisen aber nur eine gering höhere Arbeitslosenzahl als
die der einheimischen Bevölkerung auf, was an dem bestehenden Ausländerbeschäftigungsgesetz
liegt. Dieser Mechanismus zwingt die Ausländer, schnell Arbeit zu finden,
um das Aufenthaltsrecht nicht zu verlieren. Negativer Effekt ist, dass dadurch
die Migranten darauf angewiesen sind, eine Tätigkeit unter ihrer Qualifikation
anzunehmen, was letztendlich zu einer Ausbeutung führen kann.

Graz in der Steiermark (rot markiert)
Tor nach Südosteuropa
Insgesamt leben 30.000
AusländerInnen (Zahl von 2000) in Graz. Die Mehrzahl stammt ursprünglich
aus Kroatien, Jugoslawien, Bosnien-Herzegowina und der Türkei. Das liegt
zum einen an der geographischen Nähe von Graz zu diesen Ländern
und zum anderen spielen natürlich politische Krisen und kriegerische
Auseinandersetzungen, speziell der Jugoslawienkrieg eine Rolle.
In zwei Projekte der Kulturhauptstadt
wurden Ausländer einbezogen. Das Projekt GriesKochKultur stellt eine
Einladung zu einer kulinarischen Reise im Grazer Bezirk Gries dar. Inspiriert
durch das Aufeinandertreffen von verschiedenen Nationalitäten, Kulturen
und Religionen will man einen Einblick in die Koch- und Speisetraditionen
fremder Länder geben. Neben dem Schau-Kochen stehen auch das gemeinsame
Essen, interkulturelles Musizieren und Tanzen im Mittelpunkt. Innerhalb von
4 Wochen konnten die Besucher Spezialitäten aus Afrika, Bosnien oder
auch Lateinamerika genießen.

Im
zweiten Projekt "Real Utopia" stellen Künstler aus Rußland,
Litauen, der Türkei, Ungarn, Jugoslawien, Makedonien und der Slowakei
ihre Arbeiten vor. Durch den Verein "Balkankonsulat" konnten im
Vorfeld Kontakte zu den einzelnen Künstlern geknüpft werden. Idee
des Projekts ist, diese Kunstwerke nicht in Galerien, sondern im öffentlichen
Raum zu präsentieren, so dass sie für jeden zu jeder Zeit kostenlos
zugänglich sind. Die Standorte sind im ganzen Stadtteil Gries verteilt,
der aufgrund seiner Internationalität besonders für dieses Projekt
geeignet schien.

Die Großprojekte GRAZ03 im
Rahmen des Jahres als Kulturhauptstadt findet großen Anklang bei den
Migranten. Besonders stolz sind sie natürlich auf die eigenen Projekte.
Als weiteres positives Zeichen gilt das einstimmig beschlossene Vorhaben,
sich als erste "Menschenrechtsstadt Europas" zu bewerben. Doch aus
Sicht von Kheder Shadmann sind zwei Projekte nicht genug um den interkulturellen
Ansatz der Stadt entsprechend darzustellen. Der Ausländerbeirat hat auf
dieses Defizit in der Organisation hingewiesen.
Um die zukünftige Lage der
Ausländer weiter zu verbessern, wurden zwischen allen Parteien auf kommunaler
Ebene eine politische Übereinkunft getroffen. Diese Maßnahmen wurden
insgesamt als positiv bewertet. Ziele dieses Vorhabens sind unter anderem
Veränderungen bei der Vergabe von Gemeindewohnungen und die Schaffung
eines eigenen Referates für Integration und die Öffnung der Ämter.
Damit gemeint ist eine Verbesserung und "Humanisierung" des Kommunikationsstils
in den Ämtern, einem typischen Problemfall in ausländerstarken Städten.
Ein weiterer Brennpunkt für
kulturelle und sprachliche Konflikte sind Schulen wie die schon anfangs erwähnte
St. Andrä-Schule. Die Hauptschule wurde erst kürzlich mit dem steirischen
Preis ausgezeichnet. Schon auf dem Schulhof spürt man die multikulturelle
Atmosphäre der Schule. Ein Gewusel verschiedener Sprachen ist zu vernehmen,
denn bei den rund 250 Schülern handelt es sich um Kinder aus 16 Nationen
mit 12 verschiedenen Sprachen.

Die Abbildung
soll die Mehrsprachigkeit der Schüler verdeutlichen.
(Zum Vergrößern Abbildung doppelklicken.)
Aufgrund der großen Mehrsprachigkeit
unterscheidet sich der Stundenplan von anderen österreichischen Schulen.
Die Schüler werden hauptsächlich in Deutsch und Englisch unterrichtet.
In den Pausen kann und will man nicht verbieten, dass die Kinder sich in ihrer
jeweiligen Muttersprache unterhalten. Schließlich ist das Teil ihrer
Herkunft und oft wird auch in den Familien in der ehemaligen Landessprache
gesprochen. Auch die Religion spielt eine große Rolle, da es in Österreich
Religion als Pflichtfach gibt. Zwei Stunden pro Woche erhalten die Schüler
Unterricht in ihrer Religion.
Ein weiterer Unterschied ist, dass
ein Kommunikationsfach in den Lehrplan eingebunden werden muss. Ziel dieses
Faches ist es, dass die Schüler lernen, ihre Gedanken, Wünsche und
Gefühle auch auf Deutsch auszudrücken. Neben dem allgemeinen Sprachproblemen
spielen an der Schule auch die typischen ethnischen Konflikte zwischen Jungen
und Mädchen eine Rolle. Gerade für Jungen mit islamischem Hintergrund
kann die Offenherzigkeit der Mädchen ein Problem darstellen, weil sie
dies von Haus aus nicht kennen.

Alle diese Bemühungen zielen
letztlich darauf, Probleme in Gries abzubauen und zugleich die besondere kulturelle
Vielfalt aufgrund des hohen Migrantenanteils in den Vordergrund zu rücken:
Multikulturalität als Chance. In großen Teilen der Grazer Bevölkerung
gilt dieser Bezirk jedoch nach wie vor als "Arbeiterviertel" und
als Heimstatt von "Sex and Crime". Aber man hört auch immer
öfter, dass Graz ohne Gries gar keine richtige Stadt wäre.
Informationen zu den
Autorinnen: Nadin Koch und Jeannette Süß studieren Deutsch
als Fremd- und Zweitsprache an der TU Chemnitz. Die Reportage ist Ergebnis
einer Exkursion nach Graz im Jahre 2003.