KULTUR / FEUILLETON
Kritik
LEO Chlebusch Rezension Sick

 

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Ein Blick in Bastian Sicks gesammelte Kolumnen

 

Von Michael Chlebusch


Erklären Sie Ihren Freunden regelmäßig, dass etwas keinen Sinn macht, sondern lediglich hat? Achten Sie peinlichst darauf, dass vor Ihrem programmiert kein vor vorkommt? Und lachen sie andere schon mal laut aus, weil sie von optimalsten Dingen sprechen? Wenn Sie jetzt alle drei Fragen mit ja beantworten konnten, dann sind Sie entweder ein pedantischer Klugscheißer oder aber ein treuer Fan des SPIEGEL ONLINE Zwiebelfischs. Dabei ist es allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass ersteres wahrscheinlich letzteres früher oder später nach sich zieht, doch der begeisterte Leser von Bastian Sicks Kolumne nimmt dieses Risiko gern in Kauf. Kaum einem gelingt es wie Sick, sprachliche Gewohnheiten und Unarten des Alltags so treffend und ironisch auf den Punkt zu bringen, dass man sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlagen und laut ausrufen möchte: „Diese Deppen!“, um sich schon im nächsten Moment höchst unsicher darüber zu sein, ob man nicht selbst einer dieser Deppen ist.


Grafik: Michael Chlebusch

Jetzt endlich kann man das Gefühl, seine eigene Unvollkommenheit entblößt zu sehen, auch an Freunde und Verwandte verschenken, denn Sicks Zwiebelfische gibt es nun nicht mehr nur zum gleich Lesen, sondern auch zum Mitnehmen in 240 Seiten Buch verpackt. Dabei sind einige der Fische in "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" zwar nicht mehr ganz frisch – die ältesten lagen de facto schon seit Mitte 2003 im Netz – doch haben sie noch längst nicht angefangen zu stinken und sind genießbar wie am ersten Tag.

Die 48 Kolumnen, angefangen vom Apostroph- und Bindestrichamok über gefährliche Adjektivierungstendenzen bis hin zur Invasion anglizistischer Phrasen ins Deutsche, haben auf ihrem Weg in die Buchform nichts an Aktualität, Informativität und vor allem Unterhaltungswert verloren. Das kürzlich auch online erschienene Zwiebelfisch-ABC zeigt darüber hinaus die häufigsten sprachlichen Irrtümer auf, bei denen selbst ein linguistisch gebildeter Leser so manches Aha-Erlebnis haben wird.

Dabei ist Sick jedoch keinesfalls ein Sprachfaschist, der alle Veränderungen, die das Deutsche seit Konrad Duden erfahren hat, am liebsten ungeschehen machen möchte. Er zeigt vielmehr den Weg „durch den Irrgarten der deutschen Sprache“, wie es im Untertitel des Buches heißt, und beweist, dass dieser Irrgarten eher den lustwandlerischen Heckenkonstruktionen des barocken französischen Adels gleicht als dem todbringenden Labyrinth des Minotaurus.

Da bestärkt Sick zum Beispiel die Hausfrau, die ihren Espresso eindeutscht, diesen gern auch als Expresso zu trinken, oder gibt dem Grundwehrdienstleistenden Schützenhilfe, der wegen seines Fugen-S im Dreieck(s)tuch schon so manche Standpauke hat einstecken müssen. In auch für Unteroffiziere leicht verständlichen Übersichten werden dann oft un- oder missverständliche grammatische Sachverhalte genauer erklärt, auf dass auch der Leser seinen Kampf gegen die unbeugsamen "Verbier" gewinne, wie Sick es Cäsar in einer seiner Kolumnen zuschreibt.

So ist Bastian Sicks Buch jedem zu empfehlen, der keine Angst davor hat beim amüsanten Blick in den Spiegel der Sprache den einen oder anderen Pickel zu finden, auch wenn er weiß, dass man sie wahrscheinlich nie alle los wird.


Bastian Sicks "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod – Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache" ist erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Veröffentlicht am 09.11.2004
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