KULTUR
Interview
LEO Chlebusch Interview: Peters


„Ich glaube nicht, dass die Menschheit die Literatur überlebt“

Literaturwissenschaftler Günter Peters über Trivialliteratur und Erhaltenswertes.


Von Michael Chlebusch

 

Reihe um Reihe stehen sie in Bibliotheken, erzählen wie tönerne Soldaten längst vergangener Dynastien von unserer Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht auch ein bisschen von unserer Zukunft. Romane, Novellen, Gedichte, Epen, Dramen, ihre Liste ist lang, so lang wie das Gedächtnis der Menschheit. Doch wozu haben wir das alles angehäuft? Reichte nicht ein Geschichtsbuch? Wodurch sind die Gedanken all dieser Autoren für uns erhaltenswert? Und welche sind es nicht? Fragen, die LEO dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Günter Peters im Interview stellte.

 

LEO: Worin sehen Sie die Aufgabe belletristischer Literatur?

Peters: Literatur ist ein unglaublich lebendiges und unerschöpfliches Medium und Archiv für die Erfahrungen, die Menschen mit sich selbst, mit anderen, mit der Welt machen. Zugleich erweitert Literatur ständig die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache, indem sie neuen Erfahrungen künstlerische Gestalt gibt.
Ästhetische Erkenntnis von literarisch gestaltetem Leben, das ist glaube ich etwas in der Geschichte des menschlichen Geistes Unvergleichliches, was deshalb überliefert und erhalten zu werden lohnt und unbedingt eine Zukunft haben muss.

LEO: Wo sind dabei die Aufgaben der Literaturwissenschaft? Den Erhaltungsprozess zu unterstützen?

Peters: Ja, diesen Prozess des Gedächtnisses, diese Erinnerungskultur, wie sie sich innerhalb von 2000 Jahren aufgebaut hat, zu überliefern, zu erforschen und den Reichtum, der darin steckt, der eigenen Zeit immer wieder neu zu erschließen.
Wir fragen auch: welche Möglichkeiten der Kritik und Beurteilung von Literatur gibt es? So, dass wir die Spreu vom Weizen trennen können, das Überliefernswerte und Reichhaltige von dem, was eher in die Zonen des Vergessens gehört.

LEO: Aber was macht Literatur erhaltenswert? Wo wird Ihrer Meinung nach Literatur trivial?

Perspektiven zeigen: Prof. Dr. Günter Peters ist Leiter der Professur Deutsche Literatur der Neuzeit und der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft
an der TU Chemnitz.

Peters: Trivial wird es dort, wo bestimmte Klischees vom Leben der Menschen erzeugt werden, wenn gar nicht in die Tiefe dessen sondiert wird, wo der Mensch sich selbst immer noch geheimnisvoll ist, sondern wenn nur bestimmte Erwartungen des Lesers erfüllt werden, ohne dass daraus noch eine Verwunderung über die Welt und über die eigene Individualität hervorgeht.

LEO: Ist dann das, was einen Klassiker ausmacht, eher die Zeitlosigkeit oder ein Zeitgeist, den er festhält?

Peters: Weder noch, sondern die hochinteressante Tatsache, dass ein Werk in seiner Entstehungszeit Sprengkraft hatte, neue Horizonte erschlossen hat, die zuvor nicht sichtbar geworden sind, und zugleich eine solche Fülle hat, die es über die eigene Zeit hinaus hebt und immer neu erschließbar macht. Diese Geschichtlichkeit von Literatur ist schwer zu fassen, da die Literatur nicht dadurch zeitlos wird, dass sie sich der eigenen Zeit entzieht und in einem geschichtslosen Raum schwebt, sondern Perspektiven auf die Zeit wirft, die sich immer neu erleben lassen. Geschichte ist ja recht besehen die Überwindung des abstrakten Gegensatzes von Zeitgeist und Zeitlosigkeit, wie Sie es nannten.

LEO: Dann kann uns auch ein 100 Jahre alter Klassiker noch etwas vermitteln?

Peters: Ja, natürlich. Er kann auch 1000 oder 2000 Jahre alt sein. Denken Sie nur an die Odyssee, die so viel an moderner Erfahrung enthält. Zum Beispiel als Odysseus als letzter Überlebender seiner Mannschaft an den Strand der Phaiaken verschlagen wird und dort nackt im Schilf ankommt. Eine völlig gestrandete Existenz, die vor dem Ruin steht und dann wieder auf Menschen trifft, von denen er aufgenommen wird, so dass er aufleben kann. Das sind ja nicht nur Mythen oder etwas typisch Griechisches, sondern Erfahrungen, die immer wieder gemacht werden.
Man sieht hier auch, dass sich der Mensch nicht immer neu erfinden muss, sondern Literatur ihm auch zeigen kann, was alles in ihm steckt, so weit er auch in der Geschichte zurückschaut.

LEO: Besteht dabei die Gefahr, dass irgendwann alles schon gesagt wurde und nur noch wiederholt wird?

Peters: Das wäre ja erst der Fall, wenn die Menschen wirklich am Ende angekommen wären, wo sie sich nur noch mechanisch reproduzieren, ohne irgendwelche Perspektiven zu haben. Dann wäre wahrscheinlich auch die Literatur am Ende. Ich glaube nicht, dass die Literatur die Menschheit überleben würde, aber ich glaube auch nicht, dass die Menschheit die Literatur überlebt. Solange Menschen nachdenken und ihnen die Phantasie nicht ausgeht, wird es auch Literatur geben. Diese kann sich immer neuer Medien bedienen, wird dadurch immer reicher, stirbt aber nicht aus.

LEO: Wer schreibt die Klassiker von morgen? Heute verkannte Autoren oder doch eher die aktuellen Bestseller?

Peters: Natürlich gibt es Autoren, die heute im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen und von denen man mit Grund annehmen kann, dass sie auch in 100 Jahren noch gelesen werden. Es können sehr unterschiedliche Autoren sein wie, sagen wir, Günter Grass, Peter Handke oder Thomas Bernhard, an denen man eine Fülle literarischer Gestaltungsmittel, eine brennende Art der Aufarbeitung von Geschichte oder eine Musikalität der Sprache realisiert sieht, die so schnell nicht aufgebraucht werden können. Andererseits ist es gerade das Spannende, dass unbekannte Autoren zu entdecken, die heute zurück gedrängt werden, weil der Markt keine Chancen für sie bietet.

LEO: Sie haben eben schon drei Namen genannt. Gibt es fünf Bücher, die Sie für Pflicht halten, die man gelesen haben sollte?

Peters : Da müsste man schon klassische Werke nennen. Homer, die griechischen Tragödien, Don Quixote, Shakespeare, Balzac, Goethes Wahlverwandtschaften, Thomas Manns Josephsromane…

LEO: Das waren ja schon mehr als fünf.

Peters: Ja. (lacht) Das schwankt natürlich. Es gibt keinen unverrückbaren Kanon, der Prioritäten festlegt. Welches Buch ist das wichtigste? Vielleicht die Bibel? Die wenigsten haben sie von vorn bis hinten durchgelesen, aber es gibt wohl kein Buch, das unser Leben so sehr durchdringt - selbst in einer ‚postchristlichen' Gesellschaft.
A
uch gibt es wenige Bücher, die eine solche Wirkung in der Kulturgeschichte und in den Künsten ausgeübt haben, wie Ovids Metamorphosen. Das gehört also auch zu den fünf Büchern, die man gelesen haben müsste. Den fünf bis fünfzig.

LEO: Eine Abschlussfrage: Was lesen Sie aktuell?

Peters: Aktuell lese ich sehr viele Hörspieltexte, was ein Schwerpunkt meiner Forschung der letzten Jahre geworden ist. Ich muss mich schon beschränken auf Lektüre dessen, wozu ich in nächster Zeit Seminare und Vorlesungen anbiete. Es ist ja gewissermaßen der Fluch professioneller Sprach- und Literaturwissenschaftler, dass sie zu wenig zum freien Lesen kommen.
Aber ich werde mich jetzt auch wieder den Dramen Goethes zuwenden, diese erneut lesen. Außerdem habe ich von Dieter Forte eine Trilogie auf dem Tisch liegen: Das Haus auf meinen Schultern. Die habe ich kürzlich angefangen zu lesen und ich dachte, das musst du unbedingt lesen, da mir dort eine Sprache entgegenkam, die ganz großartig ist. Das steht sozusagen auf meiner Wunschliste der Privatlektüre.

LEO: Wir danken für das Gespräch.

 

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Veröffentlicht am 25.04.2007
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